Nur. Ein. Ring. Die Wiener Staatsoper hält die Fans von Wotan und seiner Sippe in dieser Saison kurz, aber bei Laune: Wer sich für Die Walküre entschied, konnte sich über ausgezeichnete Sängerinnen und Sänger und das spannende Dirigat von Axel Kober freuen, der erstmals einen Wiener Ring leitet.

Christopher Ventris (Siegmund) und Martina Serafin (Sieglinde) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Christopher Ventris (Siegmund) und Martina Serafin (Sieglinde)
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Diesem steht auch eine bekannt-kompetente Besetzung zur Verfügung, die im Wiener Ring schon mehrfach zu überzeugen wusste, und auch diese Walküre war keine Ausnahme. Christopher Ventris als Siegmund gab „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ eher romantisch denn euphorisch und gefiel mit unangestrengter Stimmschönheit und Stil – kraftvolle, aber nicht übertrieben lange "Wälse"-Rufe treffen zumindest meinen Geschmack. Zudem harmonierte Ventris ausgezeichnet mit Martina Serafin, deren emotionale Sieglinde im zweiten Aufzug allerdings Brünnhilde-Tendenzen erkennen ließ. Lassen wir uns überraschen, wie es mit dieser Stimme weitergeht. Als geradezu idealtypischer Hunding gab der Bayreuth erprobte Tobias Kehrer ein gelungenes Hausdebüt. Er gestaltete diese kurze Partie differenziert und dröhnte nur dort, wo es angebracht ist. Ansonsten vermittelte er die Gefährlichkeit eines Raubtiers vor dem Sprung.

Auch das Rollendebüt von Sophie Koch als Fricka war ein Genuss; aus der Aufregung über den Siegmund-Sieglinde-Skandal und der Kränkung über die Untreue des Herrn Gemahl entwickelte sie eine vokale Bestimmtheit, die Wotan keine Wahl ließ. Als letzterer hatte Tomasz Konieczny einen großen Abend. Er hat an seiner Diktion gearbeitet, und das Ergebnis kann sich hören lassen. So interessant gestalten sich die Verweise auf das Vorspiel und in die Zukunft, die in der Walküre vermittelt werden müssen, selten, und der Abschied von Brünnhilde war erschütternd. Wenn dieser Mann mit der Riesenstimme nur mehr flüstert, macht das fast noch mehr Eindruck als die beträchtliche Lautstärke, die er seinem Instrument entlocken kann. Beeindruckend, frisch und scheinbar mühelos ist das, was Iréne Theorin als Brünnhilde aufzubieten hat. Ihre Auftrittsrufe waren von jugendlichem Überschwang, und die letzte Aussprache mit Wotan von herzzerreißender Traurigkeit getragen.

Tobias Kehrer (Hunding) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Tobias Kehrer (Hunding)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Die übrigen Walküren brachten als sympathisch lärmende, gut choreographierte Schwesternschar etwas Leben in die sattsam bekannte Inszenierung von Sven-Erich Bechtolf. "Den Ring muss man träumen" ist in meinem alten Programmheft das Interview mit dem Regisseur übertitelt, wobei dieser schöne Satz eigentlich von seinem Ausstatter Rolf Glittenberg stammt. Einen besonders interessanten Traum in Bezug auf den Ring hat Morpheus den beiden dennoch nicht beschert – und Die Walküre haben sie überhaupt verschlafen. Hundings Haus mit der kronenlosen Esche erfüllt zwar seinen Zweck, und die flachen Felsbrocken im zweiten kann man immerhin als Altare verstehen, auf denen Wotan seine Überzeugung opfert, aber ansonsten herrscht szenische Dürre. Erfrischend ist nur, wie sich verschiedene Sängerinnen und Sänger der Herausforderung stellen und buchstäblich in Eigenregie ihr Bestes geben. Aber auch ein Traum-Duo wie Tomasz Konieczny und Iréne Theorin kann nicht gänzlich darüber hinwegtrösten, dass der dritte Aufzug außer starren Walküren-Rössern und Video-Feuerzauber optisch wenig zu bieten hat.

Tomasz Konieczny (Wotan) und Sophie Koch (Fricka) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Tomasz Konieczny (Wotan) und Sophie Koch (Fricka)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Eine neue Neuinszenierung steht daher bei den Wiener Wagnerianern mit schöner Regelmäßigkeit am Wunschzettel fürs Christkind, und die musikalische Qualität, die man in der jüngeren Vergangenheit beim Wiener Ring erleben durfte (und darf), hätte eine solche mehr als verdient: Letzte Saison sorgte das Staatsopern-Faktotum Ádám Fischer als Ring-Dirigent für Euphorie beim Publikum, und bei Axel Kober, dem Bayreuth erfahrenen Staatsopern-Debütanten, war das nicht viel anders. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil sich in Wien schon manch prominenterer Name überraschend schwer getan hat.

Positiv auffällig an Kobers Dirigat war die vollkommene Übereinstimmung von Bühnen- und Grabengeschehen, was bei einem Werk, das in der Saison nur einmal auf dem Spielplan steht, beinahe an ein Wunder grenzt. Dass der Ring zu seinem Kerngeschäft zählt, und das Staatsopernorchester sowie die meisten Sängerinnen und Sänger sowohl mit dem Werk als auch mit der Wiener (Nicht-)Inszenierung Erfahrung haben, macht diese Leistung nicht geringer. Für Gänsehaut sorgte etwa der Übergang von „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ in „Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte“ – da fügten sich Einsatz, Dynamik und Emotionalität zu einem größeren Ganzen, das atemberaubend war.

Iréne Theorin (Brünnhilde) und Tomasz Konieczny (Wotan) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Iréne Theorin (Brünnhilde) und Tomasz Konieczny (Wotan)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Wunderbar war auch der Nuancenreichtum, den das Staatsopernorchester nicht nur an dieser Stelle entwickelte. Den ganzen Abend hindurch wurde mit voller Konzentration musiziert. Dementsprechend fein geschliffen fiel das Gesamtergebnis aus, das allerdings von einem ruppigen Vorspiel eingeleitet wurde – mir kamen Erinnerungen an ein Fahrt durch einen steirischen Wald, in dem der Wintersturm „Paula“ die Fichten wie Zündhölzer geknickt hatte. Auch der Walkürenritt hatte es in sich. Im Vergleich gegen die schnaubenden Schlachtrösser, die Kober musikalisch malte, lassen andere Dirigenten Karussellpferde tanzen. Das bedient vielleicht nicht die gängigen Vorstellungen, dennoch wird diese Walküre vielen als spezielles Erlebnis in Erinnerung bleiben.

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