Dantons Tod verdankt sich buchstäblich einem Glücksgriff: Der fünfundzwanzigjährige Gottfried von Einem war 1943 auf der Suche nach einem Opernstoff, und seinem Lehrer Boris Blacher kam in der Bibliothek zufällig ein Band mit Georg Büchners Dramen in die Hände. Die beiden erarbeiteten ein Libretto, und der Rest ist Operngeschichte. 1947 feierte von Einems Opern-Erstling Premiere in Salzburg und wurde ein Welterfolg, wohl weil das Werk kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der Zeit traf. Seither wird es immer wieder aufgeführt, hat sich aber dennoch nicht nachhaltig auf den Spielplänen etabliert. Die Wiener Staatsoper hat sich auf den Tag genau gar 46 Jahre Zeit gelassen, um die Geschichte der Französischen Revolution, die eines ihrer Lieblingskinder frisst, wieder zu zeigen.

<i>Dantons Tod</i> © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Dantons Tod
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren: Nach einer langen Phase des Friedens in Europa, mit zunehmendem allgemeinen Wohlstand, schien das Thema vielleicht selbst im Bicentenaire, dem Gedenkjahr 1989, wenig aktuell. Aber auch das Werk selbst hat seine Tücken. Zum einen ist das Libretto anspruchsvoll und gefällig rhythmisch, lässt aber jene, die sich unvorbereitet darauf einlassen, vermutlich ein wenig ratlos zurück – die Berichte über die Aktivitäten der Dezemvirn, Girondisten und Sans-culottes (bzw. Ohnehosen, wie sie bei von Einem eingedeutscht heißen) wirken im Sprechtheater verständlicher.

Wolfgang Koch (Georges Danton) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Wolfgang Koch (Georges Danton)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Regisseur Josef Ernst Köpplinger dürfte für sich erkannt haben, dass eine entsprechende Belehrung des Publikums mit szenischen Mitteln ohnehin wenig Aussicht auf Erfolg beziehungsweise Gefallen hat, weshalb er aus der Not eine Tugend macht und das revolutionäre Durcheinander als das inszeniert, was es ist. Der Einheitsbühnenraum von Rainer Sinell ist ein zum Zuschauerraum wie zum Bühnenhintergrund hin offener Bretterverhau. Strukturiert wird dieser sich nach hinten verjüngende Käfig durch zwei einander kreuzende, schräg in die Bühnenmitte gesetzte Holzbalken, auf denen eingangs das Feuer der Revolution wortwörtlich brennt. Diese Balken erweisen sich auch als ausgezeichnete Orientierungshilfen für die aufwändige Choreographie, die der Chor aufgrund seiner enorm wichtigen Rolle als zwischen Danton und Robespierre schwankenden Volk zu absolvieren hat (choreographische Mitarbeit: Ricarda Regina Ludigkeit).

Herbert Lippert (Camille Desmoulins), Koch (Georges Danton), Jörg Schneider (Hérault de Séchelles) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Herbert Lippert (Camille Desmoulins), Koch (Georges Danton), Jörg Schneider (Hérault de Séchelles)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Dann ist es aber auch schon Schluss mit Struktur, denn auf der Bühne selbst regiert das Chaos, Hurerei inklusive. Verschiedene Requisiten, etwa diverses Mobiliar, werden bei Bedarf vom nächsten Sperrmüllhaufen genommen und nach Gebrauch wieder beiseitegeschoben – fast geht es zu wie am Kritikerschreibtisch. In der sorgfältig geplanten Unordnung geht der Einzelne auch schnell in der Masse unter – oder gar verloren – was allerdings bestens zu einer Revolution per se passt. Die sechs Bilder der Oper sind daher in dieser Inszenierung, von den Orchesterzwischenstücken einmal abgesehen, nicht scharf abgegrenzt, sondern fließen ohne Schauplatzwechsel ineinander. Das macht bei einem eineinhalbstündigen Stück auch Sinn und lässt die rasch wechselnden Meinungen des Volkes noch erschreckender wirken.

<i>Dantons Tod</i> © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Dantons Tod
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Köpplinger komplettiert seine stimmige Regiearbeit mit Licht, das in den französischen Nationalfarben durch die Latten des erwähnten „Käfigs“ dringt. Wenn durch diese Zwischenräume zusätzlich Arme gestreckt werden, fühlt man sich unweigerlich an die Leiterwagen erinnert, welche die Todeskandidaten zur Guillotine brachte; auch die historisierenden Kostüme von Alfred Mayerhofer beschwören den Geist dieser Zeit.

Dieser ist auch vom Komponisten gut getroffen. Wenn die Henker nach dem Blutrausch, der für sie wohl kaum mehr als ein Tag im Büro ist, auf dem Heimweg eine Art Heurigenlied anstimmen, trifft das die Banalität des Bösen perfekt. Nachdem die Henker gegangen sind, erscheint auch das Ende dieser Inszenierung logisch: Lucile wird nach ihrem „Es lebe der König“ nicht einfach abgeführt. Den Kopf ihres Mannes Desmoulins in ein Tuch gewickelt, verharrt sie allein, während sich der erwähnte Bretterverhau weitet und der Bühnenraum mit Licht geflutet wird.

Olga Bezsmertna (Lucile) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Olga Bezsmertna (Lucile)
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In dieser Partie brillierte Olga Beszmertna – die beste Leistung, die ich je von ihr gesehen habe. Speziell Luciles erste Anzeichen von Wahnsinn auf von Einems schaurig-schöne chromatische Passagen sang sie atemberaubend. Die übrigen Damen konnten sich nicht recht in Szene setzen, aber das passt zu dieser Revolution, in der sich Brüderlichkeit nicht auf Schwestern bezog. Als Luciles Ehemann Desmoulins schlug sich Herbert Lippert adäquat, nur ein oder zweimal zeigten sich Probleme in der Höhe. Mit Ausnahme von Clemens Unterreiner (Herrmann), dessen Stimme im Orchester oft unterging, überzeugten die übrigen Herren. Ayk Martirossian war ein furchteinflößender Saint-Just, Jörg Schneider ein wohltönender de Séchelles, Wolfgang Bankl ein abgeklärter Simon. Wolfgang Koch war ein exzellenter, stets wortdeutlicher Danton, der auch das vokale Schwergewicht besitzt, sich gegen Orchester und Chor durchzusetzen. Letzterer verdient großes Lob für seine Leistung, die stimmlich wie auch darstellerisch höchste Ansprüche erfüllte. Die Überraschung des Abends gelang Thomas Ebenstein, der Robespierre in jeder Hinsicht mit kühler Überzeugung darstellte, die keinen Widerspruch duldete. Ebenso wie bei Olga Beszmertna erbrachte er für mich in dieser Partie seine persönliche Bestleistung.

Olga Bezsmertna (Lucille) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Olga Bezsmertna (Lucille)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das Hausdebüt der musikalischen Leiterin Susanna Mälkki wurde ebenso wie das des Regisseurs bejubelt. Unter ihrem präzisen Dirigat machte das Orchester deutlich, dass seine Musik in Dantons Tod auch losgelöst vom Gesang bestehen könnte. Dass es manchmal sängerunfreundlich laut wurde, ist wohl eher der überaus üppigen Orchestrierung geschuldet.