Manchmal scheint sich innerhalb von Jahrhunderten nicht so viel verändert zu haben: die Musikszene wird angeführt und beherrscht von übergroßen Namen, Stars und Diven, die für Glamour und Publikum sorgen. Andere gehen dagegen ein wenig unter mit der Folge, dass ihnen ungerechterweise eine ebensolche Anerkennung verwehrt bleibt. Unter dem Radar lief in der Zeit der barocken Gazetten-Duos Bordoni/Cuzzoni oder Farinelli/Senesino bisher die Sängerin Maria Domenica Polon, die in Venedig sowohl das Licht der Welt erblickte als auch das Bühnenlicht mit der Profession des Gesangs und Violinspiels für sich entdeckte. Erste Sporen verdiente sie sich an dem in Gründung befindlichen Hof in Bad Arolsen, woran zum diesjährigen 300. Stadtjubiläum erinnert wird. Nachdem sie gar für Telemann im Opernmekka Hamburg reüssiert hatte, zog sie es gegen Ende 1730 wieder in die Waldeckische Residenz zurück, wo das Mannheimer La Folia Barockorchester im Rahmen der Barock-Festspiele dem Lebensweg der Polon eine musikalische Nachzeichnung zu zuteil werden ließ. Robin Johannsen fiel die Rolle der italienischen Sopranistin zu, deren Stimme für das auserwählte Herzensrepertoire wohl bekannt ist. Gestatten, Polon.

Robin Johannsen © Tatjana Dachsel
Robin Johannsen
© Tatjana Dachsel

Ihre „Grand Tour“, auf die sie samt dem Publikum dem Festivalthema der Intendantin Dorothee Oberlinger gemäß historisch en vogue geschickt worden war, begann in der Heimat. Natürlich mit Vivaldi und ouvertürentechnisch mit dem Sinfonia-Allegro aus L'Olimpiade, das mit deftigen, feurigen Sforzati und Bass-Brausern so lebhaft war, als hörte man die Hufe der Pferde scharren, die auf die Bildungsreise beziehungsweise Karrierestation nach Arolsen entführten. Die Serenissima zu verlassen, schien der Polon nicht ganz leicht zu fallen, rang Johannsen doch – sprudelnd leichtgängig über die Höhen und Tiefen – in „Siam navi all'onde algenti“ mit dem welligen Auf und Ab von Abschiedsschmerz, ungewisser Reise und dem nötigen künstlerischen Fortkommen in der Zukunft. Es war darin ihre intensive Bewegung, aber auch in den Läufen klare Verständlichkeit, die bereits als Geschenk für Arolsen leuchteten. Dass der Neuanfang gleichzeitig die im Moment des Weggangs erst nachrangige Hoffnung in sich birgt, veranschaulichte Johannsen mit „La speranza verdeggiando“ aus Orlando finto pazzo, in der sie die Zuversicht befreiend, figurativ tänzelnd und mit einem Lächeln ausdrückte, das den Zuhörer wiederum kommunikativ entgegenbringend veranlasste, über beide Ohren zu strahlen. Die nach vorheriger Arie allegorisch besungene, nun gefundene Wellenlänge kam umso mehr zum Ausdruck, wenn die Sopranistin ihre Stimme mit dem formidabel balancierten La Folia gemeinsam wiegend in die anschmiegsamen (Kutschen-)Kurven der Melodie legte.

La Folia Barockorchester © Martin Förster
La Folia Barockorchester
© Martin Förster

Ankunft und Aufenthalt in Arolsen gerieten musikalisch etwas knapper. Doch selbst mit Campras Les fêtes vénitiennes war die Polon durch den Stil der Zeit und das venezianische Opernmekka immer wieder mit ihrer Geburtsstadt verbunden. Verknüpfung stellte zunächst einmal das Ensemble mit seinem Namen her, als es das „Entrée de la suite de la Folie” locker auflegte. Johannsen schmeichelte wie dem Hof damals die Polon mit französischer Eleganz, die in „Accourez, hâtez-vous“ besonders von zielführender Betonung lebte. Ihrem Erfolg spürte man am besten in Hamburg nach, wo sie große Rollen sang, jedoch auch durch die Zusammenstellung des Programms stets die innere Gefühlswelt der Privatperson aufbrach. Eigentlich kann man nicht anders, als sich zu freuen, endlich in der Hansestadt zu sein, vor allem, wenn Telemann einem einen derart famosen Empfang bereitet. Polon wurde durch das La Folia Barockorchester mit anspringender Akzentuierung und ansteigendem, akkurat-homogen ausgeführtem Elan in der Eröffnung der Hamburger Ebb' und Fluth begrüßt, sodass ihre Verzweifelungsarie „Cor di padre“ aus Händels Tamerlano auf ihr südländisches Unbehagen mit dem Wetter zurückzuführen sein muss. Zuvor hatten die Streicher in Telemanns Suiten-Gigue nämlich mit sul ponticello-Effekt ein wenig nordische Kälte aufkommen lassen, der am besten mit Grog der lustigen Bootsleute zu begegnen war, artikulatorisch instrumental noch in gewissen Maßen. Generell drehte das Cembalo Clemens Flicks zwar immer mehr wunderbar auf, Theorbe und Barockharfe anstelle Fagott und eventuell Barockgitarre waren allerdings im Raum nicht vernehmbar.

Erwärmung erfuhren vielmehr die Herzen der Besucher der Gänsemarktoper, wenn sie den berührenden Händellinien lauschten, die Johannsen alias Polon in versöhnlichem Italienisch und aufwühlendem Ausdruck präsentieren durfte. In rasanter, verlachender Wut des „Se giunge un dispetto“ aus Agrippina brillierte sie mit aller galanter, zierlicher Vehemenz. Schönste Erinnerung an ihren 2017er Sophi brachte ihr Sopran in der kniffligen Miriways-Paradearie „Ich will mit verscheuchten Rehen“ zurück, in der er sich trotzig, schäumend und siegreich durch das Telemannische Figurendickhicht und die Polon bereits ihr privates Scheidungsschicksal kämpfte. Instrumental evozierte das Ensemble, das trotz nahezu ausschließlich solistischer Besetzung voll klang, abwechslungsreiches, hüpfendes Vergnügen in den Ecksätzen der Sinfonia spirituosa, gepaart mit andächtigem und geistreichem Gefühl im Largo durch die Concerto-Einsätze der Violinen Müllers und Pia Grutschus'. Servierten sie mit der „Conclusio in B” aus der Tafelmusik noch ein kurzes spaßiges Häppchen, rundeten sie den Weg ab mit dem erfreuten Bravour-Feuerwerk, das zu einer festlichen Eröffnung gehört. Doch war „Ich weiß die Flammen auszulöschen“ aus Flavius Bertaridus nicht der Abschluss. Mit dem überraschenden Auftritt von Oberlinger an der Sopranino zirpten alle zusammen wirklich erst entlassend ein rundes, neckisches Nachtigall-Duett.

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