Bestritten Sir John Eliot Gardiners Monteverdi-Ensembles bei der letztjährigen Ausgabe des Wratislavia Cantans Festivals die Eröffnung, gebührte ihnen diesmal die Ehre des Abschlusskonzerts. Mitgebracht haben sie dafür einen absoluten und monumentalen Klassiker, nämlich Verdis Messa da Requiem (Manzoni-Requiem), mit dem sie zugleich ihre Herbst-Tournee durch Europa begannen. In der Programmatik der Befreiung und Kriege, die Polens einhundertjährige Unabhängigkeitsgeschichte maßgeblich prägten, stellte es symbolisch den katholisch-festlichen Gedenkstein – eine Ewigkeitsbefreiung – für die Freiheits- und Widerstandskämpfer dar, sei es für die Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs, die Gefallenen des verheerenden deutschen Überfalls im Zweiten oder die jüngere Republikhistorie nach dem Diktaturzerfall vor fast dreißig Jahren, und mit dem „Libera me“ das persönliche, überwältigende wörtliche Ende des Festival-Mottos „Liberation“. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist Gardiners Einspielung mit seinem Orchestre Revolutionnaire et Romantique dagegen schon her und wie damals stand auch jetzt wieder eine sensitiv wie sensationell direkte, furchtlos-realistische, würdige Aufführung mit Instrumenten der Zeit.

Sir John Eliot Gardiner und Edgaras Montvidas © Karol Sokolowski
Sir John Eliot Gardiner und Edgaras Montvidas
© Karol Sokolowski

Natürlich noch mit durch und durch modernem Spielgerät startete Gardiner sein Arbeitsjahr bereits mit dem Verdi-Requiem beim Tonhalle-Orchester, wofür er die noch vorgefundene Zürcher Streicheraufstellung mit rechtssitzenden Celli beibehielt. So bat er nun ebenfalls sein ORR Platz zu nehmen, woran man sich – ansonsten größtenteils antiphon – erst einmal kurz gewöhnen musste. Diese Ordnung hat bei diesem Repertoire ausnahmsweise ihre Berechtigung und fußt – wie der tiefere Kammerton – auf Verdis seit circa 1840 geäußerten Vorliebe von zusammengeführten Violinen und tiefen Streichern, um seine Anforderungen möglichst spieltechnisch genau umsetzen zu können. Diese Streicher waren es auch, die mit dem letzten Hauch von Nichts das Requiem aeternam anstimmten, dessen Buchstäblichkeit der Monteverdi Choir in einem erschütternden Umwortefinden in die Stille und den Raum der Gedankenleere flößte. In der Wiederholung wirkte es noch erstarrter, teilweise mit effektvoll vibratoloser Instrumentaluntermalung. Dagegen setzte der Männerchor im mächtig tönenden à-cappella-Fugato „Te decet hymnus“ des Introitus ein eindringlich wie verstörendes Gegengewicht von flüssiger, italienisch-kräftiger und betonter Polyphonie des Lichts.

Gianluca Buratto © Lukasz Rajchert
Gianluca Buratto
© Lukasz Rajchert

Kämpferische Solisten, von denen Tenor Edgaras Montvidas im Forte wie scheinbar überrascht einen zu derben, ungelenken Anfang machte, gaben unter dem Getöse von Pauken und Hörnern im Kyrie einen Vorgeschmack auf das famose, immer wieder aufflackernde Dies irae, die Schlacht des Jüngsten Gerichts in all ihrer Unbegreiflichkeit. Und dies ungeheuerliche Todesdrama haute einen schlicht um, obwohl man weiß, was kommt! Gardiner packte mit den zupackend straffen zweiundsechzig Chorstimmen, der großen Trommel, der puren Macht des Bleches, den tosenden Streichern und alarmierend pfeifender Piccolo alle so hart an, dass die Erde bebte und der Zuhörer derart in den Sitz gepresst wurde, dass er sich vor den umherfliegenden Kanonengeschossen und dem Feuerschwall nicht wehren konnte. Vor allem erst recht nicht, wenn – wie bei mir – direkt neben einem auf dem zweiten Balkon, von dem die textliche Verständigung ebenfalls gut funktionierte, je zwei extra angefertigte dreiventilige Fanfaren (kürzer als die antikisierten Aidatrompeten) zum Tuba mirum bliesen. Dazu erhuben sich auf dem Podest, nach dem speiend geflüsterten „quantus tremor est futurus“ des Monteverdi Choir, unten die vier Trompeter des ORR, die militärisch überfallartigen Eindruck mit Pauken, Posaunen (darunter das Cimbasso) und Hörnern schindeten.

Corinne Winters und Ann Hallenberg © Lukasz Rajchert
Corinne Winters und Ann Hallenberg
© Lukasz Rajchert

Die Hörner standen schließlich auf, um ein schmetterndes „Mors stupebit“ zu entfachen, das Bass Gianluca Buratto in seiner ganzen klaren, farbigen Eindringlichkeit wie Morsezeichen aussandte. Deutlich und gleichsam Buratto wie immer theatralisch, locker, elegant und bewusst artikulierend meisterte auch Ann Hallenberg ihr „Liber scriptus“ von operaler Fertigung, während sich Corinne Winters mit dem Einsatz im durch Klarinette und Fagott beinahe filmmusikreif gegebenen „Quid sum miser“ mehr behaupten musste. Sie kompensierte dies mit mehr Vibrato und einem leicht intonationsschwächelnden Ansatz italienisch romantischer Unart, der auch Montvidas befiel, obwohl er in lyrischen, weichen mezzopiano-Passagen durchaus zu überzeugen wusste. Hatte das Quartett mit Chor gewaltige „Rex-tremendae“-Stürme durchgejagt, in denen das „Salva me“ in den Kopf schoss, beeindruckten Winters dunkle Tiefe und Hallenbergs Phrasierung im Duett des „Recordare“, wonach Montvidas in seiner zu gewollten Italianità einen schwereren Stand hatte.

Musikalische Faszinationen erzeugte stets das ORR in seinen wechselnden Farben und Dynamiken, leichtgängig und wie in Blut übergegangen, ähnlich der Leidenschaft Burattos und dem blutenden Schlund des Sequenzendes. Dort präsentierte sich nach einem erhabenen Lacrymosa eine zerreißende Totengesellschaft mit Winters stimmlichen Höhenschwertern und dem erdrückenden Schauer der Monteverdi-Bässe. Das war ein Schock, der im „Domine Jesu“ sogar kurz die Kehle Montvidas' belegte und Winters Töne unsicherer zu machen drohte. Zu ihnen fand sie in den Schlussliturgien aber zurück, zunächst in einem vorsichtig schillernd versöhnenden Agnus Dei mit Hallenberg, die im operalen Drama des Lux aeterna siegte, dann im umfangreich flammenden Plädoyer des letzte Kräfte raubenden Libera me, das in unendliche Sphären mitnahm. Darin muckte der Dies-irae-Chor nochmals wüstlicher auf, noch dringlicher betont als ein zuvor freudvoll-aufgeschwungenes, feierlich-kriegerisches Sanctus-Hosanna. Besonders die Frauen des fabelhaften Monteverdi Choir wiesen helle Strahlen der Erlösung, die umso nötiger waren, als das Flehen am Ende ergriff und überwältigte.

 

Jens Kliers Pressetrip nach Wrocław wurde vom National Forum of Music Wrocław finanziert.

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