Zeit ist eine persönliche Erfahrung. Was dem einen nicht lange genug dauern kann, ist für den anderen zu viel des Guten. Beim Musikhören sollte man sich idealerweise hineinsaugen lassen in die Klangwelt des Komponisten. Gelingt das, dann ist man Teil einer intimen Verbundenheit von Musikern und Zuhörern und man kann in den Genuss einer unvergesslichen Konzerterfahrung kommen, so wie bei einem Konzert des Orchestre de Paris unter der Leitung von Daniel Harding im Dortmunder Konzerthaus.

Antoine Tamestit © Pascal Amos
Antoine Tamestit
© Pascal Amos

Das Konzert begann außergewöhnlich, denn neben dem Dirigenten fehlte an der gewohnten Stelle der angekündigte Solist für Jörg Widmanns Bratschenkonzerts. Von seinem Platz neben den zwei Harfen machte Antoine Tamestit mit Klopfgeräuschen auf sich aufmerksam. Er stand auf, trommelte weiter auf dem Kinnhalter seiner Stradivari und erste Bratschentöne entstanden dann durch das Aufschlagen der Finger auf das Griffbrett bis diese Kadenz durch einen Trommelwirbel der Bongos schreckhaft unterbrochen wurde. Nun begann der erste von vielen Dialogen, in denen die außerordentliche Flexibilität des Bratschenklanges aufgezeigt wurde. Was darüber hinaus auffiel, war die chamäleonhafte Wendbarkeit eines Solisten, der selbst wenn er auf einem seiner Standorte mitten im Orchester nicht sichtbar im Vordergrund stand, immer gut hörbar war.

Antoine Tamestit © Pascal Amos
Antoine Tamestit
© Pascal Amos

Ob es nun um die raue Klangfarbe der Bassflöte, die Klezmermelodien der Klarinette oder um die Späße der Tuba ging, Tamestit hatte auf alle Interaktionen und Provokationen sowohl musikalisch als auch pantomimisch eine Antwort. Er durfte schreien als ein langes Crescendo nicht lauter wurde, er sang und spielte gleichzeitig und legte sich sogar mit der gesamten Bassgruppe an. Im fünften Satz Aria Molto Adagio sang er letztendlich vor dem Orchester stehend. Er stand zwar nicht wie gewohnt links vom Dirigenten, und dadurch immer noch konsequent den üblichen Platz vermeidend, sonders rechts, aber vom Gestus her war er ganz der Virtuose, der mit seiner Klangschönheit und musikalischen Gestaltunggewalt das Publikum bezauberte.

Auffallend unspektakulär dirigierte hingegen Daniel Harding Mahlers Neunte Symphonie. Mehr als einmal konnte man vergessen, dass überhaupt ein Dirigent auf der Bühne stand. Und trotzdem oder gerade deswegen spielte das Orchestre de Paris unglaublich kontrastreich und schwelgte in Extremen. Arnold Schönberg sprach bei diesem Werk selbst „von einer Schönheit, die nur dem merkbar wird, der auf animalische Wärme verzichten kann und sich in geistiger Kühle wohlfühlt.“ Jeder Satz steht in einer anderen Tonart und hat so seine ganz eigene Aussage. Das Andante comodo ist ein Tongedicht über Einsamkeit, in dem Mahler aus seinem Lied von der Erde folgende Textzeile zitiert: „Du mein Freund, mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold.“

Daniel Harding und das Orchestre de Paris © Pascal Amos
Daniel Harding und das Orchestre de Paris
© Pascal Amos

Die Musik strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus, in wunderbar leisem Verweilen auf immer denselben Tönen und Harmonien. Nach einigen Intonationsschwächen zu Beginn steigerten sich die Bläser und leise weinte zum Abschied eine Geige. Ein langer klagender Oboenton und ein obertonreiches Flirren beendeten diesen Satz. Auch der zweite Satz Im Tempo eines gemächlichen Ländlers lebte von den Gegensätzen, sowohl in den Tempi als auch in der Dynamik. Es war eine sehr grillige Klangerzählung im Dreivierteltakt mit Überblendungen von verschiedenen Walzer- und Ländlerthemen. Harding zelebrierte geradezu die Langsamkeit und schaffte spannende Rubati. Ausnahmslos alle Solisten nahmen sich Zeit und spielten sich die klanglichen Bälle zu bis hin zum abschließenden kecken Piccoloruf. Die Rondo-Burleske bot Extremmusik in der das Orchester gewollt trotzig agierte und selbst die Hässlichkeit nicht scheute. Zum Ende geriet der Satz so grob und unerhört, dass man am liebsten laut mitgeschrien hätte.

Im letzten Satz dominierte ein warmer Streicherklang mit erdigen Bässen. Im hohen Dortmunder Saal erklang Tempelmusik, man vergaß Raum und Zeit und wünschte, dass diese himmlische Musik kein Ende nehmen würde. Aber es ist jedes Ende einer Komposition immer auch ein Vorbereiten, eine Art Einüben des Sterbeaktes, wie der Philosoph Tomas Serrien sagt. Und so war die letzte Generalpause, danach ein klagendes Cello, wie eine letzte Erinnerung, eine letzte Idee, ein Sehnen, ein Sich-Ergeben und Loslassen. Und in der Stille, die folgte, konnte man eine immense Verbundenheit fühlen, dort im Herzen der Ruhrgebietsstadt.