In weiser Vorausschau terminierte das Zürcher Barockorchester für den Fall, dass das geplante Konzert mit Publikum vor Ort nicht durchführbar sein sollte, einen Livestream auf den 10. April. Jenes Datum markiert den Geburtstag des ehemaligen Braunschweig-Wolfenbütteler Dienstherrn des Musikers Jakob Ludwig, dessen an Herzog August II. 1662 verschenktes Partiturbuch einen Teil des Programms des Ensembles bestimmte, das solchen Consort Collections gewidmet war. Der Codex Musicae, der 114 nahezu für Streicher samt Basso continuo gesetzte Werke beinhaltet, fasst dabei akkurate Abschriften der damals „besten höfischen Gebrauchsmusik“ in Form von Sonaten, Liedern und Tänzen des Who is Who der für das Repertoire komponierenden Kapellmeister aus Wien und der Heimat des Erstellers, Thüringen und Umland, zusammen. Unter ihnen der heute völlig unbekannte (Johann) Andreas Oswald und natürlich Superstar Antonio Bertali, der eine eigene Sammlung von Sonaten im Band Prothimia Suavissima schuf, oder dem Großmeister (Johann) Heinrich Schmelzer, dem Vorreiter des eigentlich unübertrefflichen Bibers. Biber selbst legte mit den kreierten Sonatae Tam Aris, quam aulis servientes eine Musikalien-Kollektion für den Salzburger Erzbischof Gandolf an, während Vater und Sohn Gustav Düben in Uppsala zwischen 1640 und 1720 die mit sage und schreibe 30000 handschriftlichen Seiten bedeutendste Zusammentragung ihrer Art katalogisiert hatten.

Zürcher Barockorchester
© Zürcher Barockorchester

Zu vernehmen bekam der Zuschauer am Bildschirm, was das ZBO mit „innig und abwechslungsreich“ angekündigt hatte – kein üblich nett-lockendes Vorwort, vielmehr ein eingehaltenes Versprechen. Denn nicht bloß dieses geliebte Repertoire mit zum Teil ganz neu entdeckten Stücken, sondern die gloriose, makellose Aufführung voller beredter Klarheit versetzten mich wenigstens in einen Zustand der Trance, aus dessen Schönheit heraus ich hiermit versuche, die Worte in substantiierten Vokabeln zur Beschreibung eines Konzerts zu finden. Den Anfang dazu macht Samuel Capricornus' Sonata a 8 aus der Dübensammlung, in der die hellen Violinen der beiden Leiterinnen und auch in nachfolgenden Beispielen als Solistinnen in Erscheinung tretenden Monika Baer und Renate Steinmann mit den weich-dunklen Bratschen von Susanna Hefti und Stella Mahrenholz Smalltalks in Klang und Kunstfertigkeit des Ensembles einflechteten, der wiederum nicht an Verheißung des Wohlgefallens und Berührtseins sparte. Mit viel Feinsinn und vorzüglichem Ton, dem sicheren Gespür für Stimmungs- und Temperamentswechsel, Verzierungen und Dynamik sowie darüberstehender Leichtigkeit brachte uns Baer in Oswalds Sonate für Solovioline und Continuo – mit einem herrlich prominent hervorgehobenen Leitton vor der abschließenden Ciaccona – durch kleine Besetzung die Pracht und Varianz des gesammelten Schatzes des 17. Jahrhunderts näher.

Beide Geigen versprühten mit der Viola da gamba Alex Jellicis in Bertalis Sonata a 3 einen besonderen, verspielten, herrschaftlichen Charme, so dass sie in fabelhafter Abstimmung der Farben eine weitere Facette präsentierten. Für mich immer wieder erstaunlich ist der theatralische Ausdruck und virtuose Reichtum Bibers, den das Zürcher Barockorchester in der Sonata V a 6 der Tam-Aris-Sammlung so wahnsinnig delikat und kontrastierend zur Schau stellte, dass ich mich – das zumindest ist der Vorzug eines Streams daheim – zu ausgiebigerer Körperbewegung und zur lauten Ausrufung veranlasst sah, die kompakt-präszise Darbietung möge bitte niemals enden. Selbiges vollbrachte die durch ihre Melodien Mitwippen verlangende Prothimia-Sonata I a 3 Bertalis (eventuell von Capricornus übernommen), die so ansprechend und hinreißend war, dass einen neben dem Zucken der Extremitäten vor Freude die Rührung befiel.

Schnell fing einen Bibers extrovertiert-humorige Sonata VIII a 5 ein, der das ZBO zudem Frische und Erhabenheit angedeihen ließen, was diesem Helden überaus würdig war. Die von Steinmann maximal wandlungsfähig angestimmte Passacaglia eines anonymen Fundus in der Dübenschrift wog mich in der Deutlichkeit der Effekte und ausgegrabenen Affekte in Verzückung und der Sicherheit, einem Konzerttraum beigewohnt zu haben. Er endete mit Schmelzers Sonata Tubicinum, dem ruhenden Verlocken der drei Violen und den schnelleren Battaglien der aufgespiltteten Chori der aufeinander eingehenden Streicher, deren Alarm- und Schlachtensignal die Dramatik erfuhr wie der Umstand, zu früh aus einer wunderbaren Begebenheit gerissen zu werden. Hier einem Fest barocker Vollkommenheit.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Zürcher Barockorchesters rezensiert.

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