Zwei Leidenschaften lassen sich wunderbar miteinander verbinden: Musik und Reisen. Es sei denn, es herrscht eine weltweite Pandemie, dann köcheln die Vorlieben unausgelebt unter der nun heißen Flamme des Betrübtseins darüber vor sich hin. Einen kleinen Ersatz bieten die Streaming-Angebote, in denen man zumindest virtuell zu innig geschätzten vertrauten oder neuen Orten außerhalb der Vier Wände und selbiger Musik gelangt. Diesen Umstand – bei mir den Effekt entfachend, endlich nach Toronto und seinem Alte-Musik-Ensemble zu kommen – machte sich das seinen vierzigsten Geburtstag feiernde Tafelmusik Baroque Orchestra für ein Programm zu eigen, indem es zu einem Roadtrip nach England, Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien einlud.

Keiran Campbell, Lucas Harris, Charlotte Nediger, Cristina Zacharias, Elisa Citterio
© Tafelmusik

Startpunkt dieser erneut für bleibende Eindrücke und enthusiastische Erzählungen gesorgt habende Unternehmung von Tafelmusik waren London und Purcell. Dessen zahlreiche Bühnenmusiken, die jenseits seiner bedeutenden Semi-Opern kaum gespielt werden, veröffentlichten die erst vom plötzlichen Tod des Komponisten entsetzten, dann vom Schock erholt findigen Verleger in einem Sammelband. In dieser 1697 gedruckten Collection of Ayres for the Theatre befindet sich auch die Suite zum 1693 entstandenen The Double Dealer, deren Overture das in seiner Besetzung durchwechselnde Ensemble hier unter Leitung Geneviève Gilardeaus mit viel Elan und punktiertem wie geläufigem Drang blickhungriger, wissbegieriger Touristen mit engagierten Guides anging. Die acht folgenden kurzen Sätze boten dann im Schnelldurchlauf alles, was Purcell und die beliebten britannischen Bretter der Welt zu bieten haben: rhythmische Akkuratesse, englischen Charme und französische Tugendhaftigkeit, eine typisch folkloristische Hornpipe, eine ebenso unverwechselbar liebreizende slow aire, zwei äußerst galante Zwischenakt-Tunes und ein abschließend spritziger chaconniertes, eingängiges Liedchen in meisterlicher Balance aus milchbesüßter Tee-Milde und etwas röscherem Gebäck-Knack.

Keiran Campbell, Dominic Teresi, Charlotte Nediger, Geneviève Gilardeau, Julia Wedman
© Tafelmusik

Wirklich körnig und feurig hafteten die Entdeckungen im Gedächtnis an das Geschmacksbilderbuch Österreichs, genauer der Pracht und dem Selbstverständnis Salzburgs, die die Skordatur-Violine und -Viola Julia Wedmans und Brandon Chuis (faszinierend makellos!) mit Basso in der Partia IV aus der Harmonia artificioso-ariosa zum Ausdruck brachten. Ob die Doppelgriffe im Vorspiel, die verrückt virtuosen Läufe, der Trezza-Kanon, der frische Biss und die energisch-energetisch-lustige Motiv-Verwertung eines Corelli im Pollicinello interpretierten die Musiker mit solch erstaunlich gastorientiert-sympathischer Tatkraft gleichsam heimisch-verwurzelter Kenntnis, dass man gerne noch länger an diesem Schatz verweilt hätte. So ging es aber, nachdem es ja zuvor „überflogen“ worden war, nach Deutschland und zwar nach Stuttgart und Hamburg. Bei Brescianellos c-Moll-Sonate für Oboe, Violine und Continuo erfuhr man durch die dargebotene Klasse etwas von der technischen Bewandtnis der italienisierten Württemberger oder württembergischen Italiener, als Cristina Zacharias und Marco Cera leicht und zart, mit dem bassalen Pep Keiran Campbells Cello strahlend und edelmütig den ersten Satz, mit umsichtiger Wärme das Adagio und mit noch mehr – Schwaben nachgesagter Gediegenheit ablegendem – Wagemut dynamisch und artikulatorischer Art das Allegro durch reizvolle Zuwürfe im Reisetagebuch festhielten.

In Hamburg, mit seinem Hafen und seinem Komponisten Telemann das Tor zur Welt, wäre ich ebenfalls mit Freude länger geblieben, derart hinreißend gestaltete Wedman in bekannt passioniert phrasierender Sprache die e-Moll-Variante aus den Six Quatuors ou Trios von 1733, in der sich die beiden Geigen theatralisch und bis zum Ende immer lebhafter aufstachelten, während das Fagott Dominic Teresis köstlich-störrisch gelassen in diesem hanseatischen Wettlauf mithielt. Wie sehr kleine Änderungen in kleiner Besetzung Farben und Effekte verändern, verdeutlichte die Fahrt nach Frankreich und zur Sprache Couperins. In La Sultane erzeugten beide Holzbläser (die Oboe spielte die zweite Violine), die Gambe, Geige und das Cembalo einen ergötzenden Fluss an unaufdringlich-exquisiten Düften der Parfümmetropole. Italien, insbesondere das seit jeher anziehende Venedig und Ziel jeder Grand Tour des 17. und 18. Jahrhunderts, bildete mit Vivaldi die Schlussetappe dieses Roadtrips. Und mit der Follia-Sonate ein musikalischer Hotspot, bündelt sie doch alle Qualitäten einer luxuriösen Erlebnisreise mit historischer Kultur, Aktualität und finalem Feuerwerk. Unter Führung Elisa Citterios gelang dabei das Kunststück, diese eigentlich oft gesehene Attraktion durch Artikulations-, Tempo- und Variationsausschmückungen wieder mit neuen Augen wahrzunehmen.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Tafelmusik Baroque Orchestra rezensiert.

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