Als das ungeduldige Kinder-Publikum in den Saal gelassen wurde, wurde es herzlich vom Schneiderlein begrüßt, das schon fleißig mit seiner Nadel arbeitete. Seiner unglücklichen Situation – es litt unter Armut und Hunger – wurde mit melancholischer Musik Ausdruck verliehen; Tenor Benedikt Kristjánsson, der das Schneiderlein spielte, klang bei seinem Gesang jedoch in keinster Weise niedergeschlagen, sondern vielmehr jugendlich frisch und konstruktiv und deutete so den Ausgang der Geschichte voraus.

Das Schneiderlein (Benedikt Kristjánsson) und die Prinzessin (hier: Jennifer Riedel) © Eva Orthuber
Das Schneiderlein (Benedikt Kristjánsson) und die Prinzessin (hier: Jennifer Riedel)
© Eva Orthuber
Die Inszenierung von Maximilian von Mayenburg erneuerte diese berühmte Märchenwelt der Gebrüder Grimm und erweiterte die Liste der Figuren durch einen riesigen roten Kühlschrank. Dieser Kühlschrank spielte eine fast magische Rolle: Er diente nicht nur als konventioneller Aufbewahrungsort für Lebensmittel, sondern war gleichzeitig auch die Haustür des Schneiderleins, die Rüstung des Riesen, der Übergang zur Außenwelt, das Versteck bei den Kämpfen und auch der Käfig für das Wildschwein. Er bewegte sich aktiv auf der Bühne hin und her als wäre er lebendig und trug so aktiv zu einem eindrucksvollen Bild auf der Bühne bei. Eindrucksvoll war auch die hyperemotionale und verwöhnte Prinzessin, gespielt von der Sopranistin Paula Rummel. Mit einer bewusst ruhelos artikulierten Phrasierung verlieh sie dieser Rolle Ausdruck, wobei sie dennoch große Liebenswürdigkeit ausstrahlte.

Die Musik, die das Geschehen trägt, stammt aus der Feder von Wolfgang Mitterer, der 1958 in Lienz in Osttirol geboren wurde. Sie beruht auf einer einzigartigen Kombination der vom Komponisten vorher programmierten Tonspur sowie der Echtzeitperformance von Gesang und einem Instrumentalisten. Es war besonders ungewöhnlich, dass man außer einem Kontrabass kein anderes akustisches Instrument sehen konnte. Das aber tat der musikalischen Leistung des Kontrabassisten keinen Abbruch, dessen galante, sehr dynamische und lebendige tiefe Stimme immer im Saal präsent war.

Das Schneiderlein (Benedikt Kristjánsson) und das Einhorn (Jakob Ahles) © Thomas Bartilla
Das Schneiderlein (Benedikt Kristjánsson) und das Einhorn (Jakob Ahles)
© Thomas Bartilla
Die Tonspur hingegen setzt sich aus vielen verschiedenen Klangcollagen von alltäglichen Geräuschen, Naturlauten und elektronischer Musik zusammen und unterstützte die musikalischen Stimmungen jeder Szene mit dieser Geräuschkulisse und Tonmalerei: Verführerisch wurde der Marmeladenduft musikalisch dargestellt, die das Schneiderlein störenden Fliegen brummten bisweilen so laut wie ein laufender Flugzeugmotor, was entweder durch die Tonspur oder ein Tremolo des Kontrabasses ausgedrückt wurde. Es war sehr beeindruckend, wie vielfältig der Komponist die verschiedenen Stimmungen und Geschehnisse in Musik übertragen und verarbeitet hat.

Für diese Musik entwarf Mitterer darüber hinaus eine eigene, außergewöhnliche Notation, die wie ein Schnittmusterbogen aussieht, der auf verschiedenen Ebenen alles präzise von Sekunde zu Sekunde bestimmt. Dadurch wurden die Echtzeitmusik der Akteure und die Klänge der Tonspur exakt zeitgleich und es wird möglich, die Oper in immer sehr ähnlicher Form zu reproduzieren. Der offensichtlichen Schwierigkeit des Einstudierens einer solchen Notation und dem Zusammensetzen von Gesang, Kontrabass und Klangkollage der Tonspur begegnete Dirigent Ralf Böhme mit eindeutigen Einsätzen und gestaltete so einen alles überspannenden Bogen und eine hervorragende Vorstellung.

Die Werkstatt an der Staatsoper im Schillertheater ist klein (aber fein) und die Schauspieler und Musiker sind daher in direkter Reichweite des Publikums, das die Handlung und Musik genau und hautnah erfahren kann. Interaktionen zwischen den Akteuren und den Zuhörern finden hierbei häufig – manchmal sogar ad lib – statt, weswegen nicht nur das musikalische sondern auch das schauspielerische Können der auftretenden Sänger gefordert war. Die Sänger an diesem Abend gelang das vorzüglich, sie amüsierten das Publikum im direkten Kontakt musikalisch und theatralisch mit ausgelassener Fröhlichkeit.