Ob innovative Klassik-App oder ungewöhnliche Programmzusammenstellung – die Münchner Symphoniker deuteten mit ihrem Eröffnungskonzert bereits an, dass sie auch diese Saison wieder neue Wege gehen wollen. Genregrenzen sind dazu da, um übertreten zu werden. Der kühne Versuch amerikanischen Jazz und europäische Symphonik in einem Programm zu vereinen, ist eine Herausforderung, der sich die Symphoniker gerne stellten. Unter dem Motto „Nobody Knows“ widmete sich das Orchester der Verbindung von afroamerikanischen Spirituals und europäischer Kunstmusik. Ein Spannungsfeld, das Komponistengenerationen seit mehr als hundert Jahren beschäftigt.

Kevin John Edusei © Marco Borggreve
Kevin John Edusei
© Marco Borggreve

Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“ durfte dabei natürlich nicht fehlen, die quasi als Prototyp die europäische Gattungsform der Symphonie mit den Melodien und Gesängen der afroamerikanischen und indigenen Bevölkerung Amerikas zusammenführte. Im ersten Teil ihres Programms erkundeten die Symphoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Kevin John Edusei jedoch erst einmal den „Harlem-Sound“ der 1950er-Jahre. Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert, das zwischen Jazz, Spirituals aber auch Zwölftönigkeit oszilliert, gestalteten die Symphoniker mit minutiöser Genauigkeit und hatten das fahrige, sperrige Werk nicht nur gut im Griff, sondern deuteten die musikalischen und spieltechnischen Klippensprünge ausdrucksstark aus. Mit absoluter technischer Kontrolle entlockte Solist Simon Höfele seiner Trompete feinste Piani. Die virtuosen, verzwickten Läufe gipfelten in expressiven Aufschreien, die effektvoll wirkten, die größere Wirkung allerdings erzielte Höfele in den retardierenden, nachdenklichen Schlussmotiven des Konzerts, in denen das Spiritual, das dem Konzert seinen Namen verleiht, wie ein Klagegesang von der Trompete vorgetragen wird. Die dramatische Qualität, die Höfele hier aufbrachte, wirkte spürbar nach.

Den Beitrag zum symphonischen Jazz in guter Gershwin-Tradition lieferte Duke Ellington 1950 mit seiner Suite A Tone Parallel to Harlem. Die Münchner Symphoniker erweckten das farbenprächtige Abbild des New Yorker-Stadtteils in seiner ganzen Vielfältigkeit zum Leben. Dreckige Trompetensounds und swingende Grooves waren der beeindruckende Beweis für die Vielseitigkeit der Symphoniker. Ein ausgiebiges Schlagzeugsolo unter der Beteiligung von Edusei an der Cowbell erntete Begeisterungsstürme.

Die inhaltliche Klammer bildete die Ballade für Orchester von Samuel Coleridge-Taylor, die von der Harmonik und Melodik eines Brahms und Dvořáks geprägt ist – der Guardian nannte Coleridge-Taylor einst „The Black Dvorak“. Die dramatische Dichte und der melodische Reichtum ließen schon die Neunte Symphonie erahnen, die schließlich das Programm abrundete.

Die altbekannte Neunte ging Edusei als kraftvolle Energieleistung an. Ohne Partitur und mit klarem Schlag vermied der Chefdirigent, dass Routine aufkommen konnte. Edusei war ein großartiger Erzähler, dem es um die dramatische Kraft der Musik ging. Die Themen des ersten Satzes flirrten durch die Geigen, die für die rasanten Tempi einige technischen Ungenauigkeiten in Kauf nahmen. Den dritten Satz, das Scherzo, spickten die Symphoniker mit scharfen Akzenten und kantigen Tempowechseln. Besonders diesen dramatischen Höhepunkten tat das schnelle Tempo gut und die so frisch und zwingend klangen. Die lyrischen Melodien verloren allerdings an Entfaltungsfreiraum. Die lange Klarinettenkantilene oder auch das Streichquartett des verträumten Largos wirkten allzu gehetzt.

Den vierten Satz interpretierte Edusei streng und mit großer Ausdruckskraft. Glänzende Streicher trafen hier auf gut ausbalancierte Holzbläser. Schließlich schwang sich das Blech heroisch auf, bevor die Symphoniker nach dem letzten Tuttischlag weniger klanglich verwehten, als beherzt auszuklingen.

Trotz kleiner technischer Ungenauigkeiten begeisterten die Münchner Symphoniker bei ihrer Saisoneröffnung besonders mit ihrer Lust daran, Neues auszuprobieren und das Bekannte in ungewöhnlichen Facetten zu beleuchten.

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