Die Violine prägte ab dem siebzehnten Jahrhundert einen großen Teil der Konzerte, nachdem ihre Blütezeit durch spieltechnische Entwicklungen und besonders begabte geigende Komponisten zuvorderst in Italien mit einer umfassenden Auswahl an Musikliteratur bedacht worden war. Begonnen mit neuen Einsatzformen bei Monteverdi über Legrenzi, Torelli und Vitali, noch stärker instituiert durch Biber, Schmelzer, Walther und Bertali, wuchs die Begeisterung für das Streichinstrument und mit ihr ein eigenes Virtuosentum bis zu europäisch bewunderten, nachgeeiferten Spezialisten wie Corelli, Veracini, Locatelli, Pisendel und Vivaldi. So entstanden neben nicht zählbaren Sonaten und Konzerten für ein oder zwei Geigen auch einige Concerti für vier Violinen, von denen Adrian Chandler als von seinem Instrument aus leitender Kopf des Ensembles La Serenissima Beispiele von natürlich Vivaldi, Telemann und Valentini auswählte, um sie für die Frühlingsreihe der Wigmore Hall-Livestreams zu präsentieren. Ergänzt wurden sie um zwei Arien von Vivaldi und Ariosti, die Mezzosopranistin Jess Dandy auf die Bühne brachte.

Jess Dandy und La Serenissima
© Wigmore Hall

Pur erklingt das Geigenquartett bei Telemann in seinen senza basso-Concerti, die eigentlich der Struktur nach sowohl doch Sonaten (viersätzige da chiesa-Form) als auch mit einem Bass ausgestattet sind. Ihn übernimmt nämlich die jeweils tiefste Violine in den Sätzen, die meistens nicht länger als zwei Minuten dauern, dennoch jede gütliche Meisterschaft und Pointiertheit Telemanns nach italienischer Art beinhalten. Die Viererkombination von La Serenissima nahm sich wegen der Kürze und Ausgefallenheit gleich zwei solcher Konzerte vor, zuerst das in G-Dur, dann das in D-Dur. Darin zeigte sie mit viel Spielbewusstsein, Dynamik und Kontur für den unterschiedlichen Charakter der belebten Bögen, Imitationen und Aufteilungen in Duo- oder Triogruppen der schnellen Beispiele sowie mit dem Sinn für die Qualität der hinreißend-harmonieschönen langsamen Arienauschnitte große Freude an Telemanns kammermusikalisch charmantem Goldstandard für diese Besetzung und die Zeit der Vorbilder aufgreifende Versiertheit.

Virtuos einiges mehr abverlangt wird den vier solistischen Geigen (und konzertierender Bratsche) in den herkömmlichen con basso-Concerti des Giuseppe Valentini. Dabei ist das je nach Zählweise des Grave-Allegro als ein zusammenhängender oder getrennter Satz aus sechs oder sieben Movimenti bestehende Konzert Op.7 Nr.11 die bekannteste Erscheinung. Es ist einerseits besonders Corelli-like, andererseits erfordert es übermäßig flinkes Geschick und Durchhaltevermögen in den langen einzelnen Soli der Instrumente im hitzig-italienischen Bariolagen-Tourbillon des eingangs angesprochenen nummerierungsstrittigen Allegros, das die Violinen und das Continuo von La Serenissima eindrucksvoll beherrschten. So spitzten alle Streicher ihre Bögen zudem mit reichlich Selbstvertrauen im ersten knackigen Allegro, das zum Tanz anstiftete, wie auch im finalen, abermals wetzenden Allegro assai, dem ein markig-trotzendes Presto vorausging, das in der Nachfolge zur irrwitzig aufgeladenen Raserei rabiatere Entgegenstellungskräfte und zugleich nun wegen seiner Takttemperierung leichte Beruhigung entfaltete. Ihnen zwischenplatziert, befanden sich die gemächlichen Sätze mit kristalliner und intensiver Ausdeutung ebenso beim Ensemble in guten Händen und erhellenden Klangsphären.

Jess Dandy
© Wigmore Hall

An Schönheit noch übertroffen wurden diese mit Vivaldis Concerto RV553, das viel seltener zu hören ist als jenes aus der L'Estro armonico-Sammlung und in dem Chandler und seine ebenfalls auffällig betont zupackende Mitstreiterin am Instrument sowie die beiden Violinkollegen einen wahren Vulkan an Funken und Blitzen losbrechen ließen. Er trieb zusammen mit dem Melodie-Tutti ein Staunen und Begeistern ins Gemüt, der genauso auf Mezzo Dandy zutrifft. Zwar mag mir ihr Dauervibrato geschmacklich, stilistisch und zwecks Schärfung der Affekte und Texte nicht allzu behagen, was überwiegend in der Gefängnisszene des Caio Marzio Coriolano des Ariosti auffallend war, doch war ihr wahnsinnig dunkles und geschmeidiges Contralto-Timbre mit dem Abgleiten ins tiefste Register dramatischer Anlass genug, Gänsehaut zu verursachen. Gepaart mit dem Ausbund an abgezockter Lockerheit und müheloser Eleganz der Koloratur- und Bravura-Passagen geriet ihr Wandeln in Vivaldis Kantate „Amor, hai vinto” mit dem Feuer von La Serenissima zu einem beachtlichen Hochgenuss.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Wigmore Hall rezensiert.

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