Nachdem die festzeitliche Konzertreihe der Nederlandse Bachvereniging unter Leiter inter pares Shunske Sato zunächst traditionell Bachs Weihnachtswerk, dann nur noch die ersten beiden Teile, erweitert um Dietrich Buxtehudes Choralmotette In dulci jubilo und der sicher raren Kantate Gottfried Heinrich Stölzes Ach daß die Hülfe aus Zion über Israel käme, vorsah, entschied man sich im Zuge der ja auch alles andere wieder umwerfenden Dezember-Coronamaßnahmen, ein Ersatz-Weihnachtsoratorium zu geben. Ein feierlicher Reigen ganz eigener sollte dabei kreiert werden, indem lediglich Choräle und Rezitative aus Bachs Geschichte sowie seine Kantate BWV 61 gesungen wurden, die ihre musikalische, inhaltlich passende Auffüllung und historische Einkleidung in Bachs Kosmos mit geistlichen Vokalstücken von Jan Baptist Verrijt, Melchior Franck, Heinrich Schütz, Buxtehude und Johann Michael Bach sowie mit weltlichen Instrumentalen Arcangelo Corellis und Georg Philipp Telemanns erfuhren. Am Tag der eigentlich geplanten Aufführung im Muziekgebouw Eindhoven sendete man davon einen Stream, der zuvor in der TivoliVredenburg Utrecht aufgenommen worden war.

Shunsuke Sato © AVROTROS
Shunsuke Sato
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Dazu versammelte Sato, der mit und ohne seine Violine dirigierte, acht Sängerinnen und Sänger für den Chor, während er die Instrumente ausschließlich solistisch besetzte. Zu ihm gesellten sich die Violine Sayuri Yamagatas, die Viola Staas Swierstras, das Cello Lucia Swarts', der Kontrabass Robert Franenbergs, die Laute Fred Jacobs sowie die Truhenorgel Leo van Doeselaars. Sie stimmten zur Einleitung Telemanns Ouverture der E-Dur-Suite an, die ein derart hohes Maß an Schwung und Brillanz aufwies, dass sich erst gar kein Vermissen von Bachs mit Pauken und Trompeten beschallter Eröffnungsjubel einstellen konnte. Ehrerbietende Freude füllte den Raum, der nach Bachs Choral Wie schön leuchtet der Morgenstern vom Chor der Nederlandse Bachvereniging mit stimmlichem Stroh ausgelegt wurde, als sie Buxtehudes Das neugeborne Kindelein luftig weich und mit herzaufgehender Wärme aussandten. Dafür, dass die Leichtigkeit mit jeder Phrasierung und Emotion ausstrahlte, sorgte Sato mit bekanntem Enthusiasmus an ansteckender, inspirierender Körpersprache.

Nederlandse Bachvereniging © AVROTROS
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Angesichts der Stille der Nacht, der Erschöpfung Marias und der erlösenden Geburt in der Krippe ließen die Tenöre Joao Moreira und Adriaan de Koster den Rezitativen eine geschmeidige, gedämpfte Sanftheit angedeihen, die nach dem anonym verfassten Renaissance-Choral Gelobet seist du Jesu Christ zum dynamisch und bildlich geprägten geruhsamen „Bettelein“ Francks Ach mein herzliebes Jesulein führten. Mit solcher Lieblichkeit, Noblesse und Zurückhaltung konnte neben den in der Weihnachtsgeschichte ängstlichen Hirten auch ich gewonnen werden, sich vor der Ankunft des Heilands nicht zu fürchten, wozu J. M. Bachs Doppelchor-Motette eindrücklich in Bewegung aufforderte. Den Imperativ spricht in der Weihnachtshistorie der Engel, deren zwei in Gestalt der Soprane Lauren Armishaw und Amelia Berridge bei Schütz' feierlich ausgelassenem Lobreis Ehre sei Gott in der Höhe und Verrijts überschwänglicher Verkündigung Currite pastores in Erscheinung traten.

Ihr Zureden war instrumental-atmosphärisch umgarnt von himmlisch beseelter, wiegender und vom leuchtenden Stern erfasster Pastorale aus Corellis Konzert „Per la Notte di Natale“ sowie dessen Adagio und Presto der Triosonate, Op.3 Nr.4, in der innige, hoffnungsschenkende Vertrautheit abgelöst wurde vom eilenden Gelaufe freudig umher erzählender Scharen. Von festlich ansprechender, hell durchströmter, zärtlicher wie lockender Güte präsentierte sich die Nederlandse Bachvereniging abschließend in Bachs Kantate Nun komm der Heiden Heiland, mit der trefflich symbolisch in diesen schwierigen Zeiten an die Tür der Erlösung geklopft wurde, eben an ein besseres neues Jahr.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Nederlandse Bachvereniging rezensiert. 

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