Mit einer der vielleicht berühmtesten Opern aller Zeiten eröffnete jüngst die Hamburgische Staatsoper die Spielzeit 2016/17: Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte wurde dazu von der theatererprobten Regisseurin Jette Steckel in ein neues Gewand gekleidet und löste so die über dreißig Jahre alte Inszenierung von Achim Freyer auf der Opernbühne der Hansestadt ab.

Marta Swiderska, Iulia Maria Dan, Nadezhda Karyazina, Kinderkomparse © Arno Declair
Marta Swiderska, Iulia Maria Dan, Nadezhda Karyazina, Kinderkomparse
© Arno Declair

Für die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Steckel handelt es sich bei der Zauberflöte nicht um die erste Operninszenierung: 2013 hatte sie bereits in Basel die Tosca inszeniert und letzte Saison eine Uraufführung des Musiktheaters Weine nicht, singe an der Staatsoper Hamburg gestaltet. Bei dieser Gelegenheit, die am Hamburger Thalia Theater gefeierte Regisseurin sah sich sogleich einer schwierigen Aufgabe gegenüber: Immer wieder werden Bezüge zur Freimaurerei, Geheimbünden und dergleichen mehr in Mozarts letzter Oper diskutiert und bis heute ist es der Musikwissenschaft nicht endgültig gelungen. Es ist naheliegend, diese Aspekte auch in einer Inszenierung zu thematisieren, allerdings wählte Jette Steckel in ihrer Lesart eine gänzlich andere Herangehensweise und stellt vielmehr die Figur des Tamino sowie dessen Freundschaft zum Vogelfänger Papageno ins Zentrum. Die Oper ist so als eine Rückschau des zu Beginn im Sterben liegenden Tamino konzipiert und eröffnet Steckel somit Spielraum für eine sehr eigene Herangehensweise an den Mozart'schen Opernstoff.

Jonathan McGovern, Maria Chabounia © Arno Declair
Jonathan McGovern, Maria Chabounia
© Arno Declair
Noch während der Ouvertüre bricht ein weißhaariger, bärtiger Herr in der ersten Reihe zusammen. Sanitäter eilen herbei, legen den alten Mann auf eine Trage – und befördern diese unmittelbar auf die nebulös verhangene Bühne. Sogleich beginnt der Protagonist die Arie „Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren!“ zu singen und gibt sich so als gealterter Tamino zu erkennen, der offenbar kurz vor seinem Lebensende stehend den Tod fürchtet (und nicht etwa, wie in Schikaneders Libretto, eine Schlange) und sein Leben Revue passieren lässt: Als Kind von Nonnen aufgezogen, lernte Tamino bereits in Kindertagen Papageno (als Punk mit Dreads dargestellt) kennen und begab sich als junger Mann auf die Suche nach der Prinzessin Pamina.

Erst nach ungezählten Prüfungen und nunmehr als alter Mann sollen Tamino und Pamina endlich zusammenkommen. Die abenteuerliche Rettungsaktion kleidet Jette Steckel in ein jugendliches Gewand und lässt Tamino und Papageno in Computerspieloptik verschiedenste Prüfungen bestehen. Dazu ließen sie und ihr Bühnenbildner Flörian Lösche zahllose Schnüre mit LED-Lichtern daran von der Decke hängen, die in immer neuen Formationen blickten, blitzten, leuchteten und die Bühne sowie den Zuschauerraum mal in gleißendes Licht, mal in fahle Dämmerung tauchten oder – in den seltensten Fällen – einmal gänzlich verdunkelten.

Christina Poulitsi, Andrea Mastroni, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair
Christina Poulitsi, Andrea Mastroni, Chor der Hamburgischen Staatsoper
© Arno Declair
Doch auch für die sicherlich musikalisch beeindruckend gesetzten Auftritte der beiden großen Antipoden Königin der Nacht und Sarastro bildeten die Lichterschnüre die Basis: Beide Sänger waren nämlich nicht physisch auf der Bühne zu sehen, sondern nahmen vielmehr im Orchestergraben ihre Position ein. Von dort wurden die Gesichter auf die Lichtervorhänge projiziert und verzerrt gezeigt. Es ist eine kreative und sich eng an der heutigen Jugendkultur orientierende Inszenierung, die sich Jette Steckel für ihr Operndebüt einfallen lassen hat. Die vielen Spielereien mit dem Licht waren anfänglich vielleicht gewöhnungsbedürftig, zwischenzeitlich sicherlich unterhaltsam, jedoch passierte irgendwann einfach zu viel Ähnliches, als dass der Zuschauer kontinuierlich bei der Sache bleiben konnte. Es war bezeichnend, dass der sprichwörtliche Funken gerade in den Szenen überzuspringen schien, in denen auf jegliche Lichteffekte verzichtet wurde, nämlich als die beiden Liebespaare Tamino-Pamina und Papageno-Papagena jeweils endlich zusammenfinden. Auch die Darstellung der beiden „Wunderwaffen“ Zauberflöte und Glockenspiel schien mitunter nicht gänzlich zu Ende gedacht zu sein: Beide wurden durch schlichte rot leuchtende Pfeile verkörpert, die den Protagonisten den Weg weisen. Der Bruch zum Libretto ist hier möglicherweise zu groß, als dass er noch sinnvoll zu erklären ist.

Christina Poulitsi, Dietmar Kerschbaum © Arno Declair
Christina Poulitsi, Dietmar Kerschbaum
© Arno Declair
Überzeugen konnte hingegen das Sängerensemble: Jonathan McGovern begeisterte mit einer blendenden Darstellung des Papageno und seinem klaren Bariton sowie darstellerischer Differenziertheit. An seiner Seite überzeugte Dovlet Nurgeldiyev einmal mehr mit seinem lyrisch-warmen Tenor und machte sowohl als Teenager als auch als steinalter Greis eine gute Figur. Christina Gansch zeigte sich mit ihrer zarten und samtig-weichen Stimme als Glücksgriff für die Besetzung der Pamina. Als Königin der Nacht präsentierte Christina Poulitsi einen strahlenden Vortrag der technischen Finessen in ihren Bravourarien. Einzig Andrea Mastroni als Sarastro hätte etwas mehr klare Diktion gut getan, zeigte dafür jedoch die wünschenswerte profunde Tiefe an alle relevanten Stellen. Musikalisch blieb dagegen das Philharmonische Staatsorchester Hamburg teilweise hinter den hohen Erwartungen zurück. Mit Jean-Cristophe Spinosi stand ein Experte der historisch informierten Aufführungspraxis am Pult des Orchesters und bemühte sich mit agilem Dirigat redlich darum, eine frische Lesart zu präsentieren. Leider zeigte das Orchester bereits in der Ouvertüre etliche intonatorische Unsauberkeiten, die zum Ende der Oper wiederkehren sollten.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern es Jette Steckels Inszenierung gelingen wird, ebenfalls lange Jahre den Spielplan der Hamburgischen Staatsoper zu bereichern.