In seiner elften Ausgabe widmet sich das Festival ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln zur Zeit unter dem Motto Kosmos | Comic „den Schnittstellen von zeitgenössischer Musik und sequenzieller Kunst, Comics, Graphic Novels, Illustrationen und Animationsfilmen“. Auch in diesem Jahr bietet das Festival – coronabedingt ausschließend online – interessante Musik, so zum Beispiel zwei Konzerte mit dem Ensemble Modern. Das WDR Sinfonieorchester leistete im Rahmen seiner Musikreihe Musik der Zeit seinen Beitrag zu diesem Festival mit einer europäischen Erstaufführung und einer Uraufführung. Bildregie und Anmoderation durch Michael Struck-Schloen („daheim bei Schnitten und Schokonüssen“) dieses live im Radio und Internet übertragenen Konzerts waren eigensinnig, die musikalischen Darbietungen von unterschiedlichem Niveau.

Baldur Brönnimann
© Jorgo Tsolakidis

Der kolumbianische Komponist James Diaz (*1990) hat 2019 zwei Stücke geschrieben, die einander in ihren Klangfächenstrukturen sehr ähneln. Gastdirigent Baldur Brönnimann gab in Behind a wall of illusion die Phasenwechsel deutlich mit Handzeichen an und so entwickelte sich aus verschiedenen semi-harmonischen Clustern ein dichter Teppich aus brodelndem sich ständig leicht verändernden Klangwolken. Später erhob sich ein kurzes Geigensolo, gefolgt von einer hypnotischen Stille, aus der sich Flötenobertonreihen und Flageolettstreicherflächen herauskristallisierten. In einige seiner Klangfelder hatte Diaz Zitatfragmente aus verschiedenen Musikepochen eingebaut, ohne dass seine Musik dadurch an Kontur gewann, die zum Ende mit Windmaschine und gebürsteten Tamtam wie eine Kerze verlosch. Das Programmheft gab mit dem Textzitat „We were talking about the space between us all/ And the people who hide themselves behind a wall of illusion aus Within you, without you von den Beatles Aufschluss über die Herkunft des Titels. Darüberhinaus wurden dort die Werke der israelischen Künstlerin Michal Rovner als Inspiration angegeben. Diaz Musik wirkte in der Kölner Aufführung unausgereift. Nach einmaligem Hören (das Konzert konnte nach der Premiere leider nicht in der Festivalmediathek abgerufen werden) bleiben viele Fragen offen.

„Meine Musik ist das Abbild meiner Träume. Die Visionen von immensem Licht und von unwahrscheinlicher Farbenpracht, die ich in allen meinen Träumen erblicke, versuche ich in meiner Musik darzustellen als ein Spiel von Licht und Farben, die durch den Raum fließen und gleichzeitig eine plastische Klangskulptur bilden, deren Schönheit sehr abstrakt und auch distanziert ist, aber gerade dadurch unmittelbar die Gefühle anspricht und Freude und Wärme vermittelt.” Unsuk Chin hat mit ihrem 1997 geschriebenen Klavierkonzert ein Stück geschrieben, dass Mitwirkenden und Zuhörern einiges abverlangt. Solistin Tamara Stefanovich hatte das Konzert schon vor zwei Jahren unter Markus Stenz in Amsterdam gespielt und die davon bestehende Aufnahme gibt einen ausgezeichneten Eindruck von ihrer Virtuosität. Der erste Satz begann spritzig mit Mandoline und schnellen Figuren im Klavier. Stefanovichs klarer Anschlag machte den ab und zu vom Jazz angehauchten, leicht minimalistischen Solopart zu einem Zauberwürfelspiel. Ihr glitzerndes Spiel wusste den Puls immer wieder weiterzutreiben. Im träumerischen zweiten Satz hatte wieder die Mandoline zusammen mit getupften Klavierakkorden einen klangvollen Auftritt zusammen mit aufsteigenden Celestatönen. Der dritte Satz schloss hier attacca mit Tonwiederholungen an und Chins Musik wurde rauer und rockiger. Mit 30 verschiedenen Motiven, die in Mosaikform ineinander geschachtelt waren, wurde die Partitur zunehmend unübersichtlicher. Der vierte Satz mit seinen rhythmischen Einschlag war wieder abwechslungsreicher. Traumklänge wurden abgewechselt mit unheilvollem Klaviergerassel und Tonwiederholungen. Zum Schluss hatte der Kontrabass noch ein Solo bevor das gewaltige Werk mit quasi improvisierter Kadenz und beinah klassischer Coda endete.

Das Festivalkonzert endete mit einer Uraufführung: Josep Planells Schiaffino (*1988) Con sprezzatura (2019–21) für Kammerorchester. Der Spanier schrieb dazu folgendes: „Den von Baldassare Castiglione (1478–1529) geprägten Ausdruck ,con sprezzatura’ könnte man mit Lässigkeit oder entspannter Leichtigkeit übersetzen. Die ,sprezzatura’ gehörte im 16. Jahrhundert zur Haltung eines Adligen, der Distanz wahrt, auf Diskretion achtet und affektiertes Benehmen meidet.“ Diese Coolness der Renaissancehöflinge gilt für Planells Schiaffino als Sinnbild für die Gratwanderung zwischen Leichtigkeit und möglichem Scheitern. Harfe, Celesta und Akkordeon legten gleich zu Beginn einen Klangnebel und die Komposition kennzeichnete sich durch einen wiederholten Wechsel zwischen Prozess und Auflösung. Das Orchester spielte gut, aber Brönnimann hatte kaum Augenkontakt mit seinen Musikern und erst als im Schlagzeug Styroporblöcke aneinandergerieben wurden, entstand etwas Spannendes. Con sprezzatura überstieg selten das Idiom des Bekannten und Vorhersagbaren. Ebenso unbestimmt blieb oft auch der Orchesterklang mit einer erwähnenswerten Ausnahme: einem sehr hohen leichten gedämpften Geigenton.


Die Vorstellung wurde vom Stream des WDR Sinfonieorchesters rezensiert.

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