Es ist das sechste Mal, dass Malta Barockmusikfans zum Valletta International Baroque Festival einlädt und damit nicht nur die kunstfertigen Töne der Epoche ins Gehör der Menschen bringt, sondern mit dem insularen „Openair-Museum“ gleichzeitig das Sehorgan für den kulturellen, architektonischen Reichtum der Zeit schärft. 2018 darf sich Valletta zudem Europäische Kulturhauptstadt nennen, was die Veranstalter aber nicht davon abhielt beziehungsweise in solidarischer Vielfalt vielmehr dazu anregte, weitere bedeutende Stätten außerhalb der Stadt im Rahmen von Veranstaltungen zugänglich zu machen. Eine von ihnen ist die Aula Capitulare, der Kapitelsaal der ummauerten Festungskathedrale in der ehemaligen Hauptstadt Mdina, in dem zwei Alte-Musik-Youngster die schier schimmernde Atmosphäre von Geschichte und Gegenwart beleuchteten: Jean Rondeau und Thomas Dunford.

Jean Rondeau © Edouard Bressy
Jean Rondeau
© Edouard Bressy

Ihr Programm beschäftigte sich mit der Maskerade, dem üppigen Unterhaltungsschauspiel der Gesellschaft aus Tanz, Verkleidung, Dichtung, vornehmlich und trennscharf natürlich vom höfischen Adel gefeiert, bei dem auch galante Musik nicht fehlen durfte. Sie wurde oftmals dargeboten in kleiner solistischer Besetzung mit Gambe, Violine und Flöte, wie auf Gemälden festgehalten jedoch auch wahlweise mit Cembalo und Laute (Theorbe), so wie an diesem Abend. Sie bildete unter Ludwig XIV. in Frankreich den Überläufer zur Oper mit ihren daraus tradierten Anlassstücken und Höhepunkten zu Karneval, was der Kirche ein Dorn im Auge sein sollte. Verschärfte Sittengesetze waren die Folge, obwohl der Klerus selbst einer gewissen Dekadenz und Frivolität nicht abgeneigt war. Mit der Musik von französischen Hofkomponisten bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts jenseits des neuen Gattungsschreibers Lully spielten Rondeau und Dunford nun beeindruckend ihr Spiel damit.

Und dabei versteckten sich in den Werken noch königliche Gutenachtlieder, wie die beiden Solisten dank der intimen Atmosphäre in kurzen, erklärenden Ansprachen erläuterten. Als ein solches hätte beispielsweise die sammelnde, beruhigende Mitte der fünfsätzigen Suite in d-Moll von Robert de Visée gelten können, die in der abwechselnden Themenführung von Cembalo und Theorbe sowie dann in ihrem Zusammensein so organisch war, dass der teilweise exotische Lautenklang gerade jetzt in die hier überall erfahrbare kulturell-gemixte Umgebung passte. Umschlossen wurde sie von markanteren, kräftigeren Sätzen, in denen nicht nur die stärkeren Akzente, die in Dynamik und Soprano-Basso-Verteilung changierenden Farben gut aufeinander abgestimmt waren, sondern zudem die ausdrucksstarke Phrasierungsbalance gefielen, die in der Kombination der zwei gezupften und doch so unterschiedlichen Instrumente nicht einfach ist. Die Ecken dieses aufgeworfenen Fächers sollten eine von Jean Rondeau in prägnantem Ton gesetzte, reich verzierte, ernst-ehrwürdige Prélude mit eleganter Auflösung sowie ein keckes Arlequins-Finale sein, in denen der Enthusiasmus – ob laut oder leise – in jeder Hinsicht mit den Fingern zu spüren war.

Thomas Dunford © Julien Benhamou
Thomas Dunford
© Julien Benhamou

Nach einem durch Thomas Dunford dynamisch und mit dünnen, zärtlichen Trilli berührend, in aller Delikatesse angeschlagenen Ton von Marin Marais' Les Voix Humaines (für Viola da Gamba) widmete sich das Duo in fließendem (und tonalem) Übergang Francois Couperin. Die affektvollen Einfälle gepaart mit akademischer Virtuosität des diesjährigen Komponisten-Jubilars waren in den Händen der Solisten bestens aufgehoben. So kamen musikalisch interessante Durchbrechungen zum Vorschein, zunächst im Dialog von Cembalo und Theorbe des melodisch-liedhaften Le Ménetou, dann im scheinbar erst steifen, monotonen, einschlafrhythmischen Le Dodo ou l'amour au berceau. In dessen Verlauf vermag Couperin immer wieder zu überraschen, sei es durch besondere Innigkeit oder stimmungsvoll kolorierten Lagenwechsel, der mit dem Lautenzug des Cembalos süffisant im Reich der Träume endet. Aus diesem rissen einen Rondeau und Dunford (oder war es der Traum?) mit einer energievollen, ereignishaften Passacaille, in der Couperin sowohl die französische und italienische Stilistik royal und feurig zusammenführte, wie eine verrückte Echo-Coda zur neuerlichen Reprise, wenn man eigentlich bereits den Schluss erwartet.

Mit dem königlichen Cembalomeister Jean-Henry d'Anglebert und dem 1. Bassgambisten am Hofe Ludwigs XIV. Antoine Forqueray samt Sohnemann Jean-Baptiste konnte der Zuhörer nun vollends das programmatische Spektakel erleben. So schaffte es Rondeau, der seinem klaren und nachdrücklichen Spiel eine mimisch mitleidend-dramatische Maskerade verpasste, die D-Dur-Prélude und Sarabande quasi ganz modern erklingen zu lassen. Was hier gefühlvoll akkurat war, kontrastierte nötigerweise temperamentvoll im Portugiesen-Satz von Forqueray (Vater), dem Cembalo und Theorbe das innewohnende Follia-Idiom zusammen mit herrschaftlicher Dominanz und Kultiviertheit entlockten. Kam man im verträumteren, aber härtlicheren Griff verhafteten La Sylva des Sohnes ein wenig zur Ruhe, gravierten die Solisten mit hör- und sichtbarer Größe und Selbstbewusstsein die Handschrift von Jupiter in die theatralisch-rhythmisch extravagante Tonspur, die Jean-Baptiste im 18. Jahrhundert legte.

Familiär (ebenfalls in mehrfachem Wortsinn!) beschlossen Rondeau und Dunford das unvergessliche Konzert, indem sie einerseits durch die Integrierung von La Piémontaise und einer C-Dur-Passacaille Louis Couperins, dem Onkel von Francois, abermals das kulturelle Erbe auf festliche und bewegende Art nachvollziehbar machten, andererseits mit Rameaus Les Sauvages eine bekannt spritzige Zugabe lieferten, die das herzliche Verlangen nach Mehr treffend stillen konnte.

 

Jens Kliers Pressetrip zum Valletta International Baroque Festival wurde von Malta Tourism gesponsert.