Mit flotten Tempi eröffnete Stefano Montanari am Pult des Orchesters des Teatro Regio Gaetano Donizettis L'elisir d’amore; während sich der Vorhang hob und der Blick auf Fabio Sparvolis verstaubt-klassische Inszenierung fiel, preschte das Orchester durch die Ouvertüre. Die feine Klinge war die Sache der Musiker an jenem Abend nicht, unsaubere Blechbläser und allzu forsche Streicher ließen wenig Eleganz und Funkeln der Musik aufkommen. Lediglich die Holzbläser konnten wirklich den ganzen Abend über glänzen: so kam man etwa in den Genuss von zutiefst romantischem Fagott-Schimmern in der Einleitung zu „Una furtiva lagrima”.

Giorgio Caoduro (Belcore), Mariangela Sicilia (Adina) und Ashley Milanese (Giannetta)
© Andrea Macchia | Teatro Regio Torino

Problematisch waren jedoch die rasanten Tempi des Dirigenten – vor allem in den Ensembleszenen. Phasenweise herrschte dabei reines Chaos, weil die Abstimmung zwischen Graben und Bühne völlig auseinander fiel. Die Solisten befanden sich in diesen Momenten tempomäßig irgendwo zwischen vorauseilendem Orchester und hinterherlaufendem Chor (der maskenbedingt auch etwas gedämpft klang und stimmlich schon frischere Zeiten erlebt haben dürfte) und vom Dirigenten kamen keinerlei wirksame Versuche, alle wieder zusammenzubringen. Erst in den zarten, lyrischen Passagen fanden Orchester und Sänger dann zuverlässig wieder zueinander.

Mariangela Sicilia (Adina) und Bogdan Volkov (Nemorino)
© Andrea Macchia | Teatro Regio Torino

Als Adina wickelte Mariangela Sicilia nicht nur Nemoriono um den Finger; ihr Sopran ist samtig dunkel timbriert, schwingt sich aber mit Leichtigkeit zu kecken Koloraturen auf und besticht mit klarer Höhe sowie der nötigen Substanz in den tieferen Regionen der Partie. Ihr Spiel war ebenso charmant wie ihre stimmliche Gestaltung, wodurch die Figur zum sympathischen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wurde. Darstellerisch blass blieb nämlich der Nemorino an ihrer Seite, den Bogdan Volkov interpretierte. Dafür bot er sanften Schmelz in der Stimme, eine differenzierte Gestaltung der Partie bezüglich Dynamik und Farben sowie eine gute Portion Italianità. Wie ein schmieriger Verkäufer eines zwielichtigen Autohauses wirkte der Dulcamara von Marco Filippo Romano in seinen Versuchen, der Dorfgemeinschaft seine Mittelchen zu verkaufen. Besonders in der Mittellage fühlte er sich vokal wohl, hier konnte er mit seiner Stimme spielen und durch die Betonung der Wörter und den Einsatz schattierter Klangfarben dem Dottore Profil verleihen. Romano war auch einer der wenigen, die an diesem Abend überhaupt keine Probleme mit den rasanten Tempi aus dem Graben zu haben schien; die Geschwindigkeit, in der er – ganz ohne über die Gesangslinie oder den Text zu stolpern – aufzählte, welche Gebrechen er heilen könne, war durchaus atemberaubend.

Marco Filippo Romano (Dulcamara)
© Andrea Macchia | Teatro Rgio Torino

Herrlich übertrieben und in seiner gockelhaften Selbstzentriertheit schon beinahe wieder liebenswert stellte Giorgio Caoduro den Belcore dar. Er kämpfte zwar zu Beginn noch etwas mit der leichtfüßigen Spritzigkeit seiner Arie im ersten Akt, die Stimme kam aber in Folge mehr und mehr auf Betriebstemperatur und bot kraftvolle Bariton-Power, der jedoch noch ein bisschen Feinschliff gut stände. Stimmliche Farbtupfer setzte Ashley Milanese als Gianetta, ihren hell timbrierten, strahlenden Sopran setzte sie mit Charme und Leichtigkeit ein und auch darstellerisch versprühte sie jugendliche Unbeschwertheit.

Auch wenn die Vorstellung keineswegs perfekt war, die Inszenierung außer Klischee-Optik und Standard-Späßchen nicht viel zu bieten hatte und vor allem in der Abstimmung zwischen Orchester, Chor und Solisten noch viel Luft nach oben gewesen wäre, war es letztlich dank der spielfreudigen und stimmlich weitgehend überzeugenden Solisten ein unterhaltsamer Abend, der mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Teatro Regio di Torino rezensiert.

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