Der Gedenktag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz jährt sich dieses Jahr zum 74. Mal und während die Zahl der überlebenden Opfer des Holocausts immer geringer wird und aus der Zeitgeschichte bald Geschichte wird, ist eine angemessene Erinnerungskultur umso wichtiger. Die Theater und Philharmonie Thüringen riefen daher die Reihe „Wider das Vergessen“ ins Leben, um mit vier Werken an die Schrecken des NS-Regimes zu erinnern.

Annette Schönmüller (Lisa) und Dilara Baştar (Hannah) © Ronny Ristok
Annette Schönmüller (Lisa) und Dilara Baştar (Hannah)
© Ronny Ristok

Die Passagierin handelt von Schuld und der Unmöglichkeit, diese zu Verdrängen; vom Erinnern und von der Verantwortung der Nachfolgegenerationen. Das Bühnenbild, verortet auf ein vordergründig blitzblank poliertes Kreuzfahrtschiff, mit weißem Treppenlabyrinth und wohlhabenden Gästen am Außendeck, deren auf der Überfahrt nach Brasilien reichlich Cocktails und gute Laune verabreicht werden. Dahinter tun sich jedoch die Abgründe des Vernichtungslagers Auschwitz auf. Kalte, kahle Metallwände, gleißendes Licht und die einschüchternde und trostlose Atmosphäre des Gefangenseins. Das Bühnenbild schafft entlang der Erzählstruktur der Oper eine Zweiteilung – ein Außen und Innen, ein Oben und Unten zwischen Gut und Böse und Tätern und Opfern.

Kay Kuntze belehrt mit seiner Inszenierung nicht, sondern er erzählt die Geschichte der Oper in eindrucksvollen Bildern. Die Szenen im Lager werden absolut wirklichkeitsnah erzählt. Zudem wird die Oper in ihrer siebensprachigen Fassung zu einem multilingualen Ereignis, die das Leben im Lager umso erfahrbarer und eindringlicher gestalten.

Annette Schönmüller (Lisa) © Ronny Ristok
Annette Schönmüller (Lisa)
© Ronny Ristok

Die Oper handelt vom Wiedersehen zweier Frauen, deren Schicksal durch Auschwitz auf ewig verbunden zu sein scheint. Lisa, eine ehemalige KZ-Aufseherin, die mit ihrem Ehemann auswandert, um ihre Vergangenheit hinter sich zu verlassen, trifft auf Marta. Die Polin war nicht nur ihre Gefangene im Lager, sondern auch eine Art Begünstigte, ein Liebling Lisas. Sie begegnet Marta überall auf dem Schiff, versucht sich jedoch mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Marta das KZ keinesfalls überlebt haben kann.

Die sorglose Überfahrt wird für Lisa zur psychischen Folter. Dennoch bleibt sie uneinsichtig, was symbolisch für die Schuldfrage steht. Sie ist sich auch Jahre nach ihrer Zeit als KZ-Aufseherin keiner Schuld bewusst und rechtfertigt ihr Handeln als das jegliche Ausführen von Befehlen. Annette Schönmüller porträtiert Lisa als eine kaltblütige, berechnende Deutsche, die ganz hinter der NS-Ideologie steht und trotz kalkulierender Berechnung Dankbarkeit von den Insassinnen fordert. Die Mezzosopranistin war mit einer stechenden Prägnanz in ihrer Stimme bravourös in dieser Rolle und wurde den enormen stimmlichen Anforderungen gerecht. Der Tenor János Ocsovai bot als Ehemann Walter trotz seiner recht kleinen Stimme schöne, helle Klangfarben und eine durchweg deutliche Aussprache.

Anne Preuß (Marta) © Ronny Ristok
Anne Preuß (Marta)
© Ronny Ristok

Die Bilder im KZ schildern eingehend und emotional die Geschichte der jungen Marta und ihrer Mitinsassinnen – es sind introspektive Erinnerungsszenen Lisas. Und Marta, die während ihrer Auftritte auf dem Schiff stumm bleibt, findet in den Szenen im Lager auch stimmlichen Ausdruck. Anne Preuß’ lyrische Stimme trifft den Nerv ihrer Rolle bis ins Mark. Zart, einfühlsam und traurig gestaltete sie Marta, jedoch nicht ohne eine gewisse Hoffnung in die Stimme zu legen. Die Sopranistin lieferte eine gesanglich durchweg berührende, geradezu erschütternde Darstellung ab.

Die Geschichte der Oper beruht auf den Erfahrungen der in Krakau geborenen Zofia Posmycz, die sich bis zu ihrer Verhaftung und Auschwitz-Inhaftierung in einer Widerstandsgruppe engagierte. Weinbergs Biographie ist ebenso vom zweiten Weltkrieg geprägt, da er 1939 beim deutschen Überfall auf Polen nach Moskau fliehen musste. So wird aus der Passagierin nicht nur die Aufarbeitung der Geschichte der KZ-Insassin Posmycz, sondern auch die Aufarbeitung Weinbergs persönlicher Vergangenheit.

Annette Schönmüller (Lisa) und János Ocsovai (Walter) © Ronny Ristok
Annette Schönmüller (Lisa) und János Ocsovai (Walter)
© Ronny Ristok

Mieczysław Weinberg, der das Komponieren nicht nur als Trauerarbeit, sondern auch als moralische Pflicht sah, schuf mit dieser Oper ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. Das Verbinden mehrerer, äußerst verschiedener Musikstile – seien Elemente aus Jazz oder Volksmusik oder gar musikalische Zitate mit Bachs d-Moll-Chaconne oder dem sehr an Schostakowitsch erinnernden Kommandantenwalzer – machen dieses Werk zu einer intensiven und ausdrucksstarken Erfahrung. Der vermeintlichen Kakophonie seiner atonalen Härte setzt er immer wieder filmmusikalische Elemente und wiederkehrende Motive entgegen. Trotz des immens großen Orchesterapparats kommt seine Musik daher fast schon kammermusikalisch daher.

Dem Orchester unter GMD Laurent Wagner verlangte ein solches Stück einiges ab – umso erfreulicher war daher dessen Spielfreude, musikalische Präsenz und differenzierte Interpretation der Musik. Man erkennt einen respektvollen und ehrerbietenden Umgang mit Weinbergs Musik.

Am Ende der Oper gewährt Weinberg Marta das letzte Wort: “Keine Vergebung – niemals. Ich werde euch nie und nimmer vergessen...“, sagt sie. Während die letzten Töne verhallen, bleibt der Zuschauer stumm sitzen. Kein Applaus. Stattdessen laufen die Namen der zahllosen Oper von Auschwitz über den schwarzen Vorhang. Die Liste scheint endlos. Schweigen herrscht im Saal. Einige Zuschauer stehen auf, um ihren Respekt zu zollen. In der Reihe „Wider das Vergessen“ reiht sich Die Passagierin als wohl bewegendste Produktion dieser Spielzeit ein, als will sie wie Marta sagen: „Wenn eines Tages eure Stimmen verhallt sind […] dann gehen wir zugrunde.“

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