Obwohl es diese vermeintlich starren Grenzen längst nicht mehr gibt, kommt es dennoch nicht so häufig vor, dass sich klassische Orchester und ihre Dirigenten auf Barockrepertoire-Terrain begeben. In einzelnen Fällen mag es die eigene Linie des Respekts und Geschmacks sein, die Alte Musik den Spezialisten anzuvertrauen. Doch im besten Fall führt gegenseitiger Austausch zu einem Heranführen an die Welt des anderen, mit dem Sichtweisen verändert oder ergänzt werden. Eine Möglichkeit ergab sich, als Yannick Nézet-Séguin in seiner Geburtsstadt samt seinem Orchestre Métropolitain mit Bachs h-Moll-Messe sein Debüt beim Festival Bach Montréal feierte.

Yannick Nézet-Séguin
© Hans van der Woerd

Und der Einstieg mit dem von einem aus professionellen Sängerinnen und Sängern zusammengestellten Chor schwebend vorgetragenen Kyrie I, dessen Bittrufe zurückhaltend bis energiegeladen ausgebreitet über die Emporen glitten, versprach einiges. Hinzu kam, dass vor allem das durchweg stilistisch und spielerisch-dynamisch überzeugende Orchester einen vorzüglichen Eindruck hinterließ, als es ohne Vibrato, besonders unterstützt durch Anklänge historisierender Phrasierung bei den hervorstechenden Oboi d'amore und Flöten ein Höchstmaß an wohltuender Hoffnung und Bestätigung auslöste. Dass sich diese Empfindung nicht weiter durch die zweistündige Wiedergabe trug, lag dabei keinesfalls am lediglich mit historischen Pauken besetzten OM. Vielmehr brach sich bei mir bereits zum eigentlich fließenden Christe eleison die Verzweiflung Bahn, dass Nézet-Séguin diesen instrumentalen und stimmigen Ansatz mit der Auswahl der Solisten völlig untergrub. Vielleicht waren Kimy McLaren und Rihab Chaieb noch um gewisse Leichtigkeit bemüht, die bei aller Konterkarierung beim Dirigenten zu erkennen war, doch wurden sie angehalten, in altes Romantikopern-Tremolo-Muster zu verfallen, das nichts mit barockem Messstil zu tun hat.

Wenn unverzichtbar stilsicherer Effekt und Affekt durch Artikulation und Phrasierung überhaupt gesanglich anzutreffen, dann versuchte der Chor sein Bestes zu geben. Im kräftigen, beschwingten Gloria gelang dies bis zu ersten inhomogenen Ausreißern der Soprane, insbesondere des Sopran I, die fortlaufend, teilweise mit den Altstimmen ihre Stimmkontrolle verlieren sollten, so dass das „et in terra pax“ schon seinen Schwebezustand einbüßte. Auffällig unkontrollierter geriet dies beim glücklicherweise frischen Sequenz-Finale Cum sancto spiritu, in dem die Damen Mühe hatten, mitzuhalten oder artikuliert ausgelassene Freude zu transportieren. Als lobenswert sind da in jeder Hinsicht die modernen Trompeten zu nennen, die mit Ventilsicherheit und glänzendem Ton festliche Verlockung bescherten. Sie spannten auch zusammen mit dem gesamten Orchester und Chor die Flügel der kurzzeitigen Versöhnung im Gratias agimus tibi auf, nachdem sich Mc Laren weiter unpassend unglücklich durch das Laudamus te lavierte. Zwar war ihr schön weiches Einfinden im Domine Deus zusammen mit David Portillo mit leichtesten Akzenten behaftet, ihr beider Überlagern des operalen, beim Tenor beinahe noch lästigeren, im Benedictus aus dem Ruder laufenden Ausschweifens verhinderte aber jeden anknüpfungsmöglichen Vorzug.

Trotz warmer Stimme sollte Chaieb ihr Qui sedes gänzlich als große dramatische, fast spätromantische Arie auffassen, die jedoch wie ihr Agnus Dei deshalb völlig ausdruckslos blieb. Dazu gesellte sich neben dem eintönigen Dauertremor eine herbe Vokalunschärfe. Eine übertrieben heldenhafte, dafür tiefenbetörende Opernstatur wies auch Bass John Reylea auf, dem ich im spritzigen Quoniam noch am ehesten etwas Positives abgewinnen konnte, wohingegen seine bemühte Geschmeidigkeit im intimeren Et in spiritum sanctum einfach nicht durchgreifen konnte. Neben weiteren rhythmischen und intonatorischen Eintrübungen der Soprane vermochte der Chor ansonsten in der Nicenum-Sequenz (Credo I merkwürdig schüchtern), genauso wie McLaren mit sporadisch erkennbarer Varianz, Boden gut zu machen. Einen Boden, den das Orchester mit Dynamik und Auferweckung treffend bereitete, und Erde, die es im Sanctus mit Vehemenz und Jubel einmassierte in die Pflanze des auffahrenden Trosts gen Himmel. Nézet-Séguin behandelte dieses trotz Taktwechsels in einem Tempo, das folglich im Pleni sunt coeli und anschließenden Osanna nicht zu verhindern half, dass der Chorverbund mehr aufbrach und es den Sopranen teilweise die Stimme verschlug. Sie schleppten sich letztlich zu einem Dona nobis pacem, wobei dieses Debüt bei aller grenzenlosen Sichtweise erhebliches Kopfzerbrechen hervorrief.

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