Leonardo Vincis zurürckgewonnene Bekanntheit als einer der bedeutendsten Opernkomponisten im Range Händels, Vivaldis oder Porporas verdanken wir Barockliebhaber vor allem auch der Wiedergeburt der Countertenöre. Als einer von ihnen, der mit Parnassus Arts sogar noch eine Produktionsfirma im Rücken hat, mit der er für die Festivalitäten im markgräflichen Opernhaus Bayreuth verantwortlich zeichnet, bringt Max Emanuel Cenčić vergessene Dramen zurück in unsere Ohren. Dasjenige Gismondos zum Beispiel, das erst bei Klangvokal seine Deutschland-Premiere feiern sollte, die wegen Corona schließlich aber später bei besagter Einsetzung in Oberfranken stattfand. Mit jetzigem Nachholtermin konnte man diesem – wenn auch recht stark gekürzt – nun doch in Dortmund in bewährter Tradition barocker Raritäten, Schlager oder Publikumslieblinge leibhaftig folgen.

Max Emanuel Cenčić (Gismondo)
© Bidzina Gogiberidza

Worum geht’s? Der bestmöglich der Ratio verpflichtete Gismondo regiert ab 1569 Polen und erwartet die Lehnseide der Herzogtümer Litauen, Mähren und Livland, soweit das von Francesco Briani für Antonio Lotti konzipierte Libretto zu Ehren des Dänenkönigs Frederik IV. in ansonsten nicht so genau zu nehmender Historisierung auf die tatsächliche Staatenunion genannter Herrschaftsgebiete Bezug nimmt. Primislao, der unberechenbare, emotional-okkulte Fürst-Antipode, möchte dem nicht öffentlich, sondern nur im Hinterzimmer – es ist ein Zelt – nachkommen, wobei die vermeidenwollende Geste der Untertänigkeit dennoch publik wird. Erzürnt von dieser persönlich Gismondo angelasteten Indiskretion, erklärt der Litauer Polen den Krieg. Jener Kriegsausrufer wird aber ausgerechnet – noch nichtsahnend – von Gismondos Tochter Giuditta angehimmelt, während Sohn Ottone Primislaos Tochter Cunegonda verfallen ist. Als wären die politischen Schwierigkeiten also nicht schon Grund genug für schlaflose Nächte, kommen diese opernsicheren privaten Probleme hinzu. Doch sind sie natürlich Anlass und Mittel für die Weisheit und Losung schlechthin: Versöhnung, Weitsicht, Herzensgüte und Frieden gerade dank persönlicher Verquickung und herrschaftlich behüteter Aufrichtigkeit, kluge Heiratsdiplomatie und Coolness in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzung.

Aleksandra Kubas-Kruk (Primislao)
© Bidzina Gogiberidza

Passend zur geographischen Authentizität der Story ist das polnische Parnassus-Ensemble {oh!} Orkiestra Historyszna unter Leitung von Konzertmeisterin Martyna Pastuszka mit der musikalischen Umsetzung betraut worden. Und ihm und der ihm vorstehenden, locker-leichten, lächelnden, bewegungsfreudigen und mit zupackendem Enthusiasmus alle ansteckenden Violinistin als Maestra di capella – zusammen mit Maestra al cembalo Anna Firlus, die für ein fließendes wie verzierendes Continuo sorgte – ist maßgeblich der triumphale Erfolg der Aufführung zu verdanken, der sich – hier mal wirklich zurecht – im verdienten Szenenapplaus nach jeder Arie äußerte. Schließlich thronte über jedem Einsatz die hinlänglich eingespielte und so logischerweise immer besser werdende Balance und Dynamik mit den ein Sopranfestival veranstaltenden Sängerinnen und Sängern, egal ob sich Vincis eingängig mitreißende und grazile Einfälle im Zeichen der wallenden, kernig-spritzigen Impulsivität oder der kontrastierend-entzückenden, seidigen Geschmeidigkeit befanden.

Solisten mit Orkiestra Historyczna
© Bidzina Gogiberidza

Diese Expressionspalette fingen gleichsam verinnerlicht Gismondo und Primislao ein, indem Cenčić im Angesicht eines eigentlich zu Optimismus veranlassten Königs seine Einsätze und figurativen Klippen mit Weisheit, kühlem Kopf und zurückgenommenem Volumen in insgesamt gutem tieferem Register bedachte. Dabei ließ er sich in seinem kontrollierten, von opferbereitem Realismus geformten Temperament selbst bei unwillig-aufgedrängter, bevorstehender Schlacht nicht großartig aus der Ruhe bringen, es sei denn Sohn Ottone zeigte – nachvollziehbar und vermeintlich löblich – immer noch gefühlige Regung im Kampfgebiet der Liebe anstelle genetischer Steuerungsfähigkeit zugunsten von Vater, Krone und zu schützender Bevölkerung. Primislao hatte in Aleksandra Kubas-Kruk dagegen eine durch gekränkten Stolz zu Übersprungshandlungen, hier nur manchmal wünschenswert zu noch mehr Kraft, bereite Stimme, deren Racheschwall die truppendienliche Einschwörungsrede unter dem fulminanten Kriegsgeheul der Streicher, Oboen, Trompeten und Pauken des Ensembles bildete oder Tochter Cunegonda die Marschrichtung vorgab.

Sophie Junker (Cunegonda) und Yuriy Mynenko (Ottone)
© Bidzina Gogiberidza

Eben diese Cunegonda war durch Sophie Junker von solch durchdringendem, (aus)strahlendem Kaliber, dass sie mit deklamatorischer und phrasierter Ausdruckshingabe sowie dramatisch abgestimmtem Vermögen spielerisch kommunikativ Augenhöhe nicht nur behauptete, sondern in sofortiger und direkter Anteilnahme an (Un)Erschütterlichkeit, Amazonenrüstzeug und letztlich doch stärkerer Verliebtheit zu Ottone anhob. Auch dessen Arien – oder selbstverständlich das timbremäßig kongeniale Duett im zweiten Akt – waren die Highlights des Abends, weil Yuriy Mynenko in höhergelegenem, leuchtend-wendigem, warmem Countertenor nahbar Leidenschaft und Überzeugung in siegreicher Reinform und im aussichtslos richtigen Muss und Soll des Happy Ends verkörperte. Dieses war auch Giuditta beschienen, die erst ihr Schweigen, dann ihr Bad-Boy-rettendes Outing mit klarer, herzhüpfend-reinlicher, weicher Stimmführung belegte. War außerdem Nicholas Tamagnas ausgeglichen starke Registersicherheit, Verständlichkeit, Beweglichkeit und freie Theatralik als durch Schicksal und Verzweiflung immerzu aufgewühlter, scheidender Tragiker Ermano bewundernswert, verlangte dazu Jake Ardittis einsichtig-loyaler Ernesto mit minimal trockenerer Färbung, jedoch gleichzeitig weiter bühnenalerterem Empfinden, höchsten Respekt – wie gänzlich dieser Gismondo bei Klangvokal Dortmund.

*****