„Nessun dorma“, „Keiner schlafe“, wird gern bei sportlichen Großereignissen gesungen, denn am Ende (vin-ceeeee-rò!) muss es einen Sieger geben. In der Oper hat Kalaf jedoch längst gesiegt, wenn er zu Beginn des dritten und letzten Aktes diese Arie zum Besten gibt, denn er hat Turandots Rätsel gelöst und dürfte diese emotional leicht unterkühlte Prinzessin nun heiraten. Was letztere jedoch nicht will, denn sonst hätte sie nicht schon oft tödliches Rätselraten mit potenziellen Ehemännern gespielt. Also gibt ihr Kalaf, ganz Gentleman und leichtsinniger Tenor, die Chance, dieser Ehe zu entkommen, sofern sie bis zum Morgen seinen Namen nennen kann. Und darum schläft keiner in Peking.

Lise Lindstrom (Turandot), Yusif Eyvazov (Kalaf) und Anita Hartig (Liù) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Lise Lindstrom (Turandot), Yusif Eyvazov (Kalaf) und Anita Hartig (Liù)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Diese Turandot-Neuinszenierung der Wiener Staatsoper verschläft hoffentlich auch niemand, denn es ist zu viel los, um Langeweile aufkommen zu lassen. Da ist zum einen die eklektische Inszenierung von Marco Arturo Marelli, der man ansieht, dass sie eine Adaption seiner Bregenzer Seebühnen-Turandot auf Staatsopernverhältnisse ist. Jenen mit Exklusivitätsanspruch an das Haus gefällt dieser Umstand zwar grundsätzlich nicht, aber nüchtern betrachtet hat man es mit einer repertoiretauglichen, weil mehrheitsfähigen Inszenierung zu tun: Kalaf ist Puccini, der in seine eigene Oper eintaucht und sich selbst mit den Themen Liebe und Tod in der Figur der Turandot konfrontiert.

Beim Bühnenbild setzt Marelli auf eine schiefe Ebene und für die Chorszenen auf eine Tribüne, was Freunde moderner Optik zufriedenstellen dürfte. Die Liebhaber des Traditionellen freuen sich wiederum auf einen raumbeherrschenden blauen Vorhang mit goldenem Drachen- und Blumenmuster, der farblich auf Turandots Robe (Kostüme: Dagmar Niefind) und Haar abgestimmt ist (oder umgekehrt).

Hässlichkeit darf auch sein, denn der abgeschlagene Kopf des persischen Prinzen liegt minutenlang auf dem Bühnenboden, weitere Köpfe sind in Gläsern konserviert (kein Wunder, dass sich Ping, Pang und Pong, die teils als Clowns, teils als Beamte auftreten, über ihren Job beschweren). Immerhin findet Gewalt abseits der Bühne statt, und dem Publikum bleibt die Folterung der lieben Liù erspart. Wird im Libretto von einem Seidentuch gesprochen, wird  prompt eines gezeigt – und so geht es mit weiteren Requisiten, so geht es wie in alten Schenk-Produktionen. An zusätzlichem Personal werden Akrobaten als Henkersknechte und -mägde aufgeboten, hin und wieder mischt sich ein weißer Clown ins Geschehen ein... Geht hier alles drunter und drüber, fehlt hier ein Konzept? Mag sein, doch mir scheint vielmehr, dass sich Marelli sehr bewusst für den Eklektizismus entschieden hat.

Lise Lindstrom (Turandot) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Lise Lindstrom (Turandot)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
In musikalischer Hinsicht ist an vorderster Stelle Gustavo Dudamel zu loben, der die gesamte Turandot (mit der Originalfassung des von Franco Alfano ergänzten Finales) erstens auswendig und zweitens durchgängig stehend dirigierte. Das ist per se eine gewaltige Leistung, und noch beeindruckender geriet das Ergebnis dieses ambitionierten Einsatzes: Präzision auf der ganzen Linie, perfekte Harmonie zwischen Bühne und Graben, und ein magisches Klangbild mit aufregenden Nuancierungen. Erfreulich war, dass er es wagen konnte, Lautes auch wirklich laut zu spielen, denn die drei großen Partien waren allesamt mit großen Stimmen besetzt.

Da wäre zunächst Lise Lindstrom, die in der Titelpartie eine glänzende Figur machte, und zwar sowohl als königliche Erscheinung als auch gesanglich. Ihre Turandot hat ein wenig von Salome, und das ist absolut stimmig; darüber hinaus punktete sie mit Kraft, schönen Piani und sicherer Intonation. Dass der Tenor einmal Todfeind der Primadonna sein darf, macht den Reiz der Figur des Kalafs aus – aber auch die Schwierigkeit, welche zur vokalen Herausforderung hinzukommt. In dieser Partie gab Yusif Eyvazov als Einspringer für den erkrankten Johan Botha sein Staatsoperndebüt, und man darf sagen, dass es geglückt ist. Man hat zwar schon ein schöneres „Nessun dorma“ gehört, aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn potenzielle Kalafs sind rar. Eyvazov war jedenfalls intonationssicher und sang mit vollem Einsatz. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Forcieren im Fortissimo keine Spuren an seinem robust-männlichen Tenor hinterlässt.

Anita Hartigs Stimme hat Reinheit und Glanz, was sie zur Idealbesetzung für die edle arme Seele Liù macht, und ihre Darstellung war erschütternd. Berührend war der aus dem Ruhestand geholte Publikumsliebling Heinz Zednik als weißhaariger Altoum im Rollstuhl – wenn man, so wie er, alle Töne hat, braucht man keine Stimme. Dan Paul Dumitrescu und Paolo Rumetz überzeugten als Timur bzw. Mandarin; Ping, Pang und Pong waren solide aus dem Ensemble besetzt.

Gabriel Bermúdez (Ping), Carlos Osuna (Pang) und Norbert Ernst (Pong) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Gabriel Bermúdez (Ping), Carlos Osuna (Pang) und Norbert Ernst (Pong)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Fazit: Ein Opernabend ohne Kampf gegen den Sekundenschlaf. Die Akklamationen teilte sich das Trio der großen Partien gerecht; humorvoll nahm Gustavo Dudamel die bekannte (Un)sitte, dass das Orchester nach getaner Arbeit und höflicher Entgegennahme der ersten Ovationen schnellstmöglich nach Hause geht. Bei seinem zweiten Solo-Vorhang tat Dudamel einfach so, als wären die Musiker noch da und lobte sie pantomimisch ausgiebig.

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