Adorno postulierte einst, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben und nach wie vor stellt sich die Frage, wie das Grauen der NS-Zeit in der Kunst verarbeitet werden kann. Der Komponist Mieczysław Weinberg griff für seine Oper Die Passagierin auf den gleichnamigen Roman der Holocaust-Überlebenden Zofia Posmysz zurück. Obwohl die Oper bereits Ende der 1960-Jahre fertiggestellt wurde, kam es erst 2006 zur ersten Aufführung vor Publikum im Rahmen einer konzertanten Vorstellung. Die szenische Premiere erlebte das Werk dann weitere vier Jahre später bei den Bregenzer Festspielen. Die Grazer Erstaufführung hätte im Frühjahr diesen Jahres stattfinden sollen, durch die Corona-Maßnahmen verzögerte sich die Premiere jedoch.

Joanna Motulewicz (Bronka), Isabella Albrecht (Alte Lisa) und Mareike Jankowski (Hanna) © Werner Kmetitsch
Joanna Motulewicz (Bronka), Isabella Albrecht (Alte Lisa) und Mareike Jankowski (Hanna)
© Werner Kmetitsch

Statt der ehemaligen Chefdirigentin Oksana Lyniv, die die Premiere im Frühjahr dirigiert hätte, stand nun der aktuelle Chefdirigent Roland Kluttig am Pult der Grazer Philharmoniker. Unter seiner Leitung lotete das Orchester die vielschichtigen Klangwelten des Werks differenziert aus und bestach mit einer großen Bandbreite an Farben und Stimmungen: roh und unwirsch erklangen da etwa aufmarschierende SS-Truppen und brutale Erinnerungen. Opulent schillernd und voll (Überlebens-)Willen gestalteten die Grazer Philharmoniker die Gefühlsregungen von Marta und in den sphärisch anmutenden Passagen transportierte das Orchester in eine transzendentale Zwischenwelt des Niemals-Vergessens – ein großes Lob gebührt hier auch dem Chor, der seine Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Piano eindrucksvoll demonstrierte.

Nadja Stefanoff (Marta) und Isabella Albrecht (Alte Lisa) © Werner Kmetitsch
Nadja Stefanoff (Marta) und Isabella Albrecht (Alte Lisa)
© Werner Kmetitsch

Die Schwierigkeit in der szenischen Umsetzung, die sich dadurch ergibt, dass sich die Handlung in zwei verschiedenen Jahrzehnten und an unterschiedlichen Orten abspielt, wobei die Szenenwechsel oft fließend sind, löst Regisseurin Nadja Loschky durch eine kluge Verschmelzung von Gegenwart (die Zeit-Ebene auf dem Schiff) und lebhafter Erinnerung (die Ereignisse in Auschwitz). Dadurch sind keine gravierenden Änderungen des Bühnenbilds notwendig und die szenische Koexistenz von Schiffspassagieren, Nazis und KZ-Häftlingen ergibt auch aus psychologischer Sichtweise Sinn: ausgelöst durch das Wiedersehen mit Marta ist das Auftreten von Flashbacks der von Lisa bisher verdrängten Erlebnisse – verbunden mit der Schwierigkeit, zwischen Realität und Erinnerung zu unterscheiden – erklärbar, denn in der Rückschau sieht sie dabei sich selbst wie von außen zu und erlebt das Geschehene nochmals. Zusätzlich zu diesen zwei im Libretto eingeführten  Zeitebenen hat Loschky noch eine weitere Ebene hinzugefügt, in der Lisa eine alte Dame ist, die auf ihre Erinnerungen am Schiff zurückblickt, wo sie wiederum auf die Ereignisse im KZ zurückgeblickt hat . Das einst Erlebte verfolgt sie in dieser Interpretation offenbar noch bis in die Gegenwart. Diese Interpretation erfordert auch den Einsatz von zwei Schauspielerinnen – einerseits Viktoria Riedl als junge Lisa, die in den Rückblicken in Erscheinung tritt, und andererseits Isabella Albrecht als gealterte Version der Figur, die auf ihr Leben zurückblickt. Das Bühnenbild ist mehr ein abstrakter Raum und weniger ein realistisches Schiffsdeck, Erinnerungsstücke der Vergangenheit tauchen plötzlich auf oder werden energisch wieder in verschlossenen Fächern verstaut, sodass die Vermutung naheliegt, dass wir uns überhaupt im Kopf bzw. im Unterbewusstsein dieser Figur befinden.

