Maestro Zufall hatte für ein Zusammentreffen zweier verwandter, wenn auch 30 Jahre auseinander liegender Verdi-Werke im meinem Terminkalender gesorgt: schon im 1842 entstandenen Nabucco ersehnte der Komponist, der als Kind die Herrschaft der Habsburger in seiner Heimatstadt erlebt hatte, die Freiheit eines vereinten Italiens, drückte im „Va pensiero” das Nationalbewusstsein der Italiener aus. Für dieses „Risorgimento“ hatte auch der von Verdi glühend verehrte Schriftsteller Alessandro Manzoni literarischen Grund gelegt. Als Manzoni 1873 starb, ging Verdi sofort daran, für den verehrten Freund seine Messa da Requiem als Huldigung auszuarbeiten. Bereits 1869 hatte er mit zwölf der bekanntesten italienischen Komponisten den Schlussteil zu einer Messa per Rossini verfasst – doch das gemeinschaftliche Gedenken an den 1868 verstorbenen Großmeister der italienischen Bühne scheiterte am schwerfälligen Beamtenapparat in Bologna. Nun ging der allerbekannteste Tonschöpfer Italiens daran, sein abschließendes Libera me zu Manzonis Totenmesse zu vervollständigen.

Juraj Valčuha © Bamberger Symphoniker
Juraj Valčuha
© Bamberger Symphoniker

Eigentlich war Verdi nicht sehr religiös geprägt, und von ihm stammt auch das Verdikt, dass es „bereits zu viele Totenmessen“ gäbe. Doch nach dem großen Erfolg von Aida war eine Arbeitspause entstanden. Ähnlich wie Rossini in seinen späten Lebensjahren entdeckte nun auch Verdi die anregende Herausforderung des geistlichen Stoffs. Unüberhörbar ist Verdis Handschrift in diesem Werk und überraschend, wie unterschiedlich theatralische Dramatik er im Verlauf des überlieferten lateinischen Requiems herauslöst: von den brachialen Donnerschlägen des Dies Irae bis zu den ariosen Erlösungsbitten im Libera me, vom mönchhaft-monodischen Gesang im Lux aeterna bis zu kontemplativen Sequenzen im Lacrimosa. Verdi hält sich eng an die überlieferte Liturgie einer Folge von Gebeten; da ist kein Libretto, keine Bühnenhandlung vertont, wie er sie bisher meisterhaft umgesetzt hatte.

Seit langem gerngesehener Gast am Pult der Bamberger Symphoniker war der slowakische Dirigent Jurai Valčuha, seit 2016 amtierender Musikdirektor des Teatro di San Carlo in Neapel, zuletzt vor erst einem Jahr an der Regnitz mit Werken von Korngold und Strawinsky. Bei Verdi nun stand er im Zentrum zwischen der Schreckensvision des Jüngsten Gerichts und friedvoller Bitte für die Hinterbliebenen. Valčuha hatte Orchester und Sänger minutiös vorbereitet, blieb in den Wogen der Erregung geradezu Ruhepol, differenzierte in knappen Gesten genau und schlüssig, nicht effekthaschend wild; überzeugte oft bei nur fein dosierter Bewegung eines Arms in der Autorität eines überlegen agierenden Feldherrn.

Da gefielen die Bamberger Symphoniker mit durchschlagend umgesetzter Klarheit und Strukturiertheit, mit virtuoser Prägnanz und klanglicher Persönlichkeit bei vielen instrumentalen Soli. Ohne Pathos-Weihen entstand so eine kompromisslos dramatische Gespanntheit, die Verdis Messa im Sinne ihrer liturgischen Funktion beim Wort nahm, der die Bamberger Zuhörer konzentriert und, selbst in Zeiten schlimmer Atemwegsviren fast ohne Husteneinwürfe, geradezu atemlos folgten.

Den Symphonischen Chor Bamberg hatte Tarmo Vaask hervorragend einstudiert: neunzig Sängerinnen und Sängern gelang ein Wunder an artikulatorischer und intonatorischer Genauigkeit sowie klanglicher Durchhörbarkeit und Brillanz. In prachtvoller Verschmelzung führten sie hinein in die verstecktesten Winkel vierfachen Pianos, überwältigten durch die Opulenz des Chorsatzes gerade bei den aberwitzig aufgetürmten Fortissimo-Ausbrüchen, in denen sie sich mühelos kraftvoll und klangschön neben Orchester und Solisten behaupteten.

Glutvoller Ausdruck, beseelte Inbrunst und deklamatorische Intensität, mit der Vittoria Yeo ihr flehentliches Libera me erfahrbar machte, standen beispielhaft für das exzellente Solistenquartett. Die südkoreanische Sängerin, mit Requiem-Erfahrung schon bei Riccardo Muti, verzichtete auf opernhaftes Vibrato, bestach durch imponierend sicheren Wechsel zwischen wunderbar tiefem und himmlisch zartem hohen Register. Elena Zhidkova beeindruckte durch die dramatische Kraft ihres Mezzosoprans, geriet beim Forcieren wie im Liber scriptus zeitweise in zu gutturale Verfärbungen, die auch die Textdeutlichkeit einschränkten. Hinreißend sanfte Herbheit zeichnete dafür ihre Duettszenen mit Vittoria Yeo im Recordare und Agnus Dei aus.

Antonio Poli gestaltete seine Partie mit herausragend lyrischem und geschmeidigem Tenor, ausdrucksstark auch in bewegenden Gesten wie im Ingemisco sowie mit herrlich zarter Eröffnung des Hostias im Credo. Riccardo Zanellato schließlich ließ sofort aufhorchen als agiler, sehr fein phrasierender Bass, der im Mors stupebit mystisch-verhaltenen Büßerton fand, im Confutatis dagegen mit kernig voluminöser Basstiefe auftrumpfte.

Dantes Inferno-Visionen und innig-verzweifelte Bitte um Gnade am Ende: zwanzig lange Sekunden vollkommener Stille waren mehr Zustimmung als der folgende frenetische Applaus für alle Ausführenden!

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