In Alexandre Dumas' Theaterstück ist die Kameliendame eindeutig eine Kurtisane, also eine Edelprostituierte, in Verdis Oper La traviata, deren Librettist Francesco Maria Piave den Roman als Vorlage hatte, weist der Titel noch auf eine vom rechten Wege Abgekommene hin. Doch Regisseur Simon Stone, der die Oper in einer Koproduktion der Pariser und der Wiener Staatsoper inszeniert hat, die ihre Premiere am Haus am Ring jetzt coronabedingt als Livestream präsentiert hat, fand im Libretto auf eine solche Deutung keinerlei Hinweis, wie er im Wiener Programmheft darlegt. Zwar rede Alfredo Germont, der Geliebte der „Traviata“ Violetta Valéry, einmal davon, er „bezahle“ sie, doch meint er damit eigentlich nur, dass er ihr das zurückzahlt, was sie für ihr gemeinsames Liebesleben bereits ausgegeben hat, und das ist immens, wie Stone deutlich macht. Immer wieder flimmern über riesige Projektionsflächen die Kontoauszüge mit den roten Zahlen und die Mahnschreiben der Bank.

Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

So ist Violetta bei Stone denn keineswegs ein Geschöpf der Halbwelt, sondern vielmehr angesagter Star der großen Welt, eine Influencerin großen Ausmaßes. Stone lässt im ersten Akt die Homepage seiner Heldin über die Projektionsflächen ziehen, mit den immer größer werdenden Zahlen ihrer Follower, deren Likes, ihren Postings. Diese Projektionen sind das eigentliche Bühnenbild. Der Imbissstand, an dem Violetta sich nach einem großen Ball noch einen Happen holt, ist eigentlich überflüssig, zumal Stone Bühnenrequisiten und -bauten spärlich einsetzt, aber immer symbolisch und wirkungsvoll, so etwa die gigantische Pyramide aus Champagnergläsern, in die Alfredo von oben den schäumenden Saft fließen lässt als Ausdruck einer ganz den banalen Genüssen lebenden Partygesellschaft, einer Welt der Oberflächlichkeit. So tritt Violetta im ersten Akt im Silberlamékleid auf, und die Party, die ihre Freundin Flora im zweiten Akt gibt, wirkt fast wie eine Transvestitenshow. Stone greift hier virtuos auf, was Verdis Libretto andeutet, wenn da Wahrsager und Stierkämpfer auftreten. Stones Traviata ist ganz im Hier und Heute angesiedelt, und selten funktioniert eine derartige Modernisierung so bruchlos wie bei ihm.

Pretty Yende (Violetta) und Juan Diego Flórez (Alfredo)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Diese Deutung wird allerdings problematisch, wenn Stone sich dem Kern dieser Liebestragödie nähert, der Forderung von Alfredos Vater, um der Zukunft von dessen Schwester willen die Liebesbeziehung zu beenden, einer Forderung, der Violetta unter Tränen nachkommt. Als erfolgreiche Influencerin aber, um deren Gesellschaft und Nähe auch Vertreter des Adels sich bemühen, dürfte Violetta selbst Teil der ehrbaren Gesellschaft sein und keinerlei Hindernis für eine angemessene Ehe von Alfredos Schwester darstellen.

Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Doch stellt sich in dieser Inszenierung an diesem Zeitpunkt längst schon die Frage, ob dieses Liebesidyll tatsächlich von Dauer sein kann. Im zweiten Akt, in dem sich Violetta und Alfredo aus Paris in die ländliche Abgeschiedenheit zurückgezogen haben, hat Bühnenbildner Bob Cousins nur drei Requisiten ausgewählt: eine Schubkarre, mit der Alfredo Weintrauben zum Keltern heranschafft, einen Traktor und eine Kapelle, doch Traktor und Kapelle sind von den Größendimensionen her vollkommen unrealistisch – zu groß wirkt der Traktor, zu klein die Kapelle, sodass die Szene fast den Charakter einer Traumwelt hat.

Pretty Yende (Violetta) und Igor Golovatenko (Giorgio Germont)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

So einfallsreich die Bühnengestaltung ist, so einfallslos über weite Strecken die Figurenführung. Im dramatischen Duett zwischen Violetta und Alfredos Vater stehen beide weitgehend teilnahmslos nebeneinander, und auch die aufkeimende Liebe Alfredos zu Violetta im ersten Akt wirkt mimisch und gestisch wenig überzeugend, zumal Juan Diego Flórez nicht gerade ein genialer Sängerdarsteller ist – sehr wohl aber ein grandioser Alfredo. Noch vor wenigen Jahren wäre seine Stimme zu leicht gewesen für diese Rolle, jetzt ist sie gereifter, hat die nötige mühelose Höhe, aber auch den charaktervollen Ausdruck. Lediglich wenn er im dritten Akt seinen Schmerz über die dem Tod geweihte Geliebte ausdrücken soll, ist er ein wenig blass.

Juan Diego Flórez (Alfredo), Pretty Yende (Violetta) und Attila Mokus (Baron Douphol)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Ganz anders dagegen Pretty Yende. Ihre Violetta hat alles, was diese Rolle benötigt: präzise Koloraturen, immense Höhe, vor allem eine große Palette an Zwischentönen für die Gestaltung der ins Leben Verliebten und zugleich von Todesgewissheit Geplagten, die von hochdramatischen Ausbrüchen bis zu verhaltenen höchsten Tönen im Pianissimo reicht.

Juan Diego Flórez (Alfredo) und Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

In dieser Differenzierung stand ihr Dirigent Giacomo Sagripanti nicht nach, der vor allem mit den Streichern die Tragik betonte, mit starken Pizzicati drohendes Unheil andeutete, die Geigen gelegentlich auch einmal schluchzen ließ. So deutet die Musik stets an, was hinter der glanzvollen Fassade von Internet und Chatroom alles steckt.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Wiener Staatsoper rezensiert.

Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Pretty Yende (Violetta) und Juan Diego Flórez (Alfredo)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Pretty Yende (Violetta) und Igor Golovatenko (Giorgio Germont)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Juan Diego Flórez (Alfredo), Pretty Yende (Violetta) und Attila Mokus (Baron Douphol)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Juan Diego Flórez (Alfredo) und Pretty Yende (Violetta)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH