Wenn das Orchester der Deutschen Oper Berlin beim Musikfest Berlin gastiert, dann wurde in den letzten Jahren stets ein Akt aus Wagners Ring des Nibelungen konzertant zur Aufführung gebracht. Im ersten Teil betraten die Musiker diesmal mit zwei Orchesterwerken Bernd Alois Zimmermanns Neuland, bevor sie sich mit dem dritten Akt aus Siegfried ihrem Spezialgebiet zuwandten.

Donald Runnicles © Simon Pauly
Donald Runnicles
© Simon Pauly

Donald Runnicles wählte mit Photoptosis und Stille und Umkehr zwei Spätwerke Zimmermanns, die eng miteinander zusammenhängen. Das in sich dreiteilige Stück Photoptosis nimmt das Orchester, ganz wie vom Komponisten gewünscht, in den Rahmenteilen als ein großes Crescendo. Im ersten Abschnitt verschob es zwei Motivschichten gegeneinander und begann dabei so leise, dass die Flöten zunächst kaum hörbar waren. Es gelang den Musikern, einen tönenden Schwebezustand zu erzeugen, indem sie dem stehenden Klang der ersten Schicht als zweite Bewegungsimpulse dagegensetzten. In jeweils unterschiedlich lang pulsierenden Klangschichten erreichten sie es, einen tönenden Lichteinfall („Photoptosis“) im Saal hörbar zu machen. Dessen Maximum war dann im dritten Teil erreicht, der über einem oszillierenden 12-Ton-Clustern komponiert ist. Bei dieser Aufführung wurde gut wahrnehmbar, dass die Überfülle der Figuration Stillstand erzeugt. Die im Mittelteil erklingende Collage mit Bruchstücken aus der Musikgeschichte arbeitete Runnicles deutlich heraus, unterließ es aber, die riesenhaft augmentierten Töne des Hymnus Veni creator spiritus hervorzuheben, sondern ließ sie die tiefste Schicht im Zeiterleben der von Zimmermann komponierten Kugelgestalt der Zeit bilden. Dann raste der dritte Teil in schier unaufhörlicher Steigerung von diesem Trümmerfeld der Musikgeschichte in ein völlig offenes Ende hinein.

Mit Stille und Umkehr folgte das Gegenstück zu Photoptosis. Der Klang ist durch den auf acht Streicher reduzierten Apparat ganz kammermusikalisch gehalten. Zimmermann bittet den Dirigenten in der Partitur darum, „das Werk in einem unverrückbaren Tempo bis zum Ende zu spielen. Äußerste Ruhe im Vortrag der Instrumente und vor allem genaueste Einhaltung der Dynamik sind zu berücksichtigen.“ Daran hielten sich die vorzüglich eingespielten Musiker akribisch. Sie vermochten es, den Zentralton d – der Rezitationston im gregorianischen Gesang ist Zimmermanns Lebenston – in jedem Abschnitt anders leuchten zu lassen. Dieser Schicht ist der Blues-Rhythmus entgegengestellt, der von einer kleinen Trommel nach Art der Jazzer mit der Hand zu schlagen ist. Zimmermanns Wunsch, dass die Stimme von einem Jazz-Musiker gespielt werden muss, kann das Orchester dem Komponisten erfüllen: Rüdiger Ruppert, der Leiter der Big-Band des Opernorchesters, übernahm diesen Part. Möglicherweise hätte er die Snaredrum etwas jazziger oder sogar mit laszivem Swing spielen sollen, um so die beiden Schichten noch stärker voneinander abzusetzen. Beeindruckend, wie das schließlich noch um eine singende Säge und ein Akkordeon bereicherte Orchester die Musik am Ende an den Rand des Verstummens brachte.

Im zweiten Teil erklang der dritte Akt des Siegfried. „Lebhaft, und doch gewichtig“ lautet die Bezeichnung des Orchestervorspiels, und genau diesen Ton trifft Runnicles, wenn die Musik ansetzt. Zu den eindrucksvollsten Momenten gehörte dabei die Darbietung vom Beginn der dritten Szene, wenn Schlummermotiv und Freia-Motiv in den höchsten Streicherntönen Siegfried auf seinem Weg auf den Felsen begleiten.

Das Sängerquartett war vorzüglich besetzt. Die Titelpartie sang Simon O’Neill. Der Tenor verzichtete auf jede auftrumpfende Geste. Im Dialog mit Wotan spielte er Siegfrieds Unbekümmertheit aus, in der Szene mit Brünnhilde war er, seiner Rolle entsprechend, ein erwachsen gewordener Verführer. Rührend, ja allzumenschlich hatte er genau dort eine Intonationsschwierigkeit, als Siegfried im Drama erstmals Angst verspürt, weil er bemerkte, dass der eben von ihm entdeckte Mensch eine Frau ist! Da darf auch einem Profi die Stimme versagen. Allison Oakes sang die Brünnhilde mit großem Ernst. In ihren Enthusiasmus, von Siegfried endlich aus dem Schlaf geweckt worden zu sein, mischte sie dunkle Töne, um den Verlust ihrer Gottheit zu beklagen. So wird das berückend musizierte Siegfried-Idyll zu Recht zu einer „Brünnhilde-Elegie“. Im Liebesduett mit Siegfried ließ ihr Sopran aber doch die hohen Tönen regelecht aufblühen. Michael Volle sang den Wanderer als in sich zwischen Gesetzeshüter und Freiheitsliebhaber heillos Zerrissener. Volles wunderbar tiefer Ton weiß souverän zwischen den beiden Positionen zu changieren. Ratlos singt er, wenn er Erda anruft und doch nur erfährt, was er längst weiß. Im Dialog mit Siegfried wechselte Volle genau an der richtigen Stelle vom Wanderer zu Wotan und legte die Maske ab, wurde vom jovialen Frager zu dem ụnmutsvollen Gott, der darum weiß, dass er die Macht abtreten muss, so viel er dagegen auch protestiert. Dunkel, aber durchsetzungskräftig singt auch Judit Kutasi die Erda, die sich zu Unrecht aus dem Schlaf gerissen fühlt. Mit Empörung versteigt sie sich dazu, Wotan gar des Meineids zu bezichtigen.

Nicht selten wurde darauf hingewiesen, dass schon Wagner seine musikalischen Dramen „auf dem Trümmerfeld der Musikgeschichte“ errichtet hätte. Wie weit sich diese Art geschichtlichen Komponierens treiben lässt, stand vielleicht auch hinter Runnicles Verbindung von Werken Zimmermanns und Wagners.

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