Klaus Mäkelä gab erst im September sein vielbejubeltes Debüt beim Königlichen Concertgebouw Orchester, jetzt kehrte er viel schneller als geplant ans Amsterdamer Dirigentenpult zurück, um dort kurzfristig beim Weihnachtskonzert für Fabio Luisi einzuspringen. Dieses Konzert wird traditionell am ersten Weihnachtsfeiertag im Niederländischen Fernsehen übertragen. Mäkelä hatte nicht genügend Zeit, das ursprünglich geplante Programm einzustudieren: statt Diepenbrock und Verdi lagen darum nun Beethoven und Debussy auf den Notenpulten.

Klaus Mäkelä © Milagro Elstak
Klaus Mäkelä
© Milagro Elstak

Beethoven schrieb seine Sechste Symphonie zusammen mit seiner Fünften und führte beide bei der Großen Akademie von 1808 in Wien zum ersten Mal auf. Debussys Symphonische Skizzen wurden knapp hundert Jahre später 1905 in Paris uraufgeführt. Die Pastorale ist eine symphonische Dichtung in der Form einer Symphonie, La Mer eine Symphonie in der Form einer symphonischen Dichtung; beide Werke beschreiben auf sehr persönliche Weise das Erleben von Naturschauspielen. Beethoven nannte seine Sechste nicht nur „Erinnerungen an das Landleben“, er fügte zur Verdeutlichung auch „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ hinzu.

Mäkelä strahlte vor dem Orchester vor allem Ruhe aus. Er hörte dem Orchester zu und ließ es frei aufspielen, sein Dirigat beschränkte sich auf aufmunternde oder bestätigende Gesten. Nur einmal sang er lautlos eine Holzbläserstimme kurz mit, als diese ihren Rhythmus zu verlieren drohte. Man sah Mäkelä das Vergnügen an, Musik zu machen. Mit einem sympathischen Lächeln schaute er die Musiker an und verstand sich deutlich als Teil des Ganzen. Während des Konzerts machte er seine Intentionen mit sparsamsten Mitteln deutlich: er dirigierte durchgehend sehr ökonomisch. Über weite Strecken hing der Dirigierstock an seinem rechten Arm entspannt nach unten, während seine linke Hand mit sanften wellenförmigen Bewegungen liebevoll den Orchesterklang modellierte. Mehrere Orchestermitglieder erzählten übereinstimmend, wie effizient seine Probenarbeit war und sie waren sich einig, dass er das Orchester besser klingen lässt.

Klaus Mäkelä dirigiert das Concertgebouworkest © Milagro Elstak
Klaus Mäkelä dirigiert das Concertgebouworkest
© Milagro Elstak

Es gelang Mäkelä selbst Repertoirestücken wie diesen, neue Seiten abzugewinnen. So waren seine Donnerschläge im Allegro ohrenbetäubend und beim Übergang zurück zur ruhigen Stimmung inspirierte er die Streicher zu jauchzen und frohlocken. Alle Musiker spielten aufs Äußerste konzentriert und mit wunderbaren Klang, ganz besonders stach die junge Solohornistin Katy Wolley mit ihrem schlanken und beinah überirdisch feinem Ton heraus.

Mäkelä nannte im vorab aufgenommenen Interview Herbert Blomstedt als sein großes Vorbild, der mit seinen heute 93 Jahren fast 70 Jahre älter ist! Vor allem ein gründliches Partiturstudium hätte er sich von ihm abgeschaut. La Mer sei „vielleicht die farbenprächtigste Musik, die je geschrieben wurde. Überdies sieht jede Seite der Partitur aus, wie ein Gemälde.“

Im ersten Satz De l’aube à midi sur la mer – très lent gelang es Mäkelä mit kleinsten Bewegungen und mimischen Signalen einen Ozean an Klangschattierungen aus seinen Musikern herauszukitzeln. Das Spiel der Wellen geriet zu einem gelungenen Spiel von sich ständig ändernden Tempi und Atmosphären. Im Dialogue du vent et de la meranimé et tumultueux – cédez très légèrement schließlich baute Mäkelä die Spannung äußerst langsam auf. Hier ließ er sich auch einmal zu drohenden Gesten hinreißen. Das Finale des Konzerts krönten die herrlich klingenden Blechbläser zu einem mächtigen und unvergesslichen Weihnachtsspektakel.

Die Vorstellung wurde vom Livestream des Royal Concertgebouw Orchestras rezensiert.

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