Nadja Stefanoff (Marta) © Werner Kmetitsch
Nadja Stefanoff (Marta)
© Werner Kmetitsch

Der ehemaligen KZ-Aufseherin Lisa verlieh Dshamilja Kaiser mit ihrer darstellerischen und stimmlichen Gestaltung all jene widersprüchlichen Regungen und Gefühle, die im Inneren der Figur brodeln. So ließ sie ihren Mezzo in der ersten Szene lieblich schillern, bevor die Farben im Timbre beim Erblicken der totgeglaubten Marta ebenso blass wurden, wie das Gesicht einer Erschrockenen. Mit stählernem Kern in der Stimme schwang sie sich zu dramatischen Ausbrüchen auf und drosselte an anderen Stellen die Dynamik auf ein kontrolliertes Piano. Dadurch gelang es ihr, in der Interpretation des Charakters gleichermaßen menschliche Züge sowie Abgründe zu vereinen. Die titelgebende Passagierin, die einstige KZ-Gefangene Marta, wurde von Nadja Stefanoff mit warm timbriertem Sopran auf die Bühne gebracht. Mit ihrer Stimme, die in allen Lagen herrlich ebenmäßig strömt und bruchlos anspricht, vermittelte sie nicht nur die im Libretto geschriebenen Worte, sondern vor allem die unausgesprochenen Empfindungen der Figur. So schaffte sie es, gleichzeitig tiefe Entschlossenheit, Verzweiflung und nicht zu nehmende Würde durch ihre vokale Gestaltung glaubhaft zu vermitteln. Tief berührend gestaltete Stefanoff die finale Szene des Abends, in der sie ihren Sopran weich und lyrisch in den Abend schweben ließ.

Dshamilja Kaiser (Lisa) © Werner Kmetitsch
Dshamilja Kaiser (Lisa)
© Werner Kmetitsch

Neben diesen zwei zentralen Frauenfiguren waren auch die übrigen Rollen beinahe durchwegs exzellent besetzt, insbesondere die inhaftierten Frauen lagen bei den Damen des Ensembles in besten Händen: so sang etwa Tetiana Miyus eine ergreifend lyrische Katja, Sieglinde Feldhofer war eine kecke Yvette und Anna Brull, Antonia Cosmina Stancu sowie Mareike Jankowski ließen mit profunder Tiefe aufhorchen. Und auch die Herren konnten überzeugen, Will Hartmann gab einen ehrlich schockierten Walter, der nach Lisas Geständnis sein bisheriges Leben in Frage stellt; Markus Butter zeichnete einen bis in den Tod entschlossenen Tadeusz und Ivan Oreščanin, David McShane und Martin Fournier durften als überzeichnete Nazis raue Töne anschlagen.

Nadja Stefanoff (Marta) und Dshamilja Kaiser (Lisa) © Werner Kmetitsch
Nadja Stefanoff (Marta) und Dshamilja Kaiser (Lisa)
© Werner Kmetitsch

Die abschließenden Momente des Abends gehörten schließlich per Projektion auf die Bühnenbildrückwand den Worten von Zofia Posmysz: “Lange habe ich geglaubt, es gäbe keine Sprache, in der man das beschrieben kann, was damals passiert ist. Aber im Laufe der Jahre bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass wir sprechen müssen. Wir dürfen niemals vergessen.”

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