Römische Politik im Jahre 46 vor Christus und dazu gut dreieinhalb Stunden praktisch unbekannte Barockoper – das ist kein massentaugliches Programm. Dass solche Vorhaben vom einschlägig interessierten Publikum dennoch immer wieder hervorragend angenommen werden, davon konnte man sich jüngst im Theater an der Wien überzeugen.

Allerdings wurde mit dem Jubel am Ende dieser Aufführung in erster Linie die hervorragende musikalische Umsetzung belohnt, weniger das Werk, denn auch das Beste aus der sprichwörtlichen guten alten Zeit ist nicht ohne weiteres ein Garant für Erfolge im Hier und Heute. Vincis Catone in Utica hat zwar elegante Rezitative, und manche Arie wartet mit Überraschendem wie kunstvoller Pizzicato-Begleitung auf, aber dennoch erscheint auch Barockliebhabern diese Oper etwas (zu) lang – zumindest, wenn ihr die visuelle Umsetzung fehlt, wiewohl sich Pietro Metastasios Libretto, das Vinci als erster von etwa dreißig vertonte, sehr wohl für eine Regiearbeit eignen würde.

Franco Fagioli © Julian Laidig
Franco Fagioli
© Julian Laidig

Es ist in jedem Falle (in der Übersetzung von Monika Scheel) interessant zu lesen: Cato der Jüngere, ein glühender römischer Republikaner im Exil, bekommt im afrikanischen Utica ungebetenen Besuch von dem nach der Alleinherrschaft strebenden Julius Caesar, und dieser hat nebst Fulvio, einem ihm wohlgesonnenen Gesandten des Senates, auch gleich seine Truppen mitgebracht. Das kann Cato trotz der versöhnlichen Worte dieser Besucher nicht gefallen, und dann liebt auch noch seine Tochter Marzia den Erzfeind, anstatt ihm durch die Heirat mit dem lokalen König Arbace Unterstützung zu sichern. Diese politische und persönliche Tragödie endet mit dem Selbstmord Catos, den niemand, und schon gar nicht die Intrigantin Emilia gewollt hat.

Das Sterben auf der Bühne, zudem durch die eigene Hand, war zu Metastasios und Vincis Zeiten unerhört. Dementsprechend verstört reagierte das an das tradionelle „glückliche Ende“ gewöhnte römische Publikum, weshalb Metastasio schon kurz nach der Uraufführung 1728 widerwillig einen neuen Schluss schrieb, um zumindest die barocke Form zu wahren. In dieser schien der Suizid erträglich, was Händel und sein Librettist Nicola Francesco Haym schon vorausgesehen haben dürften, als sie in ihrem vier Jahre früher in London uraufgeführten Tamerlano die Titelfigur samt Arioso, Rezitativ und Schlusschor in den Tod schickten.

Bei Vincis im Theater an der Wien gegebener Originalfassung des Catone  gibt es hingegen lediglich eine Schlusschor-ähnliche Stelle mit eine kunstvollen Mischung aus und Soli und Tutti, doch endet die Oper abrupt mit drei dürren Zeilen von Cesare, als der sterbende Catone von der Bühne getragen wird. Wiewohl dies der persönliche Wille von Komponist und Librettist war, beschlich einen an diesem Abend aber doch das Gefühl, dass das „Originale“ oft, aber nicht immer besser ist und etablierte Zweitfassungen sehr wohl Sinn und Berechtigung haben. Schließlich hätte man sich als Publikum auch für die Sänger ein musikalisch befriedigenderes Ende des Konzerts gewünscht, zumal deren Leistungen an diesem Abend atemberaubend waren.

Da man, wie erwähnt, das Projekt Catone ganz original anging, standen wie bei Vinci nur Männer auf der Bühne, wobei die Kastraten, welche im Rom damals die Frauen ersetzten, ihrerseits durch Countertenöre ersetzt wurden. Das hat keinen Neuigkeitswert mehr, und mittlerweile liefern Countertenöre regelmäßig schon geradezu routinemäßig hochklassige Leistungen, aber an diesem Abend wurden auch für Wiener Verhältnisse noch einmal neue Maßstäbe gesetzt:

Max Emanuel Cencic © Anna Hoffmann
Max Emanuel Cencic
© Anna Hoffmann
Als Marzia überzeugte Ray Chenez mit angenehmem Mezzo-Timbre, während Emilia von Vince Yi mit – wie beschreibt man das am besten? – glockenheller Jungmädchenstimme gesungen wurde. Beide hatten offensichtlich viel Spaß an dieser vokalen Travestie und sorgten beim Publikum mit koketten Augenaufschlägen für entsprechende Stimmung. Wenn Vince Yi noch ein wenig an seinem Italienisch arbeitet und seine Forte-Ausbrüche besser zu kontrollieren lernt – wer weiß, was da ihm da noch an Möglichkeiten offensteht.

Max Emanuel Cenčić und Franco Fagioli, die die ihren bereits voll genutzt haben, zeigten, dass Konkurrenz sogar die Besten der Besten beflügelt. Wenn auch bei beiden Perfektion die Regel ist, so punkteten sie an diesem Abend einmal mehr mit ihrer berührenden Musikalität und speziell Fagioli mit seiner Virtuosität. Leider wurde mir das Vergnügen daran bei der berühmtesten Arie des Werkes „Se in campo armato“ von den Naturhörnern von Il Pomo d’oro getrübt – ein weiterer Beweis dafür, dass „original“  nicht automatisch besser sein muss. Am Pult des Originalklangensembles stand der für Riccardo Minasi eingesprungene Maxim Emelyanychev, der seine Aufgabe mit viel Energie und Körpereinsatz ausgezeichnet erledigte und speziell den Streichern oft Wunderbares entlockte.

Die Tenöre (Juan Sancho als Catone und Martin Mitterrutzner als Fulvio) stehen bei solchen Barockfestspielen meistens etwas im Schatten, konnten sich aber diesmal mit tadellosen Leistungen gegen die Countertenor-Diven behaupten. Beide gefielen durch angenehmes Timbre und saubere Stimmführung, wiewohl man bei Mitterrutzners erster Arie den Eindruck hatte, dass diese für seine Stimme noch etwas tief lag. Aber das ist eine Sorge, die andere Tenöre gerne hätten – auf jeden Fall ist der junge Tiroler ein Talent, das es wert ist, weiter zu verfolgen.

Fazit: Ein viel bejubeltes Fest der Stimmen, jedoch mit Längen.