Die Aufführung von Giuseppe Verdis Messa da Requiem mit den Berliner Philharmonikern schien unter einem schlechten Stern zu sehen. Das gesamte ursprünglich vorgesehene Vokalquartett musste seine Mitwirkung absagen und ersetzt werden – was allerdings kurzfristig noch hochkarätig möglich war. So konnte es zu einer großen Darbietung kommen, in der keiner den anderen zu überragen suchte. Selbst die Erste Konzertmeisterin war mit Lisa Batiashvili luxuriös besetzt.

Susanne Bernhard, Marina Prudenskaya, Michael Spyres und Tareq Nazmi
© Monika Rittershaus

Zu den Dingen, die das Gelingen einer Aufführung dieses Werkes eines Genies (laut Johannes Brahms) zu Voraussetzung haben, gehört es, sich an Verdis Mahnung zu halten, nach der diese Messa nicht wie eine Oper gesungen werden dürfte – abgesehen von den wenigen Stellen, in denen sich der Komponist selbst nicht daran gehalten hat. So etwa gleich im „Kyrie eleison”, beim ersten Tenor-Einsatz, den Michael Spyres dann auch im Stile eines Verdi-Tenors mit großer Operngeste vortrug. Wenn er dann mit der unsterblich schönen Melodie des „Qui Mariam absolvisti“ und ihrer Variante im „Hostias et preces tibi“ alleine so berückend schlicht den Raum füllte, sang er wohl so, wie sich Verdi dies vermutlich gewünscht hätte.

Daniel Barenboim dirigiert Verdis Requiem
© Monika Rittershaus

Dass große Musiker*innen sich schnell zusammenfinden können, belegten die Darbietungen der über die gesamte Komposition verteilten Duette, Terzette und Quartette. So fanden sich die drei Vokalpartien des Terzetts „Quid sum miser tunc dicturus“ zunächst als Ensemble zusammen, vereinsamten am Ende und ließen jede Stimme für sich schließlich ersterben. Bei aller Klangpracht und den vielen melodisch berückenden Stellen, verlangt die Aufführung des Verdi-Requiems auch, verstört zu singen. So gelang es dem Bassisten Tareq Nazmi, der wie die Sopranistin Susanne Bernhard sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab, in seinem „Mors“ oder der Mezzosopranistin Marina Prudenskaja in ihrem „Nil inultum remanebit“ stockende Leere auszubreiten.

Bernhard hatte ihre Glanzpunkte vor allem in den psalmodierenden Passagen des „Libera me“ am Schluss des Requiems und dort, wo sie zu der im Chor von Vergänglichkeit durchdrungenen b-Moll-Wiederholung des Anfangs eine Oberstimme zu intonieren und am Schluss so gekonnt wie klangschön das hohe B zu erreichen hatte.

Daniel Barenboim mit Solisten, den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin
© Monika Rittershaus

Barenboim, der wegen seines Rückenleidens seine Einsätze mit sehr sparsamen Gesten gab, hat das Verdi-Requiem häufig dirigiert. Diese Aufführung atmete die große Erfahrung, mit der er das Publikum durch dieses Werk zu geleiten verstand und vor allem geistliche Musik zu Gehör brachte, die sich dem unausrottbaren Klischee einer „Messe im Kirchengewand“ widersetzte. Den Beginn ließ er kaum hörbar intonieren, den Gewittersturm des „Dies irae“ dann hart und unerbittlich, wuchtig, aber nie schwerfällig und sorgfältig musizieren. Im Zentrum der Sequenz verglühten die Motive dem Text gemäß zu Asche; an ihrem Ende gelang es ihm und dem Orchester, eine in sich erschöpfte Duraufhellung zu gestalten.

Der von Simon Halsey einstudierte Rundfunkchor Berlin konnte sein gesamtes Können in den Dienst der Aufführung stellen: so in den geflüstert oder gemurmelt vorzutragenden Partien (teilweise im pppp), in den komplizierten a-cappella-Passagen oder in den Tuttis, in denen die gesamte Menschheit ihre Angst vor dem Gericht zum Ausdruck bringt.

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