Im Zuge heutig versuchter Rekonstruktionen barocken Umgangs mit Widersprüchen institutioneller Zwänge und tatsächlichem Hinwegsetzen über kirchliche Konventionen rückt eine traditionelle, ökumenische Gemeinsamkeit ins Blickfeld, nämlich die der auch im Protestantismus beibehaltenen lateinischen Relikte, welche zu hohen Feiertagen angestimmt wurden. Bachs erstes Stück in solcher Tradition war das Magnificat in Es-Dur, das er für die erste Weihnachtsmesse als Thomaskantor 1723 um vier ebenfalls bekannte besinnliche Einlagen erweitert hatte.

Raphaël Pichon
© H+H Society

War dieses zunächst für das „Bach Christmas”-Programm der Handel and Haydn Society geplant, erklang der weitaus geläufigere Nachfolger mit selbiger Musik (ohne Zusätze) in D-Dur, zusammen mit Gabrielis Weihnachtsmotette Hodie Christus natus est, die kurioserweise nach ihrer Veröffentlichung 1615 in Venedig auch drei Jahre später im musikalischen Gottesdienstbuch Florilegium portense in Leipzig auftauchte; eine seit der Renaissance überlieferte Sammlung, die Bach pflegte. 1725 hörte man jedenfalls Bachs Weihnachtskantate Unser Mund sei voll Lachens, die unter anderem das Virga-Jesse-floruit-Duett jenes eigenen weihnachtslateinischen Intermezzos wiederverwertete und die Raphaël Pichon nun ebenfalls bei seinem Ensemble-Debüt aufführte.

Dieses hohe Fest auf Bach stand dabei insgesamt unter dem guten Stern der Musik, der allerdings nicht immer – und wie vielleicht sonst bei H+H (zumindest orchestral) gewohnt oder von Pichon und dessen eigenen Ensembles verwöhnt – durch die Stimmen und Ausführungen leuchten sollte. Vor allem dem Chor fehlte – mitunter durch kleinere intonatorische Trübungen – ein wirklich strahlendes, reines Momentum. So suchte ich zudem einen vermehrten Ausdruck von Frische und Unbeschwertheit – verbunden mit makellosen, hier besonders schwierig zu beherrschenden Naturtrompeten – im „Fecit potentiam“ des Magnificats, das bereits mit einem nicht ganz runden, überdies mit einem recht moderaten Eröffnungssatz begann. Waren hier dennoch rhythmische Kontur und Entschlossenheit Kräfte interpretatorischer Triebfeder zu erkennen, kam erst mit der kurzen Wiederholung durch das finale „Sicut erat in principio“ des „Gloria Patri“ der spürbar beabsichtigte Schwung und Zugriff zum Tragen.

Lauren Snouffer, Clara Osowski, Zachary Wilder und Christian Immler
© H+H Society

Typische Ansätze sonstiger Interpretationsreize Pichons blitzten mittels akkurat vollzogener Dynamikideen und dramatischer Effekte besonders im aufrüttelnden „Omnes generationes“ und dem „Sicut locutus est“ auf, ebenso in den durchweg ansprechenden Ariensätzen dazwischen, wobei die Solisten darin das Bild wiederum uneinhelliger werden ließen. Verlangsamte Christian Immler das ehrfürchtig-solemnische „Quia fecit mihi magna“ noch und goss Sonia DuToit Tengblad durch unpassenderes Vibrato etwas Wasser in den Wein ihres angenehm ausgeglichenen, leichten Vortrags zum „Et exultavit“, verursachten Lauren Snouffer und Clara Osowski in puristischerem, betonterem Ausdruck und gleichzeitig vertraulicherer Beiläufigkeit sowie Zachary Wilder in theatralischerer Klarheit höhere Ohr- und Gefühlszufriedenheit.

Merkte man die vermisste Strahlung natürlich in Gabrielis achtstimmiger A-Cappella-Motette trotz großer Bedacht um ausfüllendere, kontrastreiche Gestaltung an, übermittelte der H+H Choir knackige, springende Dreiertakt-Freude in der Kantate BWV110, in die er nach rhythmischer Uneindeutigkeit vom vorgeschalteten, etwas zähen Ouvertürensatz jedoch erst kurz hineinfinden musste. Gefielen Wilders leise, wohltuend weichen Töne, hinterließ Osowski in Kombination von Text, Artikulation und instrumentalem Accompagnato den stilistisch stimmigsten Eindruck. Zur Höchstform lief jetzt glücklicherweise außerdem die Solotrompete auf, wenngleich Immlers Gesangsproduktion im ansonsten insgesamt von Pichon in Tempo und Expressivität erfreulich stark gefundenen Gerüst zwangsweise wieder ein Schleppen zur Folge hatte.

Auf den ersten Blick aus der Reihe fiel die nachträglich angesetzte, in Tradition Telemanns stehende und auf Beethoven weisende „Testaments“-Kurzmotette Heilig (im Original von 1776) von Bachsohn Carl Philipp Emanuel, die zum Michaelistag gedacht ist. Weil sie aber nichts anderes als ein eigenwillig festliches Sanctus vertont, das Emanuel in einer der fünf Versionen des Vaters in Leipzig wohl auch zu Weihnachten vernahm, passte der Abschluss irgendwie doch. Er war mit dem solistischen, hinten auf der Empore stehenden, Chor der Engel und dem Hauptchor der Völker samt „Herr Gott, dich loben wir“-firmierenden Solisten vorne sowie dem leider nicht wie vorgeschrieben doppelt besetzten Orchester dennoch so verlockend, wie es ein kunterbuntes, quirliges, von Pracht erfülltes Zusammenkommen unterschiedlicher Welten verspricht – an Weihnachten, mit der Familie und bei der Ökumene.


Die Vorstellung wurde vom Stream auf H+H Plays On rezensiert.

***11