Herrlich unaufdringlich schwebte das Hornthema durch den leeren Herkulessaal, der wie so häufig in den vergangenen Jahren Kulisse für das Benefizkonzert des SZ-Adventskalenders war, das heuer das erste Mal in rein digitaler Form mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks stattfand. Das hielt den mittlerweile 93-jährigen Herbert Blomstedt nicht auf, eine bemerkenswerte Interpretation der „Großen“ C-Dur-Symphonie von Franz Schubert abzuliefern. Viel kann man schon an diesen ersten acht Takten ablesen: Vieles über die Interpretation, aber ebenso viel über den Orchesterleiter. Denn anders als bei Leonard Bernsteins ergreifend-epochalem oder Karajans kultiviert-klangschönem Ansatz gab sich der Beginn bei Blomstedt radikal zurückgenommen. Flüchtig, fast beiläufig entwickelte sich das Thema, setzte die Grundlage für die gesamte Interpretation und bewahrte sich trotzdem eine ungeheure lyrische Kraft. Was der Schwede bot, war eine überlegene Lesart, die nicht Volldampf zum Spannungszwecke werden ließ, sondern deren Dramatik sich organisch, ja natürlich zwingend ergab. Und in solch luxuriöser Umgebung für musikalische Entfaltung war da auch Platz, die Schönheit bis ins kleinste Detail der Partitur zu erleben. Dass die fein herausgearbeiteten Melodielinien auch im Online-Konzertsaal so plastisch hörbar waren, war dabei auch der exzellenten Aufnahmetechnik des Bayerischen Rundfunks zu verdanken. So erlebte man auch vor dem Bildschirm ein spielfreudiges BR-Symphonieorchester mit einem vitalen Dirigenten, der sichtlich Freude an den gewitzten Details der Partitur hatte. Zum Abschluss schmetterte er noch den Musikern ein Bravo entgegen.

Herbert Blomstedt
© BR Klassik

Schade ist da, dass Mozarts berüchtigtes „Exsultate, jubilate“ mit Sopranistin Julia Lezhneva zuvor so viel weniger Eindruck schinden konnte. Das lag vor allem an zwei Gründen. Einerseits geriet Blomstedts überlegter Ansatz hier doch arg in einen kaum spritzigen Elder-Statesman-Vortrag, der an wunderbare Mozartinterpretationen erinnerte, die nicht mehr wirklich zeitgemäß wirken. Sicher wusste Blomstedt auch hier das BRSO zu wunderbarer Formschönheit zu führen, wirklich vom Hocker reißen konnte das aber nicht. Der zweite Grund lag bei Lezhneva selbst, die in diesem Jahr zum ersten Mal vor leerem Auditorium konzertierte. Vielleicht lag darin die Erklärung, dass die Russin die geistliche Motette, die sie sich gewissermaßen zum Signature-Piece gemacht hat, als italienische Opernarie darbot – dramatische Schluchzer und angeschliffene Töne inklusive. Eigentlich hat Lezhneva das gar nicht nötig, denn ihre Stimme ist reifer, voller – gerade in der Mittellage. Gleichzeitig waren die Koloraturen immer noch mühelos detailliert, Lezhnevas Timbre im Kern immer noch jugendlich frisch. Dass Lezhneva sich dafür entschloss, auf den letzten Spitzenton zu verzichten, war ein Indiz dafür, dass es eine bewusste Entscheidung für eine erfahrenere Interpretation ist. Wenn diese nun auf das Opereske verzichtet, ist sie mit Sicherheit überzeugend.

Da waren die Psalmenkompositionen von Edvard Grieg, die Blomstedt a capella mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks ganz zu Beginn des Konzertes interpretierte, deutlich spannender. Sie waren besinnlich, tiefenscharf ausgearbeitet und ein Beweis dafür, dass Blomstedt auch ein veritabler Chorleiter ist. Auch digital funktioniert also das SZ-Benefizkonzert, bleibt nur zu hoffen, dass auch finanziell ein ähnlicher Erfolg erzielt wird, denn das ist in diesem Jahr besonders wichtig – sollen doch Teile der Erlöse auch an durch die Pandemie in Not geratene Künstler gelangen.


Die Vorstellung wurde vom Livestream auf BR-Klassik rezensiert.

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