They did it again: schon im Mai hatte die Staatsphilharmonie Nürnberg Mahlers Vierte Symphonie erfolgreich in den Kontext zu Bernd Alois Zimmermanns Werken gestellt. Zum Saisonschluss schlug Markus Bosch nun einen Bogen von Mahlers Zweiter zu Zimmermanns Musique pour les soupers du Roi Ubu. Das Stück mit dem unverdächtigen Namen zitiert schon nach wenigen Takten das Dies-Irae-Motiv und weist mit dem Untertitel „Schwarzes Ballett“ auf jede Menge hintergründig-schwarzen Humor. Es ist eine Szene aus Alfred Jarrys Theaterstück Ubu Roi, in dem ein spießiger Diktator Mitglieder einer Akademie zum Bankett einlädt, mit ihnen abrechnet und sie durch eine Falltür in den Orkus befördert. Hier ist Collage von Alt und Neu das Prinzip der Abrechnung, „ein gezielter Anachronismus [...] mit dem vollen Bewusstsein von Gegenwart als Einheit auch von Vergangenheit und Zukunft verstanden“, wie er einmal schrieb. So wird die Collage zur Realisierung seiner eigentlich unvorstellbaren, aber schöpferisch wirksamen Idee der Zeit als Kugelgestalt.

Marcus Bosch © Cristopher Civitillo
Marcus Bosch
© Cristopher Civitillo

Mit hörbarem Vergnügen machten sich Bosch und seine Philharmoniker auf die groteske Zeitreise, ließen galant Tänze des 17. Jahrhunderts sowie Mussorgskys Promenade erscheinen. Das Orchester – ohne hohe Streicher nur mit Kontrabässen, Holz- und Blechbläsern aufgestellt – zeigte mit Jazzcombo, Klavier und Orgel den Sound einer veritablen Big Band. Famos vermengten sie die Musikschnipsel von Bach, Beethoven, Bizet, Blacher und vielen anderen in makabren Sätzen, überschrieben wie „Das Pfuinanzpferd und die Pfuinanzdiener“. In die Rolle des von Zimmermann intendierten Conférenciers schlüpfte Matthias Egersdörfer, Comedy- und Tatort-erfahren. Seine (auch vom rheinischen Frohsinn Zimmermanns gewünschten) Bühnen-Auffahrten mit historischem Rad meisterte er bravourös, nur die Abrechnung mit den Spießbürgern geriet anfangs zu fränkisch-trocken, monoton. Erst bei der Ansprache an das „privilegierte Publikum“ zeigte er sich mit Zitaten von Heiner Müller scharfzüngiger. So blieb die Doppelbödigkeit Sache des brillanten Orchesters. Im letzten Satz, zur Abrechnung mit zwei Komponisten genutzt, gegen die Zimmermann besondere Aversion hegte, trieben Bosch und seine Musiker mit dramatischer Verve die Delinquenten auf Berlioz' Richtplatz vor sich her: im „Enthirnungsmarsch“ wurden Wagner im Walkürenritt und Stockhausen in mehrhundertfacher Wiederholung des Anfangsakkords eines seiner Klavierstücke wie ins Absurde gesteigert exekutiert.

Ein fulminanter Auftakt eines Konzerts unter dem Motto „Letzte Dinge“ und letztes philharmonisches Konzert des scheidenden GMD Markus Bosch, der im Nürnberger Staatsheater mit Projekten wie dem Zyklus der Dvorak-Symphonien markante Meilensteine gesetzt und hohe Kompetenz in zeitgenössischen Kompositionen, wie Zimmermanns überregional akklamierten Soldaten, ausgestrahlt hatte. Er übergibt ein offensichtlich glänzend aufgelegtes Ensemble an seine Nachfolgerin Joana Mallwitz.

Letzte Dinge waren auch der Bogen zur Zweiten Symphonie, die eine persönlich-intensive Auseinandersetzung Mahlers mit Vergehen und Wiederauferstehen beschreibt. Sein fünfsätziges Opus gehört zu den längsten Symphonien überhaupt, bindet mit riesigem Orchester, Fernorchester-Gruppen, Orgel, Solisten und Chor alle verfügbaren Kräfte eines Opernhauses. Dass dieser Kraftakt rundum gelang, war den brillanten Sängern und Instrumentalisten zu verdanken, die von unbändiger Musizierlust und souveränem Formungswillen ihres Leiters mitgerissen wurden.

Im ersten Satz – von Mahler ursprünglich als eigenständige „Todtenfeier“ geplant – schleuderten die tiefen Streicher die einleitende Themengruppe in kräftigen Anläufen heraus, markierten die heroische Gebärde eines Helden sowie seiner Leiden und Konflikte. Feierliche Choralklänge der Blechbläser, an Bruckner-Symphonien erinnernd, beschrieben Siegesgewissheit in einer Verklärungsmelodie. Ruhepunkte setzten die Holzbläser in träumerisch-süßer Klarinettenweise, deren Schönheit bald wieder vom schicksalhaften Kopfthema verdrängt wurde. Fast wie den Anfang umkehrend mutete im Schlussakkord die Sequenz an, in der das Orchester wie in einem Aufschrei durch zwei Oktaven rutschte. Als friedliches Naturidyll, in Stimmung eines Sommernachtstraums ließ Bosch das Andante folgen; heiter, aber auch in grell-grotesken Klangeffekten das Scherzo, in dem sich Mahler aus seinen Wunderhorn-Liedern selbst zitiert: „Des Antonius von Padua Fischpredigt“, die so nutzlos verhallt wie manche religiösen Aufrufe und Appelle.

Ohne Unterbrechung setzte Ida Aldrian mit „O Röschen rot“ ein, in zartem weichem Timbre, in wunderbar warmer Verwebung mit dem sonoren Fundament der Streicher, im Wechsel mit entrückt-flehenden Choralanklängen des Blechs. Fast mystische Momente der Stille, auch der Gottsuche, die Erinnerungen an liebgewordene Aufnahmen einer Baker oder Braun für Augenblicke vergessen ließ! Solistischen Glanz gab dann Leah Gordon den „Aufersteh'n“-Rufen des Schlusssatzes, wenn nach geheimnisvollen Trompetensignalen und Vogelstimmen feiner Flötengirlanden ihre Stimme wie eine erlöste Seele über den Lebenden schwebte, Auferblüh'n, Glauben und ungesehenem Licht der Klopstockschen Verse Gegenwart gab.

Als gewaltiges Himmelfahrts-Oratorium erschien dieser Finalsatz; Bosch hatte anfangs eruptiv und präzise grollende Bässe auffahren lassen, Sphären der Verklärung von Glockenklang, theatralischem Fernorchester, majestätischem Bläser- und Orgelklang aufgespannt, fast schmerzhafte Ballungen von Schlagwerk und Posaunen des Gerichts aufgeschichtet. Der wie aus Nebel heraustretende Einsatz geistergleicher Stimmen des Opern- und Extrachores (glänzend einstudiert von Tarmo Vaask) ergriff überirdisch leise, aus einem Guss. Er öffnete das Misterioso zur Zuversicht, stimmte in gewaltigen Steigerungen den Hymnus der Erlösung an und erstrahlte mit rauschhafter Begeisterung in den letzten Textworten „zu Gott wird es dich tragen!“.

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