Als Leoš Janáčeks Oper Osud endlich dreißig Jahre nach seinem Tod auf die Bühne kam – das Theater in Brünn hatte schon 1907 Interesse an einer Uraufführung gehabt, doch hatte Janáček auf eine Premiere in Prag gehofft, die nie zustande kam –, hatte man 1958 in Brünn Zweifel, ob sie denn tatsächlich in einer letzten Fassung vorlag, denn Janáček hatte immer wieder an ihr gefeilt, sie dann aber in der Schublade abgelegt. Zu spröde schien das Libretto um den jungen Komponisten Živný.

Philip Sheffield (Alter Janáček)
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Živný hatte vor Jahren eine Affäre mit der jungen Mila, die sich von der Mutter aber von einem weiteren Verhältnis mit dem noch erfolglosen Komponisten hatte abbringen lassen, obwohl sie ein Kind von ihm zur Welt gebracht hatte, und die er jetzt in einem Kurort wiedertrifft. Der zweite Akt zeigt die beiden als Paar vier Jahre später, Ehefrau Mila und ihre Mutter kommen bei einem Unfall ums Leben, und noch einmal elf Jahre später wollen Studenten eine Oper des inzwischen gefeierten Komponisten aufführen, die eben diese Geschichte zum Inhalt hat, der aber der letzte Akt fehlt.

Philip Sheffield (Alter Janáček)
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Lange Jahre kam Osud dann in einer Bearbeitung auf die Bühne, in der Teile des dritten Akts den Auftakt bilden und die Geschichte im Rückblick erzählt wird, was dem Stück das Tragische – „Osud“ heißt auf deutsch Schicksal – nahm. 

Für die neue Inszenierung in Brünn hat nun Regisseur Robert Carsen ebenfalls eine Art Rückblickdramaturgie entwickelt, allerdings ungleich subtiler und vielschichtiger. Er bringt zu Beginn den alten Janáček auf die Bühne, der sich an den Flügel setzt und immer noch an seiner Partitur feilt. Dabei kommen ihm die Erinnerungen an seine Oper. Schemenhaft kommen die Kurgäste, die den ersten Akt bevölkern, auf die Bühne. Wenn dann die beiden Protagonisten auftreten sollen, dirigiert sie der alte Komponist wie ein Regisseur auf die Bühne, wo sie dann zu realen Figuren werden  – das alles meisterhaft ausgeleuchtet.

Alžběta Poláčková (Míla Valková), Enrico Casari (Živný) und Philip Sheffield (Alter Janáček)
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Nun folgt die Handlung dieses ersten Akts, allerdings immer wieder gesehen durch die Brille des alten Janáček, der das Geschehen ständig verfolgt, stets die Partitur in der Hand, an der er aufgrund dieser Reminiszenzen neu arbeitet. Er greift sogar in die Tasten und akkompagniert den Gesang gelegentlich, singt selbst einige Takte dessen, was eigentlich der Komponist Živný singen sollte, und zwar genau dann, wenn es um die Erinnerung geht.

Alžběta Poláčková (Míla Valková) und Enrico Casari (Živný)
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Carsen greift mit dieser Figur des alten Janáček die Vorgeschichte der Oper auf, denn Janáček hatte in einem Kurort eine junge Frau kennen-, vielleicht auch lieben gelernt, die ihm ihre tragische Liebes- und Ehegeschichte erzählte, die Keimzelle zur Oper Osud. Auf diese Weise verknüpft Carsen spielerisch den Inhalt der Oper mit den Gegebenheiten von deren Entstehung – Leben und Kunst, ohnehin das zentrale Thema dieser Oper, wird hier noch einmal um eine Ebene erweitert.

Musikalisch ist das nicht minder faszinierend. Philip Sheffield als alter Janáček zeigt in den kurzen Gesangseinlagen, was für ein grandioser Charaktersänger er ist, vor allem was für ein Sängerschauspieler. Wie von einem inneren Feuer erleuchtet strahlen seine Augen beim Wort Erinnerung.

Philip Sheffield (Alter Janáček)
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Aber auch der Komponist der Oper, Živný, hat in Enrico Casari einen Tenor gefunden, der auftrumpfend siegesgewiss, sehnsüchtig schwelgend, aber auch selbstquälerisch eine komplexe Figur gestalteet. Alžběta Poláčková stattete die Geliebte Mila mit warmem Sopran sehr gefühlvoll aus und zeigt zugleich eine gereifte Frau und Mutter. Dirigent Marko Ivanović lotete die sehr disparate Partitur genauestens aus mit ihren dramatischen Ausbrüchen, aber auch ihren folkloristischen und fast operettenhaften Zügen, die gerade dem ersten Akt etwas faszinierend Parlandohaftes verleihen.

Aber Philip Sheffield spielt nicht nur den alten Janáček, er ist zugeich natürlich auch der gealterte Komponist Živný, der im dritten Akt die Proben zu seiner Oper besucht. Während des zweiten Akts wiederum ist er ganz Janáček, der mit seiner Partitur in der Hand zunehmend verzweifelt beobachtet, wie das Eheleben von Mila und Živný sich auf die Katastrophe zubewegt.

Osud
© Marek Olbrzymek | National Theatre Brno

Mit diesem Regiekonzept gelingt Carsen nicht nur eine fulminante Inszenierung von Janáčeks Oper, er stellt zugleich Hypothesen in den Raum, weshalb Janáček mit dieser Oper offenbar solche Schwierigkeiten hatte, dass er sie immer wieder bearbeitete und am Ende in der Schublade versenkte, und er stellt die Frage, wie nahe beieinander Kunst und Leben sein dürfen, ohne dass beide Schaden nehmen. Atemberaubend!


Die Vorstellung wurde vom Livestream auf OperaVision rezensiert.

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