Gleich an mehreren Abenden werden Werke der in Berlin lebenden und aus Südkorea stammenden Komponistin Unsuk Chin in der Elbphilharmonie in der Saison 2019 / 2020 gespielt. Als Composer in Residence wurde ihr zudem an diesem Abend im Kleinen Saal der Hamburger Bach-Preis 2019 verliehen. Danach, im Portraitkonzert, wurden kammermusikalische Werke Chins gespielt, die in der Instrumentierung eine überraschende Bandbreite forderten. Neben Musikern aus dem NDR Elbphilharmonieorchester spielte auch das Kairos Quartett und weitere Solisten. Die Ligeti-Schülerin selbst wohnte der Aufführung bei, und erlebte drei ihrer Werke aus den Jahren 1991 bis 1995, darunter auch Akrostichon-Wortspiel, das als Durchbruch der Komponistin verstanden werden kann.

Unsuk Chin © Priska Ketterer
Unsuk Chin
© Priska Ketterer

Den Anfang machte das Kairos Quartett mit ParaMetaString für Streichquartett und Elektronik. In dem aus vier Sätzen bestehenden Stück, welches aus einer Studie über Streicherklänge resultiert, kommen über die Elektronikzuspielung verfremdete Streicherklänge zum Quartett hinzu. Die Musiker ließen sich voll auf diese Klangerforschung ein, hatten großen Spaß daran, mit den Spieltechniken des Schleifens über die Saiten, oder Schlagen mit der Rückseite des Bogens die Möglichkeiten im Klangspektrum auszuloten. Gerade der Cellist Claudius von Wrochem interagierte äußerst präzise mit den Celloklängen aus der Einspielung, und auch insgesamt zeigten die Musiker eine verblüffend hohe Synchronität, vor allem bei Pausen und Abschlägen, aber auch bei kombinierten Glissandi oder versetzten Flageolets. So schritt das Quartett erhaben und immer hochkonzentriert Hand in Hand mit den Klängen der Einspielung durch die Spannungsbögen dieses faszinierenden Werkes, und man spürte hier deutlich die jahrzehntelange Erfahrung des Ensembles im Feld der Neuen Musik.

Ein kleineres Ensemble musizierte die Fantasie Mécanique, ein dichtes Werk, das die Mitglieder des Ensembles vor unterschiedliche Herausforderungen stellte, geht es schließlich darum, zwei gegensätzliche Ideen miteinander zu vereinen: die menschliche Fantasie, und die mechanischen Eigenschaften von Maschinen. Während sich das Marimba mit klug gewählten Lautstärken gut einordnen konnte, und die Trompete mit einem recht weichen Tonansatz übersteigerte Dominanz vermied, war das Klavier zwar sehr gemeinschaftsdienlich in den Akzenten, hätte aber an mancher Stelle noch charaktervoller hervortreten, und sich dadurch selbstbewusster präsentieren können. So war auch der Dirigent Stefan Geiger vollauf damit beschäftigt Ordnung zu halten, wirkte an der interpretatorischen Gestaltung jedoch kaum mit. Die engagierten Schlagwerker sowie der immer abgeklärt agierende Posaunist Henry van Engen sorgten aber ihrerseits für die Klarheit in der strukturellen Darstellung. Hier waren es die vielen, doch zum Großteil gemeisterten Herausforderungen, die die beeindruckende Komplexität der Fantasie deutlich machten.

Ein weiterer Bühnenumbau bereitete das Publikum dann vor auf das letzte Werk, Akrostichon-Wortspiel. Sieben Szenen aus Märchen. Unsuk Chin schrieb es als Auftragsarbeit für die Gaudeamus-Stiftung, und beendete dadurch eine längere Schaffenskrise nach ihrer Studienzeit, schuf gleichzeitig damit aber auch eines ihrer erfolgreichsten Werke. Die sieben Sätze sind Darstellungen verschiedener Gefühlsebenen. Das etwas größere, gemischte Ensemble aus Mitgliedern des NDR Elbphilharmonie Orchesters enthielt unter anderem eine Mandoline, Bassklarinette, Oboe, Flöte und Harfe, Rinnat Moriah war als Sopranistin geladen. Trotz dieser großen Klangfülle brachte sich der Dirigent diesmal viel mehr und aktiver in die Gestaltung des Vortrages ein, forderte und lenkte das Spiel der Musiker und auch Ringt Moriah war richtig gefordert. Die vielen schwer zu singenden hohen Tonsprünge gestaltete sie technisch brilliant, führte die repetitive Terzsprünge dagegen mit angenehm weicher Klangfarbe aus. Was den Ausdruck und die dramaturgische Gestaltung angeht ließ Moriah dennoch einige Möglichkeiten ungenutzt, und hätte noch deutlicher die Führungsrolle in diesem Stück einnehmen können. Im für die Sängerin raumbildenden Ensemble gab es währenddessen einige interessante Synergien, so gingen Klavier und Schlagwerk immer wieder interessante Klangkooperationen ein, aber auch Kontrabass und Bassklarinette vereinten sich spielerisch ein ums andere mal, während die Flöte ihre Dominanz in den hohen Frequenzen geschickt dosierte.

Still und fast besinnlich klang dann der Abend aus nach drei beeindruckenden und ergreifenden Werken der Komponistin Unsuk Chin.

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