Ein Orchester wird 100: mit einer vieltönigen Jubiläumswoche feiert die Staatsphilharmonie Nürnberg, 1922 aus dem ehemaligen Theaterorchester als städtischer Klangkörper in öffentliche Trägerschaft übernommen, ihre bewegte Geschichte. Den Auftakt machte ein besonderes Konzert: Rund 60 jugendliche Musizierende, im Alter zumeist zwischen 14 und 20 Jahren, gaben ihr Debüt unter der Leitung von Joana Mallwitz auf der zum Orchesterparkett mutierten Bühne im Opernhaus. Mallwitz, seit 2018 vielgerühmte und verehrte Generalmusikdirektorin des Hauses, hatte während der Pandemie-Pause den Anstoß zu dieser Gründung gegeben, als Orchester und Publikum der Kontakt zueinander verloren zu gehen drohte und dem musikalischen Nachwuchs der Musikunterricht in den Schulen gestrichen wurde. Die Resonanz zum Start dieser Akademie war riesig, aus mehr als 100 Bewerbungen wurde die neue Formation aufgebaut. „Kann aus einer Idee ein Orchester werden?“, fragte Mallwitz nun bei der feierlichen Eröffnung. Es kann wirklich, die neue Junge Staatsphilharmonie stellte sich selbstbewusst erstmals der Öffentlichkeit mit einem „ausgewachsenen“ Programm vor. Ein Jubiläum als Kickoff für ein wichtiges Education-Projekt der Staatsphilharmonie Nürnberg!

Joana Mallwitz dirigiert die Junge Staatsphilharmonie Nürnberg
© Jutta Missbach

Eine Reverenz an die Heimatstadt? Richard Wagners Vorspiel zu Die Meistersinger von Nürnberg bot das Orchester zum Einstieg, ein wahrlich kühner Griff in die Orchesterliteratur. An einigen Stellen waren Instrumentalisten der jubilierenden Staatsphilharmonie hinzugekommen, um alle notwendigen Pulte besetzen zu können. Und schon die ersten Takte zeigten einen gut abgestimmten Tuttiklang, melodiös und majestätisch, ein sicheres Spiel musikalischer Muskeln. Eine wunderbare Szene dann im Intermezzo der Holzbläser, in das launig die exzellenten Streicher wieder einsetzten. Joana Mallwitz wählte ein zügiges Tempo, feuerte mit weiten Armschwüngen die freudige Ausstrahlung der jungen Künstler an, ließ den sieghaften Blechbläser-Choral sicher wie einen Sonnenaufgang über den Orchesterwogen leuchten. Voll von herrlichen Kantilenen, geschmeidigen Harmonieübergängen zog die Meistersinger-Geschichte vor ausverkauftem Haus vorüber, überzeugten die jungen Philharmonisten in wechselnden Details bis zum prachtvollen Kehraus.

Viele wunderbare Talente wurden in diesem Nachwuchs-Orchester neu zusammengeführt, und es ist bemerkenswert, dass allein drei verschiedene Konzertmeister*innen sich geradezu routiniert präsentieren konnten: David Rosenberg, Konstantin Demydas sowie die erst 16-jährige Alma Keilhack, die auf Wettbewerben bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. In Beethovens Violinromanze F-Dur, Op.50 wechselte sie in die Solistenrolle, stimmte, wie im barocken Concerto grosso gesanglich führend, entspannt mit dem nun etwas verkleinerten Orchester Beethovens melodienreiches Rondo-Kleinod an. Da wurden Echoeffekte fabelhaft ausgekostet, Klangfarben fein gemischt. Beethovens herrliche Idee, mit einer immer höher steigenden Violinkantilene die Romanze zart enden zu lassen, machte Keilhack, sensibel dem Melodiebogen nachhorchend, zu einem berührenden Moment dieses Konzerts.

Alma Keilhack
© Jutta Missbach

Wer vorher geglaubt hatte, Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung könnten eine Nummer zu groß sein für dieses jugendliche Ensemble, sah sich gründlich getäuscht. Ein Werk prall gefüllt mit Klangeffekten, Stimmungswechseln, virtuosen Aufgaben ist gerade deshalb eine motivierende Herausforderung für junge ehrgeizige Künstler, und mit Joana Mallwitz’ klug gestaltendem Dirigat gelang eine vielfarbig schillernde, klangprächtige Aufführung der in Töne gesetzten Gemälde von Mussorgskys Freund Viktor Hartmann. Fast unvorstellbar, dass der originale Klavierzyklus beinahe in Vergessenheit geriet. Erst Maurice Ravel sicherte ihm mit seiner Orchesterfassung den Weltruhm: exakt im Jahr 1922 der Nürnberger Orchestergründung, ein weiterer Jubilar also in dieser Festwoche!

Wie beim Betreten einer Ausstellung erwartungsvoll, mit Neugier: die wundervolle Promenade machte den Eintritt leicht, verband später liebevoll die Gedanken rund um die Exponate. Da gab es eine Menge zu entdecken: Das alte Schloss, ruhig schwingend vom Saxophon ausgemalt, mit prägnantem Holzbläser-Ostinato. Dicht gestaffelte Streicher im düsteren Milieu des Ochsenkarrens. Und wie mit blinkenden Lichtspots angeleuchtet, ein herrlich durchsichtiges, witziges Ballett der Küken in ihren Eierschalen. Turbulenz auf dem Marktplatz, bedrückende Totensprache in den Katakomben. Und im verschwenderisch instrumentierten Finale durchschritten Mallwitz und die faszinierende Junge Staatsphilharmonie das von grellen Schlagwerk-Salven illuminierte Große Tor von Kiew – ein Höhepunkt hypnotischer Wirkung!