Bekanntermaßen unbekannt schlummern im Dunkel und Staub der Geschichte unzählige Schätze, die auf ihre Wiederentdeckung warten. Oberhalb, im erbauten Licht, sieht man zumindest oft die schmucke Herberge dieses spannenden Ganzen – in und mit ihr das Erhaltene und Angesammelte von herrschaftlich-erzbischöflichem Reichtum, das einen bereits in Erstaunen versetzt. Wo prasselt diese Empfindung eindrucksvoller auf einen ein als in der Kathedrale in Mdina, dessen farbprächtiger Barockbau im Inneren als Konzertort des Valletta International Baroque Festivals erwählt wurde, innerhalb dessen das eigene Ensemble musikalische Kostbarkeiten zu Tage förderte, die auch nebenan im Archiv lagen.

Valletta International Baroque Ensemble © Valletta International Baroque Festival
Valletta International Baroque Ensemble
© Valletta International Baroque Festival

Dieses gilt als eine der bedeutendsten Fundstätten jenseits Neapels, die zusammen mit Sizilien Stil, Erbe und Tradition der maltesischen Barockmusik bildet. Vor fünfzig Jahren öffnete es seine Türen zur Erforschung der artifiziellen Relikte, die nach und nach zu entschlüsselt versucht werden und um deren Veröffentlichung zumindest im Festival-Programm dieses Jahres bis zuletzt ein Geheimnis gemacht wurde. Eben mit dieser Spannung und Frische und einer Hingabe, die ganz dem Geist von Gründer und Festivaldirektor Kenneth Zammit Tabona entspricht und einige technische und intonatorische Schwierigkeiten abmilderte, hob das VIBE eine Motette eines (zuerst) anonymen Komponisten aus der Taufe. Ergänzt wurde sie von einer Sonate Michel'Angelo Vellas und vom Stabat Mater des mittlerweile für das Kulturleben nicht mehr wegzudenkenden Maltesers Girolamo Abos, das erstmals von der heutigen Komponistengröße Maltas, Joseph Vella, ediert und 2002 aufgeführt wurde.

Michel'Angelo Vella lebte von 1710 bis 1792 und studierte wie die meisten Komponisten in Neapel, ehe er 1738 auf die Inseln zurückkehrte. Zu hören bekam das Publikum seine erste Sonata, Op.1, auch wenn das Erfassen der drei Violinen und dem Continuo aus Cello, Truhenorgel und Theorbe aufgrund der Kathedral-Akustik nunmehr stark eingeschränkt war. Dieses Problem machte sich insbesondere bei den schnellen Figuren des Allegros bemerkbar, bei dem aber sowohl eine dynamische und artikulatorische Variabilität als auch die recht kuriose Art Vellas zu vernehmen waren, die wie der gesamte Aufbau schon sehr klassisch angelegt war. Ihm folgte nämlich ein langsames Momentum mit deutlich erkennbarer Klassiksprache, das einerseits ein wenig mehr tragen, andererseits Konzertmeisterin Nadia Debono anregen konnte, etwas von ihrer Expressivität auszuspielen. Nach einem luftig eingebrachten, teils harmonisch kühnen Scherzo in Menuett-Trio-Form, traten zwei der drei Geigen in einen spaßigen Dialog mit virtuosen Sechszehnteln, dynamisch variiert und fortan abgelöst von der Solo-Violine, deren Vorgaben die anderen Instrumente kommentierten.

Als Dialog ist auch die entdeckte Motette Jubila Propera Festina beschrieben, die wiederum von Joseph Vella einer Edierung unterzogen wurde und der taufrisch vor der Wiedergabe einem Komponist namens Balzano zugeordnet werden konnte. Es sollte nicht die einzige Überraschung bleiben. Das Stück beginnt mit einer strengen Continuo-Einleitung, der zwei konzertierende Violinen antworten. Darauf entspinnt sich die Unterhaltung der beiden Soprane, von denen Ersterer durch die sehr talentierte Francesca Aquilina das textlich erfassbare, festlich-freudige Motto klar, strahlend und in motivierter Einbringung erklingen ließ, eingehüllt in eine knabensopranliche Jugendlichkeit. Im Gegenzug dazu refklektierte Gillian Zammit in Begleitung des Bassos mit Wärme und dynamischem Effekt, deren anfängliche Zurückhaltung einem immer mehr aufblühenden und tonangebenden Erscheinungsbild eines Ausdrucks- und Stimmtalents wich. Machte sie darauf in den flehenden hohen Sphären ihres zweiten Einsatzes bereits aufmerksam und bereicherte Aquilina ein kleines Concerto, vermittelten beide doppelt gesteigerte Lobpreisung im gemeinsamen Abschluss der Anfangsfeier mit dem Orchester als konklusierender Alleluia-Verstärkung italienischer Prägung.

Beim 1750 fertiggestellten Stabat Mater Girolamo Abos' konnte man nicht anders als zwangsläufig an seinen neapolitanischen Schülerkollegen Pergolesi zu denken. Zu auffällig ähnlich mutete doch die Eingangsstrophe an, der Abos aber eine weitere Stimme und Farbigkeit schenkte, die vom Barockensemble in der Aufführung noch phrasierter und bewusster herausgestellt hätte werden können. Beide Soprane passten darin auch mit dem Hinzutritt von der jungen Clare Ghigo jedoch wunderbar zusammen, von denen Zammit neben dem einsatzkompositorischen zugleich das stimmlich-deklamatorische Übergewicht inne hatte. Nach ihrem solistischen „Cuius animam gementem“ fand der leidende, schmerzliche Affekt in den Folgestrophen seine Durchdeklinierung wiederum in seiner terzetten Ausgestaltung mit variationsreicher Verteilung. Dabei erwies sich das VIBE als verlässlicher Partner, das mit ihren Gesangspartnern das „Pro peccatis suae gentis“ endlich intensiver anging.

Nach zusammengefasster Vertonung der folgenden drei Strophen durch die drei Stimmen im jeweiligen Solo, in dem der Alt noch zu schüchtern, aber mit reizenden Dunkelstufen agierte, dramatisierten zwei unterschiedliche Duette und ein Sopransolo den nächsten Dreierblock. Während sich schließlich Ghigo in der hoffend-tröstlichen Bitte des „Juxta Crucem“ mit friedfertigem Anstrich einmal etwas befreite, offenbarte Zammit ihre ansatzlose Technik sowie Betonungs- und Techniklust im „Flammis ne urar seccensus“. Zum Ende gelang ein inniges „Quando corpus morietur“ und eine aufrührend stärkende Amen-Fuge, dem die eigentliche Überraschung folgen sollte: Alte Musik-Legende Emma Kirkby erhielt nicht nur den diesjährigen Preis der auf Malta tagenden REMA, sondern verzückte zu aller Freude mit ihrem Schützling Gillian Zammit im „De torrente“ aus Händels Dixit Dominus.

 

Jens Kliers Pressetrip zum Valletta International Baroque Festival wurde von Malta Tourism gesponsert.