Wieviel Staub setzt eine Operninszenierung im Lauf von mehr als vier Jahrzehnten an? 1977 inszenierte Jean-Pierre Ponnelle an der Wiener Staatsoper Mozarts Figaro und war bei der Kritik nicht unbedingt beliebt. „Schafft den Ponnelle fort“ war da in einer Zeitung sogar zu lesen. Inzwischen ist diese Inszenierung, die Ponnelle übrigens auch für einen Opernfilm umarbeitete, für viele schlicht Kult, und wer sie jetzt als Stream ansah, konnte dem durchaus beipflichten.

Louise Alder (Susanna) und Philippe Sly (Figaro)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Wie Ponnelle den Figuren alles negativ Opernhafte ausgetrieben hat, wie er sie als Individuen gestaltet, ihre Psychologie entfaltet, ihre Konstellation zu den anderen Figuren herausarbeitet, ist immer noch gültig. Das zeigt sich bereits in der ersten Szene, in der Figaro für das bevorstehende Zusammenleben mit seiner Susanna das Bett ausmisst und dabei die Vorzüge preist, die die Nachbarschaft zum Zimmer des Grafen habe, was Susanna sogleich korrigiert: Dann habe es der Graf aber auch nicht weit zu ihr, und auch wenn dieser auf das feudale Ius primae noctis, das Recht, als erster mit einer Braut zu schlafen, verzichtet habe, so wolle er ihr doch immer noch an die Wäsche, und genau das tut er denn auch, kaum ist er mit Susanna allein. Ponnelle nimmt die Figuren ernst. Noch während er sich hinter einem Sessel versteckt, kann der Graf das Grapschen nach ihrem Arm nicht lassen. Und wenn Susanna im dritten Akt scheinbar auf seine Avancen eingeht, dann lässt sie, um glaubhaft zu wirken, sogar einen Kuss zu.

Andrè Schuen (Graf Almaviva) und Louise Alder (Susanna)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

In einer solchen Regie werden die Figuren glaubhafte Menschen wie du und ich. Ponnelle hat Libretto und Partitur genau durchleuchtet. Wenn der Graf im dritten Akt seinen Kontrahenten Rache schwört, dann tut er das mit einem Arientyp der Opera seria; die aber war zu diesem Zeitpunkt bereits als Mode passé, der Graf entlarvt sich als einer vergangenen Epoche angehörig; und so zieht er bei Ponnelle in dieser Szene einen Mantel mit Hermelinkragen an, stülpt sich am Ende sogar noch eine Perücke über – und verwandelt sich in einen Feudalherren alter Zeit. In dieser Arie kostete Andrè Schuen die Kraft seiner Stimme aus, blieb aber über weite Strecken doch etwas farblos.

Louise Alder (Susanna) und Andrè Schuen (Graf Almaviva)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Figaro dagegen ist mit seiner Agilität auf der Höhe seiner Zeit. Wenn er dem Grafen im ersten Akt droht, er solle sich in Acht nehmen, wenn er ein „Tänzchen wagen“ wolle, dann sitzt er lässig im Sessel und malt sich genüsslich aus, wie das wohl sein werde. Mehr als ein solcher Traum aber wird nicht daraus, und so ist Figaro bei Ponnelle sehr zu Recht eher ein junger Mann, der in sich noch den Lausbuben bewahrt hat. Philippe Sly fand für diese Charakterisierung die idealen Töne. Sehr differenziert gestaltete er die jeweiligen Situationen stimmlich, stellt dem jungen Cherubino die Existenz als Soldat plastisch vor, die ihm droht. Das ist brillante Charakterisierung mit rein stimmlichen Mitteln.

Philippe Sly (Figaro) und Virginie Verrez (Cherubino)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Der eigentliche revolutionäre, aufbegehrende Geist ist nicht Figaro, sondern Susanna. Sie hat alle Fäden in der Hand und ist stimmlich bei Louise Alder bestens aufgehoben. Keck, wo es erlaubt ist, verzagt, wenn Gefahr droht, listig verschlagen, wenn es darum geht, den Grafen in seine Schranken zu weisen. Höchste Gesangskunst allerdings findet sich bei der Gräfin von Federica Lombardi: klangschön, mit einer ausgesprochen jugendlichen, lyrisch vollen Stimme – die Gräfin ist ja noch eine junge Frau – gestaltete sie die seelischen Tiefen einer verletzten Frau. 

Wäre es nach der Ouvertüre gegangen, hätte man mit dem Dirigat von Philippe Jordan glücklich werden können. Er wählte die alte deutsche Orchesteraufstellung und konnte so das Mit- und Gegeneinander der ersten und zweiten Geigen differenziert herausarbeiten. Detailliert ließ er die für Mozart so wichtigen Holzbläser und Hörner aufleuchten, wählte aber hin und wieder viel zu rasche Tempi.

Andrè Schuen (Graf Almaviva) und Federica Lombardi (Gräfin Almaviva)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Und doch merkt man dieser Inszenierung ihr Alter an. Regietheater war Ponnelles Sache nicht, genau das aber ist der Opernbesucher – wenn auch gelegentlich sehr zu seiner Verstimmung – inzwischen als Norm gewöhnt. Wer kritische Seitenhiebe gegen den Feudalismus erwartet, eine Entlarvung des Machoverhaltens der Männer, wird enttäuscht. Ponnelle inszeniert das Stück ganz aus seinen Figuren heraus – in brillantem, von ihm selbst entworfenen Bühnenbild. Diese Figaro-Inszenierung ist ein opulenter Augenschmaus – nicht weniger, aber eben auch nicht viel mehr.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Wiener Staatsoper rezensiert.

Louise Alder (Susanna) und Andrè Schuen (Graf Almaviva)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Andrè Schuen (Graf Almaviva) und Louise Alder (Susanna)
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Louise Alder (Susanna) und Philippe Sly (Figaro)
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Philippe Sly (Figaro) und Virginie Verrez (Cherubino)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Andrè Schuen (Graf Almaviva) und Federica Lombardi (Gräfin Almaviva)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn