Der Musiksaal im Stadtcasino Basel: bis in den Spätherbst noch mit 1500 Zuhörern gefüllt, die seine vielgerühmte Akustik und die wundervolle Optik der Angleichung an den historischen Ursprung unter dem beeindruckenden Orgelprospekt erleben wollten – seit drei Monaten ist auch er nur noch reine Spielstätte, kein Atem mehr eines konzentrierten Publikums zu spüren. Die Pandemie-Einschränkungen gehen so weit, dass auch die Streicher des Sinfonieorchesters Basel schwarzen Mund- und Nasenschutz tragen. Hans-Georg Hofmann, künstlerischer Direktor des Orchesters, brachte es auf den kurzen Nenner, dass die Musiker ebenso wie das Publikum „die gemeinsamen Momente abseits vom virtuellen Raum schmerzlich vermissen“.

Marek Janowski
© Felix Broede

Statt zweier ausverkaufter Konzertabende mit einer vielbewunderten jungen russischen Pianistin und einer Dirigentenlegende gab es nun wenigstens einen Stream, der auch ins Wohnzimmer von Musik-Liebhabern gelangt, die sonst nicht solche Meisterkonzerte frequentieren. Mehr als acht Lebens-Jahrzehnte hat Marek Janowski, seit August 2019 Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, bereits vollendet. Sein Auftreten vor dem Orchester ist beschwingt, uneitel, mit feiner, fast minimalistischer Zeichengebung, in der schlichte Fingerzeige, Impulse aus der Handwurzel, leichtes Kopfnicken oder Körperwendungen bereits Richtung, Öffnen oder Zurücknehmen von Klangvolumen signalisieren: „mit dem Orchester atmen“, wie das Buch mit seiner Biographie es auf den Punkt bringt. Franz Schuberts Ouvertüre im Italienischen Stil ließ er in ernstem Schritt beginnen, schöne Soli von Flöte und Horn herausklingen, dann munter bewegt den Hauptteil folgen, der etwas vom quirligen Strudel der Rossini-Begeisterung um 1820 atmete.

Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya, 2019 Artist in Residence der Dresdner Philharmonie, hat oft mit Janowski musiziert; mit dem Sinfonieorchester Basel spielte sie nun Robert Schumanns Klavierkonzert a-moll ,Op.54. Phantasie oder Symphonie: Schumann rang lange mit der endgültigen Form, wollte den klassischen Konzerttypus durch eine weniger strukturgebundene, zeitgemäße Form ablösen. So gibt es nur eine thematische Ursubstanz im Allegro affettuoso, mit der Orchester und Solistin sogleich leidenschaftlich und energisch begannen. In immer neuen Wendungen ließ Vinnitskaya mosaikartige Motivteile des Hauptthemas hervorspringen, spielte neue Reize von leidenschaftlichem Drang oder wohlig-schattiger Träumerei aus; da tauchten schnell wechselnd poetische Anklänge und Ansichten dieser in Töne gesetzten Liebe Schumanns zu seiner Clara auf. Wunderbar wie Anna Vinnitskaya den Lyrismen des Kopfsatzes in den Oboen- und Klarinettensoli nachhorchte, sich selbst mit immer neuen Facetten in dieses Spiel einmischte. Janowskis überaus sorgfältiges Dirigat, das oft vernachlässigte Nebenstimmen hervorleuchten ließ und durchwegs auf ein zügiges Allegro pochte, rundete diesen Kopfsatz vollendet ab.

Auch der Mittelsatz überraschte: der Gang des Intermezzo war flott und schlendernd zugleich, so wattig hingetupft und wieder unentschlossen zwischen Dur und Moll schwankend, gekrönt in der wundervollen Episode der glutvoll schwärmerischen Cellomelodie. Festlich die Überleitung ins Finale, nun nicht mehr von träumerischer Versenkung gezeichnet, sondern wie luftig improvisiert über das Kernthema, virtuos und voller Schwung. Auch hier imponierte Anna Vinnitskaya durch makellosen Anschlag und fingerflinke Läufe, intensives Gestalten und melodische Gesanglichkeit. Ein ebenso mildes wie wildes Schumann-Erlebnis!

Richard Strauss‘ Metamorphosen entstanden 1945, als Studie für 23 Solostreicher konzipiert, im Auftrag des Basler Mäzens und Dirigenten Paul Sacher. Ihre Ernsthaftigkeit und späte Erschütterung ist angereichert mit typischem Blühen und Schwelgen des erfolgsverwöhnten Komponisten, wie sie etwa der Ariadne oder Capriccio ihren warmen Schmelz gaben, aber auch mit depressiven, resignativen Zügen im Erinnern an leere und zerbombte Konzertsäle in München. Marek Janowski und den Basler Streichern gelang eine eindringlich dichte, zutiefst bewegende Interpretation wie aus einem weitgeschwungenen Bogen; sie beglückte den Hörer mit erstklassig durchstrukturiertem, faszinierend lebendigem Spiel und brachte Strauss’ ergreifende Schwermut ebenso wie in allen Farben schillernde Süße des Rückblicks zum Klingen.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Sinfonieorchesters Basel auf IDAGIO rezensiert.

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