In seinem ersten Jahr als Intendant der Salzburger Festspiele zeigt Markus Hinteräuser ein fortschrittliches Programm mit modernem Repertoire. Aber Salzburg verpflichtet sich weiterhin zu italienischen Opern mit Starbesetzungen, wie die Neuinszenierung von Aida der iranischen Künstlerin Shirin Neshat beweist. Es war Anna Netrebkos Rollendebüt als Aida, Francesco Meli sang erstmalig Radamès und Luca Salsi kehrte zu seiner Rolle als Amonasro zurück. Falls das noch nicht genug wäre, wurde Riccardo Muti als Dirigent, bei seinem einzigen Opernengagement in diesem Jahr, verpflichtet.

Anna Netrebko (Aida) © Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus
Anna Netrebko (Aida)
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Doch nicht einmal das reichte für die meisten Kritiker aus. Als ich die zweite Vorstellung der Inszenierung sah, war sie bereits heftig unter Beschuss geraten. Jedoch fand ich wenig Grund zur Beschwerde, zumindest was das Musikalische angeht. Mutis Lesart der Partitur ist außergewöhnlich, sowohl ihre Raffinesse als auch ihre Originalität, und dies wird sicherlich als eine historisch maßgebende Interpretation in die Annalen eingehen. Der Dirigent ist stets der Micromanager, aber seine Handhabung der Melodie ist so fließend, und die Wiener Philharmoniker so bedacht auf seine Gesten, dass das Spielen ein Gespür für Freiheit wiedergibt.

Hier wird Verdis Instrumentalkomposition selbst zum Spektakel. Beim Triumphmarsch wechselten sich im Gegensatz stehende Klangblöcke beinahe hypnotisch ab, und die Übergänge wurden vorsichtig abgestuft, um dem Höhepunkt besondere Wirkung zu verleihen. Wenn Verdi in den letzten Übergängen alle Register zieht, ließ das Orchester seine Muskeln spielen ohne dabei die Balance oder die Spannung zu verlieren. Was diese Aufführung wahrhaftig einmalig machte, war der symphonische und nicht der opernhafte Charakter. Die Einleitung zur Nilszene war keine musikalische Kulisse zum Bühnenspektakel – genau genommen gab es wenige Bühnenspektakel bei dieser Inszenierung – sondern ein kunstvoll gefertigtes Meisterstück zum Genießen.

Francesco Meli (Radamès), Dmitry Belosselskiy (Ramfis) und Chor © Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus
Francesco Meli (Radamès), Dmitry Belosselskiy (Ramfis) und Chor
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Viele Aidas müssten gegen ein solches Musizieren ankämpfen, um hervorzustechen, aber glücklicherweise war unsere Aida Anna Netrebko. Sie war eine fesselnde Persönlichkeit und ein wahrer Vulkanausbruch an Rage; raste bei "Ritorna vincitor" über die Bühne, lieferte ihren öffnenden Aufschrei mit einem Spinto-Schlag, scheute in "Oh patria mia" Nostalgie und zeigte stattdessen niederschmetternde Qualen, spann hohe Noten bevor sie in ihre bronzene tiefere Lage zurückkehrte. Netrebko übernahm beim ersten Versuch wahrhaftig das Kommando über diese Rolle.

Meli wurde zwar in der Vergangenheit von Netrebko in den Schatten gestellt, aber hier war er ihr ein ebenbürtiger Partner. Sein kraftvolles Singen bleibt auch über das passaggio hinaus offen und klar – es erinnert an Giuseppe Di Stefano, und lässt einen fragen, wie lange er dies halten kann – aber klingt auch in den Farben komplexer als früher. Der Moment, in dem er mit einem hauchdünnen pianissimo "Celeste Aida" sang – ein gewagter Schachzug so früh in der Oper, aber einer, der sich auszahlt – ließ vermuten, dass Meli nach größeren Nuancen in seinen Interpretationen sucht. Und auch als Schauspieler fühlt er sich zunehmend wohler. Während Melis dramatische Passagen in der Vergangenheit zwar gut gemeint aber steif waren, hatten sie hier eine natürliche Ausdrucksstärke.

Anna Netrebko (Aida) und Luca Salsi (Amonasro) © Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus
Anna Netrebko (Aida) und Luca Salsi (Amonasro)
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Luca Salsi gab eine technische Lehrstunde in seiner Arioso Einleitung, unterstützte in vollen Zügen seine polierte Stimme und wechselte mühelos in weiche passaggios. Dmitry Belosselsksiy blühte als Ramfis auf und Ekaterina Semenchuk hinterließ als Amneris einen starken Eindruck.

Benedetta Torre (Priestess) und Chor © Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus
Benedetta Torre (Priestess) und Chor
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Aber Shirin Neshats peinliche Nicht-Inszenierung war schwach genug, um das Gesamtniveau zu drücken. Die in New York lebende iranische Videokünstlerin, die von sich selbst behauptet, sich mit Aidas Notlage identifizieren zu können, bietet eine zweigeteilte, sich drehende offene Bühne, die als Grabmal, Gerichtssaal und Stadttor von Theben dient, um die geteilten Gesellschaften zu beleuchten. Die muslimischen, jüdischen und christlichen Stereotypen, die Neshat mithilfe des Chors aufzeigt sind leider lächerlich. Bei dieser Vorstellung sind die Sänger auf sich alleine gestellt. Glücklicherweise wussten sie sich zu helfen.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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