Schon zu Weihnachten produzierte Les Arts Florissants unter seinem Co-Direktor Paul Agnew für die allesamt daheim bleiben müssenden Zuschauer eine gestreamte, imaginäre Vivaldi-Messe, in der mit den venezianischen Liturgieteilkompositionen ein musikalischer Gottesdienst voller Pracht und nobler wie dramatischer Effektivität und Attraktivität gefeiert wurde. Nach Ostern und der abermaligen Enttäuschung über zahlreiche Absagen im coronamürben, aber nach wie vor kreativ um Aufführungsmöglichkeiten verlangenden Kulturbereich erneuerte das Ensemble seine An- und Fürsprache, indem es am zweiten Tag eines wochenendlangen Frühlingsfestivals in der heimischen Vendée ganz im Zeichen Vivaldis drei Vespermusiken aussandte, die auf dem Programm Agnews allerersten Konzerts als Dirigent der Arts Florissants im Jahr 2007 standen. Wieder auf Anfang also, und das weitere Hoffen auf eben solchen neuen mit und nach dem Virus.

Paul Agnew dirigiert Les Arts Florissants
© Les Arts Florissants

Wie es sich für eine Vesper, genauer Marienvesper, gehört, begann die Andacht dabei mit dem Domine ad adiuvandum me festina, an dessen Doppelchörigkeit und Rhythmik Agnew sichtlich Spaß hatte. Freude, die er ausstrahlt und in seinen Bewegunen nachvollzieht sowie dann überspringt, wenn die Stimmen den Positivismus in festlicher Vollmundigkeit und melodiöser Texturierung mittragen, wie in der abschließenden Amen-Fuge geschehen. Zwischendurch durften beide Einzelgruppen den Sopran-Part des Gloria patri intonieren, der in dem kurzen Stück die dreieinige Heiligkeit Vivaldis Fähigkeiten und die der Ausführenden komplettierte. Nämlich die mit aller emotionaler Beweglichkeit ausgestattete Schönheit himmlisch-schwebender Eindringlichkeit und schmeichelnd-bezirzender Würde.

Ihm folgte in psalmiert vorgegebener Reihe das Beatus vir – im Gegensatz zu den meisten anderen geistlichen Vokalwerken nach dem Stand der Forschung nicht für das Ospedale della Pietà geschrieben und geeignet, sondern wegen der cori spezzati wohl offensichtlich für den Markusdom vorgesehen –, dessen Anlage noch mehr Kontraste und Effekte ermöglichte, einmal in den ständigen Echodialogen von Chor und Orchester, darüber auch in den dynamischen Changierungen. Sie traten ganz plakativ in den fünf Tutti-Antifonen, die einfach das Beatus vir mahnend erinnernd zusammenhalten, zutage, die in abwechselnder Lautstärke gegeben wurden. Crescendi ließen im lebendig behutsamen Exortum est in tenebris, im getrennten, getragen kräftigenden In memoria aeterna, im dramatisch mit Verve aufgefahrenen Paratum cor eius sowie dem finalen hingebungs- und schwungvollen Gloria patri Entfaltungen zu, die die gelobte Ehrfurcht wirkungsbereichernder gestalteten. Etwas zaghafter und trockener sind dagegen die puren Soli von Violaine Le Chenadec und Nicholas Scott zu vernehmen gewesen, nachdem beziehungsweise bevor die übrigen Sätze durch die weiteren Gesangssolisten im sicheren Gefühl des gemeinschaftlichen, teils theatralischeren Wortefindens aufgehoben waren.

Wie mittlerweile üblich, integriert Agnew auch ein Instrumentalkonzert in das Programm, für das er seinen Platz räumt, um die Mitte frei zu machen für die Konzertmeisterin Les Arts Florissants'. Tami Troman stand nun zwischen dem rein weiblichen – und damit zumindest Ospedale-getreuen – Ensemble, denn selbstverständlich entschied man sich für das einzig passende Vivaldi-Concerto, dem Violinkonzert mit doppeltem Streichorchester Per la Santissima Assunzione di Maria Vergine. Gerade wegen der instrumentalen Doppelchörigkeit hätte dabei ein zweites Mikrofon vor Troman gut getan, um ihre harmonisch herausfordernden, meistens virtuosen und mit Dynamikreizen versehenen Arpeggien- und Bariolage-Bewältigungen des ersten Allegro, das kühl-warme Violini-senza-viole-e-basso-Kleinod und das mit viel Bewegung und allen Lauf-, Figur-, Triller- und Doppelgriff-Fertigkeiten beherrschte Schlussallegro besser herauszustellen.

Folgerichtig endete die Vesper mit dem Marianischen Gebetslied, dem Magnificat, in dessen überarbeiteter Fassung sich die Solisten, ergänzt um das dunkle, anmutige Timbre Mélodie Ruvios, etwas fruchtiger präsentieren. Chor und Orchester der LAF konnten mit annehmend phrasiertem Einfühlungs- und Ausdrucksvermögen einen Überzeugungsfuror oder luftig engelsumgarnenden Klang lostreten, aus dem firm und feierlich die Blüte des Frühlings und der Musik Vivaldis spross.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Les Arts Florissants rezensiert.

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