Knapp dreieinhalb Stunden musste das Publikum warten, bis es sich mit tosendem Applaus erheben durfte, doch eigentlich war schon nach der Overtüre klar, dass dieser Abend besonders wird. Nach einem leicht durchwachsenen Auftakt im Rheingold, präsentierte die Bayerische Staatsoper am vergangenen Freitag Richard Wagners Walküre in selten so gehörter stimmlicher Vielfalt und mit wahrhaft meisterlichem Klang.

John Lundgren (Wotan) und Ekaterina Gubanova (Fricka) © Wilfried Hösl
John Lundgren (Wotan) und Ekaterina Gubanova (Fricka)
© Wilfried Hösl

Viel Raum dafür bot Andreas Kriegenburgs Inszenierung allemal. Den kahlen Bühnenraum, der durch bewegliche Wände lediglich seine Dimensionen veränderte, füllte Generalmusikdirektor Kirill Petrenko mit erhabener Größe. Zügig, gleichwohl fordernd war sein Dirigat, welches einsatzstark und mit großer Präzesion mit jeder Einzelstimme Wagners musikalische Welt durchdeklinierte, gerne monumental wurde, aber nie ins Sentimentale abglitt.

Simon O'Neill (Siegmund) und Anja Kampe (Sieglinde) © Wilfried Hösl
Simon O'Neill (Siegmund) und Anja Kampe (Sieglinde)
© Wilfried Hösl

Das Publikum war sichtlich entzückt. Selbst die einst so kritisch aufgenommene Balletteinlage der Inszenierung zu Beginn des dritten Akts sorgte lediglich noch für vereinzelte trotzige Lacher. Von der überwiegenden Mehrheit wurde das rhythmische Stampfen der menschgewordenen Pferde vor dem Ritt der Walküren hingegen mit gebührendem Szenenapplaus gekontert.

Ganz frei von Zweifeln und mit vielen Bravi wurde die sängerische Leistung des Ensembles quittiert. Nina Stemme in der Titelrolle als Brünnhilde ließ ihre Siegesfreude genauso mühelos und überragend in den Zuhörerraum perlen, wie sie verzweifelt um die Mithilfe ihrer Walkürenschwestern rang oder im Schlussduett nicht mit Argumenten, wie es das Libretto will, sondern scheinbar mit ihrem überlegenen Sopran Wotans milde heraufbeschwörte. Auch Simon O’Neill ließ als Siegmund seinen inbrünstigen Heldentenor mal kräftig aufbrausen und dann wiederrum unglaublich feinfühlig um seiner Schwester Liebe ringen, blieb teilweise allerdings etwas farblos. Zudem verschliff er bisweilen Wörter. Das ließ doch die überragende Klarheit des ihm gegenüberstehenden Ain Aigner, der den Hunding mit düsterem Bass sang, vermissen.

Star des Abends war ohne Zweifel Anja Kampe als Sieglinde. Sieghaft nannte Intendant Nikolaus Bachler Kampes Rollen, bei der verdienten Ernennung zur Bayerischen Kammersängerin im Anschluss, doch glaubhaft wäre vielleicht das noch bessere Attribut gewesen. In ihren so dramatisch-lyrischen Sopran legte sie alle Verzweiflung und alle Zerbrechlichkeit der Wälsung, ohne dabei je zu überzeichnen. Völlig zurecht forderte Bachler in seiner Rede, dass sie auch in Zukunft so oft wie möglich in München auf der Bühne stehen solle.

John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Brünnhilde) © Wilfried Hösl
John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Brünnhilde)
© Wilfried Hösl

Die zweite große Überraschung des Abends war John Lundgren als Wotan, und nicht etwa, weil er den erkrankten Wolfgang Koch ersetzte. Selten hat man einen so vielschichtigen und wandelfreuigen Wotan erlebt. Kämpferisch, trotzig, überväterlich, verzweifelt, zornig, resignierend, wehmütig – sein voller Bariton wechselte gekonnt von einer Schattierung zur nächsten und geriet auch bei Petrenkos engagierter Untermalung nie ins Hintertreffen.

Ekaterina Gubanova als seine Frau Fricka sang mit ungemeiner großer Durchsetzungskraft, ja fasst herrisch, aber am Ende nicht vollkommen überzeugend. Gleichwohl blieb ihr raumfüllendes Duet mit Lundgren ähnlich nachhaltig in Erinnerung, wie die Schlussszene des Stückes, als der von Statistinnen getragener Ring aus Feuer Brünnhilde umschlingt und das Publikum in andächtige Stille hüllte.

Nina Stemme (Brünnhilde) und John Lundgren (Wotan) © Wilfried Hösl
Nina Stemme (Brünnhilde) und John Lundgren (Wotan)
© Wilfried Hösl

Auch wenn, oder gerade weil diese nüchterne Inszenierung mit ihren wenigen Requisiten nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, bleibt sie angenehm zeitlos. In jedem Fall bietet sie der traumhaften musikalische Ausgestaltung viel Platz zum Atmen. Wer die Chance hat, sollte es sich nicht entgehen lassen, diese Walküre im Juli noch einmal mit gleicher Besetzung zu sehen. Es lohnt sich.

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