„Die einzige Liebesbeziehung, die ich je hatte, war die zur Musik”, erklärte der lebenslange Junggeselle Maurice Ravel. Der französische Komponist war klein und adrett, genau wie seine Musik – ein relativ bescheidener Katalog von Werken, aber jedes Werk ist von exquisiter Qualität. Igor Strawinsky, der immer ein prägnantes Zitat parat hatte, bezeichnete Ravel einmal als „den perfektesten aller Schweizer Uhrmacher”. Was Strawinsky wahrscheinlich nicht wusste, war, dass Ravels Vater ein französisch-schweizerischer Erfinder und Ingenieur war, so dass seine Bemerkung gar nicht so weit hergeholt war. Seine Mutter stammte aus dem spanischen Baskenland, was seine natürliche Affinität zu spanischen Farben und Rhythmen in einigen seiner populärsten Werke erklärt. 

Maurice Ravel
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Sein Gespür für Farben zeigt sich in seiner sehr präzisen, detaillierten Orchestrierung. Eine seiner besten Leistungen war seine Orchestrierung von Bilder einer Ausstellung, in der er Mussorgskys Klavieroriginal mit einer lebhaften Palette malte. Ravel und Debussy werden auf Konzertprogrammen und Aufnahmen oft als „Impressionisten” bezeichnet, obwohl beide diese Bezeichnung ablehnten. Ravel schrieb sogar: „Für Debussy, den Musiker und den Menschen, habe ich tiefe Bewunderung empfunden, aber ich bin von Natur aus anders als er. Ich glaube, ich habe persönlich immer eine Richtung eingeschlagen, die der des Symbolismus von Debussy entgegengesetzt ist.”

Diese Playlist enthält einen großen Querschnitt durch Ravels Musik. Jedes Stück ist ein Schatz. Das Dilemma war hier eher, was ich weglassen musste – eine Top-Ten-Playlist, die Stücke wie Le Tombeau de Couperin oder die Introduction et Allegro auslässt, muss schon etwas Besonderes sein!

1Klavierkonzert G-Dur

Dieses Konzert, das mit einem Peitschenknall eröffnet wird, ist voller jazziger und baskischer Einflüsse, vor allem in den ausladenden Ecksätzen, in denen das Klavier oft im Dialog mit koketten Holzbläsern (und gelegentlich schäbigen Blechbläsern) steht. Der Eröffnungssatz hat drei Kadenzen, darunter eine zarte für Harfe, aber am schönsten ist das zentrale Adagio assai, ein erhabener Satz, in dem die Zeit stillzustehen scheint, eine Perlenkette, die über die Tastatur fließt. „Diese fließende Phrase!”, verzweifelte Ravel. „Wie ich sie Takt für Takt bearbeitet habe! Es hat mich fast umgebracht!”

2Ma mère l’Oye

Ravel komponierte dieses Werk ursprünglich als Klavierduett für die Kinder des Bildhauers Cyprian Godebski, transkribierte es später für Klavier solo und orchestrierte es 1911. Der Titel Mutter Gans bezieht sich auf die Märchensammlung Contes de ma mère l'Oye von Charles Perrault. Die Sätze stellen Märchen wie Dornröschen, Tom Thumb und Die Schöne und das Biest dar, wobei das Biest durch ein knurrendes Kontrafagott veranschaulicht wird. Die Apotheose des Finales, „Le jardin féerique” (Der Feengarten), ist wunderschön, die Musik blüht darin in einer orchestralen Farbenpracht auf.

3La Valse

Dieses Poème chorégraphique war als Tanzwerk (mit dem Titel Wien) für die Ballets Russes gedacht, aber der Impresario Serge Diaghilev lehnte es ab und gab zu, dass es „ein Meisterwerk, aber kein Ballett ist... es ist das Porträt eines Balletts”. La Valse ist Ravels aufrichtige Hommage an das kaiserliche Wien und die Walzer der Familie Strauß, die er so bewunderte. Walzerpaare tauchen durch einen dunstigen Nebel auf, der schließlich in goldenes Licht getaucht wird. Doch der Walzer gerät außer Kontrolle und implodiert schließlich in sich selbst. Ravel bestritt, dass das Stück den Zusammenbruch Wiens nach dem Ersten Weltkrieg symbolisch darstellte, aber es wird oft so gesehen, insbesondere in getanzten Interpretationen, die von Choreographen wie George Balanchine stammen.

