Am Ende einer Operette muss kein Happy End stehen, bei Franz Lehár fehlt es in der Regel sogar: der Zarewitsch muss seiner Liebe ebenso entsagen wie der Prinz aus dem Land des Lächelns. Als Paul Abraham mit sensationellem Erfolg die Operettenbühne eroberte und gleich mit Viktoria und ihr Husar einen Sensationserfolg feierte, sah die Operettenwelt anders aus. Das glückliche Ende wurde erwartet und die Operette hatte bereits Züge einer Revue angenommen. Und so steht denn hier am Ende auch das große Liebeslied des Husaren Koltay an seine geliebte Viktoria, mit der er ja schon einmal verlobt war. Doch dann war die Nachricht eingetroffen, er sei im Krieg gefallen, und Viktoria war die Ehe mit einem amerikanischen Gesandten eingegangen. Koltay hat jedoch überlebt, konnte aus einem russischen Gefangenenlager entkommen und trifft seine Viktoria zufällig in Tokio in der dortigen Botschaft wieder. Am Ende entsagt der Gesandte und das einstige Liebespaar kann wieder zusammenkommen.

<i>Viktoria und ihr Husar</i> © Christian POGO Zach
Viktoria und ihr Husar
© Christian POGO Zach

So jedenfalls bei Abraham, nicht aber in der Inszenierung von Josef Köpplinger am Münchner Gärtnerplatztheater, die wieder auf dem Spielplan steht und jetzt kurzfristig als Stream zur Verfügung steht. Bei Köpplinger zieht sich die angebetete Viktoria von der Bühne zurück und die Szene verwandelt sich wieder in das Lager, in dem die Operette ja auch bei Abraham begonnen hat. Der sowjetische Leutnant zieht seine Pistole und richtet sie auf Koltay. Köpplinger nimmt die für eine Operette ungewöhnlich politische Situation zu Beginn des Stücks ernst. Denn Koltay und sein Bursche Janczy hatten sich Gegenrevolutionären angeschlossen und warten auf die sichere Hinrichtung. Nur Janczys Geige rettet ihnen das Leben.

Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Josef Ellers (Janczy) © Christian POGO Zach
Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Josef Ellers (Janczy)
© Christian POGO Zach

Bei Abraham jedenfalls ist sie der Preis für ihr Entkommen. Zugegeben eine selbst für eine Operette allzu märchenhafte Wendung, und so fand Köpplinger eine raffinierte Alternative. Bei ihm soll Koltay wie einst Scheherazade in 1001 Nacht um sein Leben erzählen. Und so malt er sich nun vor dem Ohr des Leutnants aus, wie er seine Viktoria wiedertreffen, wie sie beide ein Paar werden könnten. Köpplinger bringt auf die Bühne eine reine Fantasie. Die ganze Geschichte kommt als Spiel im Spiel auf die Bühne. Karl Fehringer und Judith Leikauf haben dafür ein schlichtes, aber eindringliches Bühnenbildkonzept entwickelt. Kaum beginnt Koltay mit seiner Erzählung, öffnet sich in der Lagerkaschemme hinten ein Vorhang und heraus purzelt gewissermaßen die Welt Japans und der amerikanischen Botschaft mit all dem ernsthaften Personal wie dem Gesandten und seiner Frau Viktoria sowie deren Bruder Ferry, der im Begriff ist, die Halbjapaner/pariserin O Lia San zu ehelichen.

Susanne Seimel (O Lia San) © Christian POGO Zach
Susanne Seimel (O Lia San)
© Christian POGO Zach

Dieses Spiel im Spiel, das Inszenieren einer reinen Erzählfantasie, gibt Köpplinger Gelegenheit, alle Register des grellbunten Showtheaters zu ziehen, das diese Operette durch ihre Musik ja auch ist mit den folkloristischen Anklängen an japanisches Flair, russische Derbheit und ungarische Pusztaseligkeit, die Dirigent Tobias Engeli neben den herrlichen Kantilenen der ernsteren Liebeslieder und -duette des Protagonistenpaars virtuos einstreut. Das Japan in dieser Inszenierung ist dann – weil als reine Fantasiewelt im russischen Lager ausgedacht – zwangsläufig ebenso übertrieben mit den Seidengewändern, den Fächern und dem über allem schwebenden Kirschzweig, wie die ungarische Puszta mit übergroßer Rotweinflasche und Paprikafrucht als Dekoration reines Fantasieprodukt ist. Das gibt Josef Ellers als Janczy Gelegenheit, neben seiner virtuos leichten Buffo-Gesangstechnik auch seine stupenden Tanzkünste unter Beweis zu stellen.

Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Erwin Windegger (John Cunlight) © Christian POGO Zach
Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Erwin Windegger (John Cunlight)
© Christian POGO Zach

Damit wird Köpplinger dem Duktus von Abrahams Musik gerecht. Sie enthält zwar auch die üblichen Arien des Heldenpaars, die von Alexandra Reinprecht und Daniel Prohaska in schwelgendem operettenhaften Schönklang dargeboten werden, aber eben auch Anklänge an Jazz und Schlager. Wenn O Lia San  berichtet, ihre Mama sei aus Yokohama, aus Paris sei der Papa, dann möchte man im Geist am liebsten ein schlagerhaftes „schubidubidu“ summen. Genau diesen Duktus bringt Köpplinger mit seinen grellbunten Szenen aus Japan und Ungarn auf die Bühne.

Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Daniel Prohaska (Stefan Koltay) © Christian POGO Zach
Alexandra Reinprecht (Gräfin Viktoria) und Daniel Prohaska (Stefan Koltay)
© Christian POGO Zach

Zugleich bleibt er aber auch seinem Regiekonzept treu. Die russischen Soldaten sind stets am Rande präsent, und der Leutnant kommentiert nicht selten sarkastisch, was der Husar ihm da gerade an neuen Fantasien auftischt. Das ist in sich schlüssig und verleiht der Operette den Ernst, den sie aufgrund ihrer Anfangsszene verdient. Dass am Ende dennoch das Happy End steht, der Leutnant die beiden Ungarn freilässt und doch noch die Geige bekommt, die es ihm so angetan hat, ist da ebenso logisch wie zwangsläufig, und vielleicht, so sinniert der Zuschauer am Ende, findet der Husar ja doch noch zu seiner Viktoria.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Gärtnerplatztheaters rezensiert.

*****