Von der Komposition bis zur Inszenierung dauert der Schaffensprozess einer neuen Oper oft Jahre. Das gilt auch für Alma Deutschers erste abendfüllende Oper Cinderella, was die Tatsache, dass sie dieses ambitionierte Projekt im Alter von elf Jahren verwirklichte, umso bemerkenswerter macht. Als sie begann, die Oper zu entwickeln, besaß sie bereits grundlegende Kompositionserfahrung. Die Gelegenheit, die Oper 2015 in einer Kammerfassung auf Hebräisch zu zeigen (sie ist britisch-israelisch-deutscher Herkunft) beschleunigte den Prozess. Anfang 2016 begann sie, die Partitur (teils beträchtlich) zu überarbeiten, bevor sie sie für ihre Wiener Bühnenpremiere (in deutscher Übersetzung) orchestrierte. Das fertige Werk hat eine Spieldauer von etwas über zweieinhalb Stunden und erhielt langen, enthusiastischen Applaus.

Theresa Krügl (Cinderella) und Alma Deutscher © Rolf Bock
Theresa Krügl (Cinderella) und Alma Deutscher
© Rolf Bock

Was die Handlung betrifft, so identifiziert sich Deutscher mit dem Aschenbrödel aus dem Märchen, wenngleich ihre Familie im echten Leben sie außerordentlich unterstützt; sie wird zu Hause unterrichtet und ist in der Lage, ihre musikalischen Interessen ausgiebig zu pflegen. Auch von Zubin Mehta erhielt sie Zuspruch. Und dennoch gelten junge Komponisten oft als frühreif und werden nicht für voll genommen. Wie die steigende Zahl an Interviews und Videos, in denen Alma Deutscher über ihre Werke spricht oder sie aufführt, zu genüge zeigen, ist ihre Leidenschaft für ihre Kompositionen groß und sie strahlt eine herzerquickende Überzeugung von deren Umsetzung aus. Ihre Probenfähigkeiten sind beeindruckend, ebenso die Leichtigkeit, mit der sie in ihrer Oper Violine und Klavier spielt und zudem in der zentralen Ensemblenummer singt. Zweifelsohne hat sie für eine Weile ihr Metier gefunden.

Das Libretto der Oper wurde neben ihrer Familie auch von weiteren Personen, insbesondere Elizabeth Adlington beeinflusst, die mit dramaturgischen Lösungen half, als die Geschichte eine wichtige autobiographische Wendung genommen hatte. Deutscher empfand die Angelegenheit um den Schuh als recht bedeutungslos, also schuf sie ihre Cinderella als angehende Komponistin, deren Königin der Nacht-gleiche Stiefmutter ein Opernhaus leitet und das junge Mädchen als Hauskopistin missbraucht. Die poetische Ader des Prinzen macht ihn unterdes zu einem unwahrscheinlichen Thronerben, doch sein Vater ist krank (auf komische Art und Weise), also muss er heiraten. Adlingtons Vorschlag einer alten Frau, die im Wald wohnt und besondere Kräfte besitzt, half, die Geschichte dahingehend zu entwickeln, dass ein Band mit Gedichten des Prinzen in Cinderellas Hände gerät und sie musikalisch inspiriert, noch bevor sie weiß, wer der Urheber der Gedichte ist. Deutscher verband die beiden Liebenden mit mysteriöser, packender Musik, die Cinderella dem Prinzen singt, bevor sie um Mitternacht entschwindet.

Theresa Krügl (Cinderella) und Lorin Wey (Prinz) © Rolf Bock
Theresa Krügl (Cinderella) und Lorin Wey (Prinz)
© Rolf Bock

Die ideale Verbindung von Musik und Dichtung ist ein prominentes Thema in Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg, die Alma Deutscher von ihren Eltern vorgestellt bekam. Andere Spuren davon schließen den Liedwettbewerb ein, der Teil des Maskenballes ist, und das Szenario, indem der Minister des Königs Medikamentenrezept versehentlich in den Händen der Stiefmutter lässt. Eine ihrer Töchter interpretiert es als ein Gedicht des Prinzen und gibt es zu eigener Gitarrenbegleitung gar grässlich zum Besten, bevor sie es im Wettbewerb zu Cinderellas (von ihrer Mutter entwendeten) Musik vorträgt.

Aus musikalischer Sicht beginnt die Ouvertüre mit schillernden Violinen à la Lohengrin, und Cinderellas Wesen zieht vielerlei Parallelen zu Elsa und ihren musikerfüllten Träumen. Der Singspiel-Rahmen von Deutschers Oper ist musikalisch so umgesetzt, dass er ihre Beherrschung der deutschen romantischen Operntradition für die Liebenden zeigt, ebenso wie die der italienischen komischen Oper und Mozart für die Stiefmutter und –schwestern sowie die Welt des Königs. Sollten weitere Revisionen des dramatischen Materials anstehen, könnte die komische Seite einige Kürzungen vertragen.

Katrin Koch (Zibaldona), Catarina Coresi (Stiefmutter) und Anna Voshege (Griselda) © Rolf Bock
Katrin Koch (Zibaldona), Catarina Coresi (Stiefmutter) und Anna Voshege (Griselda)
© Rolf Bock

Cinderella und der Prinz bleiben keine naiven Imitationen missverstandener romantischer Künstler. Im dritten Akt ist das Drama selbstkritischer und Deutschers Musik nimmt flexiblere, modernere Züge an. Als der Prinz argumentiert, dass er die Frau heiraten wird, die er nicht ausmachen oder erkennen kann, kicherte das Publikum in Anbetracht seines Idealismus und seines wiederholten Ausrufs im Idiom des Musicaltheaters, dass er die Melodie ihrer Seele kenne. Natürlich findet er Cinderella, und als die Waldfrau Emeline (klangvoll gesungen von Veronika Dünser) strahlend auftritt, um sie zu vermählen, sind es die Stiefmutter und ihre Töchter, die überholt verbleiben, als sie die Hochzeit zu unterbrechen versuchen und letztlich wie die Königin der Nacht und ihre Crew am Ende der Zauberflöte verbannt werden.

Der Erfolg dieser Premiere verdankt den talentierten Interpreten und dem Produktionsteam viel. Der minimale Einsatz von Requisiten auf der kleinen Bühne des Casino Baumgarten wurde von ausgezeichneten Videos (Evelyn Fey) komplementiert, die die tatsächlichen Sänger (und zwei Schauspieler) an passenden, realistischen Schauplätzen zeigten. Dominik am Zehnhoff-Söhns ließ die Handlung nach Bedarf zügig und einfallsreich voranschreiten und formte die kontrastierenden dramatischen Welten wirkungsvoll, wohlgestützt vom Oh!pera-Orchester unter Vinicius Kattah. Das Liebespaar war mit Theresa Krügl und Lorin Wey gut und dramatisch wirkungsvoll besetzt; die beiden Sänger passten auch lyrisch gut zusammen. Catarina Coresi gab eine köstlich übertriebene und stimmlich durchdringende Stiefmutter, neben ihren Töchtern Anna Voshege (eine behende Griselda) und Katrin Koch (Zibaldona). Gregor Einspieler verlieh dem König Gewicht, während sein Minister Florian Stanek wunderbare Bühnenpräsenz und schönen Ton zeigte.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.