4Daphnis et Chloé

Hier ist ein Ballett, das bei Diaghilev tatsächlich ein Erfolg war! Es erzählt die Geschichte des Ziegenhirten Daphnis und der Hirtin Chloé, die von Piraten entführt wird. Der Gott Pan wird gerufen, um sie zu retten, und führt eine Armee von Faunen an. Im Schlussteil (der oft als Suite Nr. 2 aufgeführt wird) erwacht Chloé zu einem beschwörenden Tagesanbruch und findet sich mit Daphnis in Pans Grotte wieder, was zu einem Danse générale führt, der bacchantische Ausmaße annimmt. Ravel bezeichnete die Partitur als Symphonie chorégraphique, und mit fast einer Stunde ist sie sein längstes nicht-operales Werk.  

5 Streichquartett F-Dur

Obwohl Ravel es nicht mochte, dass seine Musik mit der von Debussy verglichen wurde, gibt es Ähnlichkeiten in seinem einzigen Streichquartett. Es folgt der gleichen Struktur wie das von Debussy, bis hin zur Verwendung von Pizzicato im zweiten Satz. Das Quartett ist ein frühes Werk, das Ravel schrieb, als er nach seiner (zweiten!) Entlassung aus dem Pariser Konservatorium und seinen wiederholten Misserfolgen bei der Verleihung des begehrten Prix de Rome, wo er sich wegen seiner absichtlichen Missachtung der Regeln wenig Freunde machte, um seine Karriere kämpfte. Das Quartett war Ravels letzte Einreichung am Konservatorium, die jedoch von der Institution abgelehnt wurde. 

6L'Enfant et les sortilèges

Ravel hat nur zwei Opern geschrieben. Die zweite basiert auf einem Libretto von Colette und handelt von einem ungezogenen kleinen Jungen, der seine Hausaufgaben nicht machen will. Als seine Mutter ihn zurechtweist, bekommt er einen Wutanfall, woraufhin die Gegenstände in seinem Zimmer lebendig werden: die Stühle, die Teekanne und die Porzellantasse, die Hirten und Hirtinnen auf der Tapete. Seine Mathehausaufgaben werden zu einem kleinen alten Mann. Sogar das Feuer im Kamin springt hervor, eine schillernde kurze Koloraturrolle (siehe unten). Schließlich zeigt sich seine gute Seite im Garten, als er ein verletztes Eichhörnchen pflegt und die Tiere ihn zu seiner Mutter nach Hause tragen.

7Shéhérazade

1898 erwog Ravel eine Oper auf der Grundlage der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, gab sie aber auf, nachdem er nur die Ouvertüre Shéhérazade geschrieben hatte. Fünf Jahre später kam ein Liederzyklus unter dem gleichen Titel, die Vertonung von drei Gedichten von Léon Leclère, die unter dem wunderbar Wagnerschen Pseudonym „Tristan Klingsor” lief. Das längste Lied, Asie, beschreibt fieberhaft den exotischen Orient mit Persien, Indien und China.

8Pavane pour une Infante défunte

Ein weiteres Werk, das ursprünglich als Klavierstück entstand und dann von ihm orchestriert wurde. Ravel sagte, er habe den Titel nur wegen seines wohlklingenden Klangs gewählt, obwohl er ihn später als Pavane beschrieb, der von einer Infantin getanzt würde, die auf einem Gemälde von Velázquez zu sehen ist. Ravel legte großen Wert darauf, dass das Stück nicht zu langsam gespielt wird: „Vergessen Sie nicht, dass ich eine Pavane für eine tote Prinzessin geschrieben habe, und nicht eine tote Pavane für eine Prinzessin!” Was er damit meinte, kann man in seiner eigenen Aufführung hören, die 1922 auf einer Klavierrolle aufgezeichnet wurde.

9Gaspard de la nuit

Diese Suite besteht aus drei Sätzen, inspiriert von einer Sammlung von Prosagedichten von Aloysius Bertrand, die alle nächtliche Konnotationen haben. Ondine ist eine verführerische Wassernymphe, die den Dichter auf den Grund ihres Sees lockt. Le Gibet entführt uns in eine Wüste, in die untergehende Sonne und zu einer einsamen Leiche, die an einem Galgen hängt, während in der Ferne eine Glocke läutet. Scarbo ist ein Kobold, der Pirouetten dreht, während seine Fingernägel an der Seide der Bettvorhänge reiben. Das letzte Stück ist teuflisch schwierig und wurde von Ravel so konzipiert, dass es noch schwieriger zu spielen ist als Balakirevs Islamey.

10Boléro

„Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben – Boléro”, sagte Ravel zu Arthur Honegger. „Leider hat es keine Musik in sich.” Vielleicht war er ein wenig hart zu sich selbst – die Melodie ist gut – aber es ist Ravels Orchestrierung, die die Melodie wiederholt an verschiedene Soloinstrumente oder Instrumentengruppen weitergibt, die genial ist und sich zu einem explosiven Höhepunkt und einem plötzlichen, kurzen Wechsel der Tonart von C- nach E-Dur aufbaut, bevor sie in einen dissonanten Haufen zusammenbricht.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.