Es ist wieder so weit. Weihnachtsoratorium und Messias eifern in der Advents- und Festzeit um den Titel des meistgespielten Stückes – Ritual und Rekord eben. Zur festen Begebenheit gehört auch eine Aufführung von Bachs Kantatenwerk in der Kölner Philharmonie, stets mit wechselnden Interpreten. Diesmal erzählten Solisten sowie Choir und Orchestra of the Age of Enlightenment unter der Debüt-Leitung Masaaki Suzukis die Geschichte von Jesu Geburt im festtäglichen Kompendium.

Masaaki Suzuki © Marco Borggreve
Masaaki Suzuki
© Marco Borggreve
In der Geballtheit fielen sie freilich gleich in der Eröffnung mit kräftig knallenden Pauken ein, die in ihrer feierlichen Freude fast martialisch anmuteten – ein bestaunter, wortwörtlicher Kracher. Suzuki ließ sie noch mit Crescendi auf der dritten Zählzeit zum Fortissimo auf der Eins akzentuieren und mit den fulminant strahlenden Clarinen goldenen Jubel-Pomp verbreiten. Dies tat zudem der Chor im „Jauchzet, frohlocket!“, der in seiner (von Suzuki favorisierten) Stärke von sechzehn Stimmen die vorgezeichneten Linien homogen, etwas weicher, in Taktbehandlung und luzider Verzierung eins zu eins nachempfand; schlank und zuverlässig sprudelnd von den engen Streichern und gut hörbar vom luftig-rieselnden Cembalo unterfüttert.

Mit durchaus voluminöser Kraft trumpfte passend der eingesprungene Countertenor Clint van der Linde auf, der mit seiner ausgesungenen, geschmückten Altrundung in der Höhe nicht nur eine glänzende Wahl war, sondern sich auch gegen die Begleitung durchsetzen konnte. Dies vermochte Ashley Riches, begonnen mit der freudig-kernigen Bassarie „Großer Herr, o starker König“, bis einschließlich Teil IV nicht so recht, obwohl er im ersten Rezitativ noch einen durchdringenden Eindruck machte. Zwar übertrug er diesen in seine expressiv-phrasierte Darstellung, bei der zu lyrisches Timbre eine gestraffte Markanz verhinderte, jedoch fand seine wunderbare und elegante Tiefe gegenüber David Blackadders triumphierender Trompete und dem dynamisch schon etwas reduzierten Orchester leider keine besonders verständliche Resonanz. Auf positivsten Resonanzboden fielen dagegen die äußerst flüssigen Choräle.

Versprühten zu Beginn andere die Akzente, stand nun in zweiter Kantate das Holz im Mittelpunkt, das in der leichtgängigen, rhythmisch fortschreitenden Sinfonia erdige Wärmestrahlen in den Saal leitete. Scheint Jeremy Budds Tenor in seiner hellen Schnörkellosigkeit für die Rolle des Erzählers geschaffen, überzeugte er paradoxerweise mehr in den Arieneinsätzen wie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“. Dort bewältigte er die Zweiunddreißigstelläufe unter Lisa Beznosiuks sanfter Verwirbelung mühelos und exakt. Schade, dass er diese Sicherheit nicht mit hörbarer Überzeugung kenntlich machte. Das bewies abermals van der Linde, dessen Stimme in herrlich zügigem „Schlafe, mein Liebster“ dynamisch noch besser getimt war und sich in Farbe und Klarheit perfekt zum blasenden Gehölz arrangierte. Mit der durch Orchesterrückgang ausbalancierten Chorpräsenz in „Ehre sei Gott“ hob Suzuki bei relativ langsamem Tempo in dynamischer Steigerung die kleinziselierte Festlichkeit hervor, die die Hirten im großen Bogen des Chorals in pastoral-gütlicher Gemächlichkeit verkündeten.

Anna Dennis © Sebastian Alexander Hinds
Anna Dennis
© Sebastian Alexander Hinds
Brillant kontrastreich wirkte daraus das meisterliche „Herrscher des Himmels“ des dritten Teils, und die Solisten verzauberten im Sopran-Bass-Duett mit einem stimmigen und ausgewogenen „Herr, dein Mitleid“, in dem Anna Dennis ihren durchdringenden, strahlenden, straffen Ton, wandlungsfähig phrasiert von sanft zu diktiert, erstmals gebührend präsentieren konnte. Schmiegte sich auch ihr Chrom an die Oboe d'amore an, vollführte diese Überschneidung erneut der Countertenor in seiner Arie mit Violine solo. Konzertmeisterin Julia Wedman machte sie mit vorzüglichem Spiel, schwingend, rhythmisch tanzend, agogisch phrasiert und wärmend über die Saiten federnd zu einem frohlockenden Erlebnis. Die „voller Freud“ akzentuierten und teils aufgeladenen Choräle vervollständigten das spannende Bild.

Mit knackigen Hörnern und Oboen, im Mittelteil des vierten Kapitels mit dramatischem Ansatz, appellierte das Ensemble streng, aber ebenso rund an die „feindliche“ Festlichkeit, fortan geprägt von Seligkeit im Angesicht der Furcht. Extravagantes Highlight dazu bildete die Echo-Arie, die Dennis mit fruchtigem Prononcieren mit dynamischer Spannung versah. Hätte die vorzügliche Solo-Oboistin Katharina Spreckelsen die Rufe noch kongruenter übersetzen können, erledigte dies Echo-Sopran Zoë Brookshaw in beeindruckend natürlich-exakter Weise. Trotz besungener Stärke, Kraft und Mut legte Jeremy Budd dagegen den Text nicht derart kongruent auf seine Stimmbänder, wenngleich Flüssigkeit und Intonation abermals darüber hinwegtrösteten. Ganz famos gelang das allerdings dem ihn überlagernden, beschwingten Doppel-Violinconcerto mit Basso continuo. Den artikulatorisch stimmlichen Mut erzeugte der Chor im fetzig-überschwänglichen Finale.

Ashley Riches © Debbie Scanlan
Ashley Riches
© Debbie Scanlan

Höhepunkte in aller Art stellten die letzten beiden Teile dar. Schaffte es Suzuki, die angelegte Dramatik mit Einwürfen und Chören noch besser herauszuarbeiten, fanden tatsächlich alle Solisten nach dem spritzigen Aufruf „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ zu uneingeschränkter Entfaltung. Während Ashley Riches in seiner Arie mit seinem Ansatz und Ausdruck am besten entsprechend „Herz“ und „Gnadenschein“ leuchten lassen konnte, löste sich Budds raueres Timbre im aufgeweckten Einsatz in Wohlgefallen auf. Blitzten Sopran und Alt unter anderem in harmonischer Erfüllung unter seidig-wolkiger Einbettung der Solo-Violine nochmals durch, schlugen Paukengebrüll und Clarinen mit dem exzellenten Chor glühende Funken, die die Geschichte krönend abschlossen.