Anne Teresa De Keersmaeker schuf ihre erste Choreographie 1980. Heute, 38 Jahre später, werden im Rahmen des Festival d’Automne à Paris ihre Werke einer Retrospektive unterzogen. Ihre Produktivität macht es unmöglich, die gesamten Werke aufzuführen. Auf dem Festival wurden daher 13 Programmpunkte ausgewählt, um ihr breites Schaffen zu umzeichnen. Einer davon besteht aus ihrer Verklärten Nacht, die auf der gleichnamigen Komposition von Arnold Schönberg beruht. Dieser wiederum schuf seine Komposition als Programmmusik, inspiriert durch das gleichnamige Gedicht von Richard Dehmel, Zeitgenosse und Freund Schönbergs. De Keersmaekers erste Version ihrer Verklärten Nacht stammt bereits von 1995 und war für 14 Tänzer*innen im Théâtre de la Monnaie de Bruxelles ausgelegt. Sie überarbeitete die Struktur später und konzipierte das Werk nur noch auf drei Tänzer. Auf der Ruhrtriennale 2014 fand dann schließlich die Uraufführung statt. Die Bühne des Espace Pierre Cardin bot nun in Paris den Raum für eines der jüngeren Werke der erfahrenen Choreographin.

<i>Verklärte Nacht</i> © Anne Van Aerschot
Verklärte Nacht
© Anne Van Aerschot

Als wäre diese Genese nicht schon komplex genug, weiß man von De Keersmaeker, dass in ihren Choreographien Geometrie und Mathematik eine große Rolle spielen. Eine Helix als Sinnbild des kreisenden Weges bis in das Innere und Intime, abgelaufen von dem weiblichen Part, fragt nach der Unendlichkeit. Sie steht im Zusammenhang mit dem Thema, das aus dem Gedicht von Richard Dehmel hervorgeht: Ein Mann und eine Frau sehen sich bei Mondschein im Wald. Sie gesteht ihm, dass sie von einem anderen Mann schwanger ist. Seine Reaktion darauf endet mit einem einfühlsamen Verständnis und stellt für den Liebenden in keiner Weise ein Problem dar. Die gegenseitige Liebesbezeugung wird in der Gedichtform zum transzendentalen Ereignis erhoben. Die unendlich gewollte Liebe zeigt das spätromantische Sittenbild, das Dehmel mit der Problematik einer fremden Schwangerschaft zu überholen versucht und die Natur antwortet mit dem belebten Mondschein auf diesen Ausruf. Schönberg schrieb mehrere Versionen seiner Komposition. Zuerst eine Kammermusik für sechs Streicher, die 1902 uraufgeführt wurde. 1917 erstellte er eine Orchesterfassung, die er 1943 nochmals bearbeitete. Dabei ist interessant, dass seine Kammermusik Anklänge an Wagner und Brahms aufweist und als frühes Werk Schönbergs zu seiner tonalen Phase gehört. Aber er verlor das Interesse an diesem Werk auch während der Arbeit an seinen Zwölftonkompositionen nicht, da er es später wiederholt überarbeitet.

<i>Verklärte Nacht</i> © Anne Van Aerschot
Verklärte Nacht
© Anne Van Aerschot

Die Verklärte Nacht ist daher überbordend gefüllt mit zahlreichen Bearbeitungen von Schönberg und auch von De Keersmaeker. Sie fügt ihrer Choreographie aber noch weitere Referenzen hinzu: Explizit nimmt die Tänzerin die Position von Auguste Rodins Hockender Frau ein, Rodins Ewiger Frühling findet, wie weitere bildnerische Kompositionen Rodins, auch Eingang in das Werk. Ebenso geburtsfördernde Körperhaltung aus Lehrbüchern für Hebammen dienten als Inspirationsquelle für De Keersmaeker. Das Werk gefüllt mit den geometrischen Formen, die immer wieder durch die Bewegung auf der Bühne versinnbildlicht werden: Spiralen, gegenläufige Kreisbewegungen, Diagonalen. Dennoch wirkt De Keersmaekers Version extrem nüchtern. Es gibt nur einen entleerten Bühnenraum, zur Hälfte beleuchtet, und die Tänzer mit ihren Klamotten. Die vielschichtigen Verweise drohen bei dem minimalistischen Aufbau fast verloren zu gehen, denn erfahrbar sind sie nur mit dem Vorwissen und nicht aus dem Werk heraus. Diese Referenzen sind daher wenig erschließbar, wenn man sich unvoreingenommen auf die Choreographie konzentriert.

<i>Verklärte Nacht</i> © Anne Van Aerschot
Verklärte Nacht
© Anne Van Aerschot

Das führt auch zu dem Problem des Werkes: Nimmt man die Bedeutungsschichten, die es in einen reichen Kontext stellen, weg, bleiben nur noch die Körperbewegungen der drei Tänzer übrig. Der Ablauf ihres Auftretens nimmt Anklang an der Narration: Zuerst sind die Frau (Samantha van Wissen) und nur für einen kurzen Teil der Mann, der sie schwängert (Mark Lorimer), zu zweit auf der Bühne. Eine lange Partie der Frau und ihrem eigentlichen Liebenden (Boštjan Antončič) löst den kurzen Part ihres Pas de trois ab. Dabei scheint es an der Eigensprachlichkeit der Bewegungen zu fehlen. Die Laufwege sind verständlich, die Figuren, die nachgebildet werden, fügen sich flüssig in die Choreographie, zeigen psychologisierende Körperkonstellationen, aber immer nur als Bild. Sich wiederholende Bewegungen, das Hin und Her auf dem Boden und auch die Mikrobewegungen stehen fremd und unverständlich neben diesen großen Referenzen. Dort scheint der Zusammenhang zu fehlen, um die kleinsten Bewegungen auch im Detail zu verbinden. Daher findet wenig Tanz auf der Bühne statt, der Abend speist sich hauptsächlich aus Kompositionen und Referenzen.

<i>Verklärte Nacht</i> © Anne Van Aerschot
Verklärte Nacht
© Anne Van Aerschot

Es sind die anderen Werke von De Keersmaeker – ihre legendären Choreographien zu der Musik von Steve Reich, die ebenso minimalistisch gehalten sind und mit einem Prinzip der Serialität eine damals bahnbrechend neue Art von Tanz zeigen – die weniger verkopft und dadurch leichter bekömmlich sind. An Breite, Diversität und Erfindungsreichtum mangelt es bei ihr nicht und die große Auswahl beim Festival d’Automne macht klar, wie vielfältig sich De Keersmaeker in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt hat.

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