Im Sommer 2020 fiel die Neuproduktion des Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen der durch Corona bedingten Absage zum Opfer; erst 2022 soll sie nun tatsächlich umgesetzt werden. Um die Lücke zu füllen, wurde für 2021 zunächst eine konzertante Aufführung der Walküre angekündigt, ein Coup gelang der Festspielleitung schließlich damit, den Künstler Hermann Nitsch für die szenische Gestaltung zu gewinnen. „Es ist nicht so, dass ich eine Inszenierung aufbaue, die der Walküre entspricht, sondern ich führe eine Malaktion durch, die wohl indirekt mit der farbenprächtigen, breit ausladenden Musik von Richard Wagner zu tun hat”, erläuterte Nitsch bereits im Vorfeld.

Die Walküre
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

In weiß gekleidete Mitarbeiter des Malers agieren daher mit unzähligen Farbkübeln; in jedem Akt entstehen neue Bilder. Dabei scheinen die Farben einer gewissen Dramaturgie zu folgen: etwa Grün und Blau für die einleitenden Szenen des ersten Akts, Gelb für Walhalla oder Rot für starke Emotionen. Das für Nitsch charakteristische Blut hat hingegen nur im zweiten Aufzug einen kurzen Auftritt, als in einer stilisierten Kreuzigung eine in weiß gekleidete Frau mit Blut – ob echt oder aus der Theaterküche sei dahingestellt – übergossen wird.

Die Walküre
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Der Zusammenhang zur Handlung erschloss sich hierbei übrigens ebenso wenig wie in der letzten Szene des dritten Akts, wenn ein Mann mit nacktem Oberkörper eine Monstranz hochhalten muss. Als störend erweisen sich leider die Geräusche, die bei einer Kunstperformance eben unumgänglich sind. Am Boden wird geschüttet und geschrubbt, an der Wand dahinter rinnt Farbe wie Glasur an einer Drip Cake herab. Regelrecht hypnotisierend wirken dabei diese fließenden Farbbahnen in Kombination mit Wagners Musik und relativ bald wähnt man sich in einem ziemlich psychedelisch anmutenden Trip.

Lise Davidsen (Sieglinde)
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Das unumstrittene Highlight inmitten des Farbrausches war dabei Lise Davidsen als Sieglinde: Alleine die Wucht und die Schönheit ihrer Stimme sind beeindruckend, noch faszinierender ist jedoch, wie differenziert und elegant sie eingesetzt wird. Dramatische Ausbrüche verkamen nie zum Selbstzweck, sondern gaben Einblick in die Seele der Figur – etwa beim Gänsehaut verursachenden „hehrsten Wunder” – und die Piani schwebten wie goldene Partikel durch das Festspielhaus. Dank klarster deutscher Diktion fesselte ihre Interpretation auch durch die zum Leben erwachende Geschichte und selbst in schwarzer Kutte ohne szenische Aktion verströmte sie aus jeder Pore darstellerische Präsenz.

Klaus Florian Vogt (Siegmund) und Lise Davidsen (Sieglinde)
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Als Siegmund an ihrer Seite hatte Klaus Florian Vogt die stärksten Momente, wann immer vergeistigte Entrückung gefragt war, denn in diesen Passagen kommen sein helles Timbre und der sich scheinbar schwerelos entfaltende, aber dennoch üppig tragende, Klang am besten zur Geltung. So wurde beispielsweise die simple Zeile „nun weißt du, fragende Frau” zu einem sanft schimmernden Moment der Selbstreflexion des Charakters. Aber auch das Heroische der Partie bewältigte er stimmlich mühelos, wenn auch nicht immer mit dem letzten Aplomb in der Interpretation. Ziemlich eindimensional fiel im direkten Vergleich zum Wälsungenpaar die Gestaltung des Hunding durch Dmitry Belosselskiy aus. Sein Bass besitzt zwar die für die Partie nötige Schwärze und profunde Durchschlagskraft, durch die sein Hunding ganz automatisch respekteinflößend wirkte, aber weder die hinterhältige Verschlagenheit noch die Gewaltbereitschaft wurden mit entsprechenden Farben in seiner Stimme verdeutlicht.

Lise Davidsen (Sieglinde)
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Nicht als keifendes Weib, sondern als selbstsichere Stimme der Vernunft legte Christa Mayer die Fricka an und verlieh der Figur mit samtigem Timbre und ruhiger Kraft  dadurch so viel natürliche Autorität, dass es nicht verwunderte, dass Wotan sich ihrem Wunsch schließlich beugt. Seinen ersten Wotan meisterte Günther Groissböck an diesem Abend sehr gut, wobei die Stimme gegen Ende des dritten Akts zunehmend müde klang. Zuvor allerdings bot er einen dreidimensional gestalteten Göttervater mit eleganter Gesangslinie, profunder Tiefe und ebenmäßig warm timbrierter Mittellage. Eine seiner größten Stärken, nämlich das packende Erzählen von Geschichten durch differenzierte Klangfarben und kluge Phrasierung, konnte er dabei in seiner Szene mit Brünnhilde voll ausspielen; wenn dieser Wotan zu erzählen beginnt, kann man gar nicht anders, als gebannt zuzuhören.

Walküren und Lise Davidsen (Sieglinde)
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Die titelgebende Walküre Brünnhilde wurde von Iréne Theorin zwar kraftstrotzend kämpferisch gesungen, dabei blieb sie aber doch einiges an Schönklang schuldig. Ab der oberen Mittellage wurde ihr Sopran schrill und vibratolastig, das in sanfteren Momenten, wie in der Todesverkündung, aufblitzende, silbrige Timbre und die elegante Gestaltung fielen allzu oft martialischer Kraftmeierei zum Opfer. Darunter litt dann auch die Textverständlichkeit, weswegen die Figur nie richtig zum Leben erwachen konnte. Ähnliches lässt sich auch über die acht übrigen Walküren sagen, deren Szene zusätzlich schlecht abgestimmt wirkte und dadurch hektisch statt heldinnenhaft klang.

Iréne Theorin (Brünnhilde)
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Unter der Leitung von Pietari Inkinen blieb der Klang aus dem Graben leider vorwiegend blass, der Dirigent vermochte keine wirklichen Akzente zu setzen. Das Bayreuther Festspielorchester hatte dadurch den ganzen Abend über eher eine Nebenrolle inne, die dynamische Bandbreite bewegte sich in unauffälligen Sphären und im Gegensatz zur Bühne schimmerten hier nur wenige Farben. Die schönsten Momente erklangen im Orchester wann immer Siegmund und Sieglinde in romantische Stimmung verfielen, denn hier schwangen herrliche Romantik und sehnsuchtsvolles Schmachten mit.


Anmerkung der Redaktion:

Isabella Steppan besuchte als Mitglied der Presse die Generalprobe der Walküre am 23. Juli.

Günther Groissböck hat vor der Premiere am 29. Juli als Wotan abgesagt. Tomasz Konieczny übernimmt die Rolle.

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