Subito con forza heißt das neuste Stück von Unsuk Chin. Es wurde in Amsterdam vom Royal Concertgebouw Orchestra unter der Leitung des jungen Finnen Klaus Mäkelä uraufgeführt. „Überraschend kräftig” hätte auch das Motto des ganzen Konzertes sein können. Denn der solitär aufgeführte vierte Satz der Ersten Symphonie des Peruaners Jimmy Lopez klang genauso kraftvoll und überwältigend wie das abschließende Erste Klavierkonzert von Tschaikowsky. Die kurzfristig eingesprungene Beatrice Rana brachte dieses Sinnbild eines fast schon überstrapazierten Bravourstücks dank ihrer sensationellen Gestaltungsgabe zu einer überzeugenden Wiederentdeckung.

Klaus Mäkelä © Marco Borggreve
Klaus Mäkelä
© Marco Borggreve

Chins erster Kompositionsauftrag für das RCO sollte inhaltlich zum Beethovenjahr beitragen. Überraschend und folgerichtig beginnt Subito con forza mit dem Anfangsakkord der Egmont-Ouvertüre, brillant und klangschön eingesetzt, aber sofort danach verzerrt durch flirrende Streichertremoli. Was folgte und viel zu schnell wieder mit einem klassisch-konsonanten Streicherakkord endete, war eine spannende Abfolge von instrumentalen Motiven und orchestralen Klangblöcken, aus denen das Klavier und die zwei Schlagzeuger mit ihrem enorm großen Aufgebot an Trommeln und Schlaginstrumenten als wahre Schwerstarbeiter herausragten. Chin über ihre Kompositionen: „Ich versuche immer, über meine Grenze zu gehen.“ Das verlangt sie auch von den Musikern, die ihre Stücke spielen. Mäkelä leitete ihr feingegliederte Musikfeuerwerk leichtfüßig swingend und mit einem verführerischen Lächeln auf den Lippen. So als wollte er sagen: „Seht her, das ist die Musik meines Herzens!” Der erst 24-Jährige gestaltete sein Debüt bei einem der besten Orchester der Welt so souverän, dass mir viele seiner älteren Kollegen jetzt schon leidtun. Selten habe ich Musiker auf der Bühne so intensiv spielen hören und gleichzeitig so deutlich ihre Bewunderung für einen Dirigenten zum Ausdruck bringen sehen.

Im Klavierkonzert war er der Solistin Rana ein sehr gewissenhafter Begleiter. Schon der erste Einsatz der Hörner loderte wie ein archaisches Feuersignal, altbekannt wie es erklang als Mitsingmotiv. Aber an diesem Abend war es mit einer unbekannten Klangenergie erfüllt. Auf solche Weise bereitete Mäkelä den atmosphärischen Boden für die Klangpoetin Rana. Rana hatte dieses Konzert schon vor fünf Jahren aufgenommen, sie kann es also träumen. Und genau diese totale Beherrschung der schwierigen Partitur machte sie zur idealen Neuinterpretin. Kein einziges Motiv wurde von ihr in derselben Lautstärke wiederholt. Keine einzige Phrase spielte sie mit genau demselben Anschlag. Mit ihren schier unermesslichen Nuancierungsmöglichkeiten hielt sie das Publikum atemlos bei der Stange. Die vielen Kadenzen spielte sie Stück für Stück entrückt, nahm sich Zeit und atmete jede Phrase bis zum Ende durch. Damit entführte sie ihr gefesseltes Publikum aus der gegenwärtigen Zeit in nicht enden wollende Momente purer Schönheit. Rana bedankte sich am Ende ihres Debütabends beim RCO bei ihrem Publikum mit der As-Dur Etüde, Op.25 Nr.1 von Frederic Chopin. Damit endete ein ganz besonderer Konzertabend so intensiv begeisternd und strahlend wie er begonnen hatte.

Dessen Beginn war in Termen heutiger Konzertgepflogenheiten mehr als ungewöhnlich. Es stand nämlich nur der vierte Satz Libro cuatro der Ersten Symphonie von Jimmy Lopez auf dem Programm. Seine 2016 entstandene Symphonie trägt den Titel The Travails of Persiles and Sigismunda nach dem letzten, erst posthum veröffentlichen Roman von Miguel de Cervantes. Für den trotz des großen Erfolges seines Don Quijote in Armut gestorbene Cervantes war dieses Werk die Krone seines Schaffens. Es besteht aus vier Büchern und diese Einteilung hat Lopez für seine Symphonie übernommen. Der (vierte) Satz begann dunkel und mysteriös mit Kontrafagott und Pauken, Kontrabässe und große Trommel übernahmen die Stimmung worauf die magistralen Posaunen eine bedrohliche Melodie einsetzten. Aber bald klärte die Stimmung auf. Die von nun an sehr optimistische Musik endete auf durchdringend hell geblasenen hohen Trompetentönen und Röhrenglocken und bewies damit, wie passend sich Mäkelä diesen Satz anstelle einer Ouvertüre ausgesucht hatte. Mit so meisterlichen Tatendrängern wie ihm braucht man sich um die Zukunft der klassischen Konzerte keine Sorgen zu machen!

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