Der Barbier von Sevilla für Kinder ist keine Produktion für Puristen. Wie der Titel bereits erahnen lässt, ist es eine gekürzte, deutsche Fassung mit Dialog für ein junges Publikum. Doch in Elena Tsavaras Inszenierung gibt es auch viel für ältere Zuschauer. Skurriles Bühnenbild und ebensolche Kostüme sowie die strahlend junge Besetzung geben der Produktion ein ansteckendes Gefühl von Energie, das den formelleren Inszenierungen für „seriöse“ Erwachsene oftmals fehlt.

Rafael Fingerlos (Figaro) © Salzburger Festspiele | Matthias Baus
Rafael Fingerlos (Figaro)
© Salzburger Festspiele | Matthias Baus

Conrad Moritz Reinhardts Bühnenbild und Elisabeth Vogetseders Kostüme identifizieren und übertreiben die Kerncharakteristika einer jeden Figur. Rosina sitzt auf einer Couch in einem riesigen, von der Decke hängenden Vogelkäfig, nippt von einer Trinkflasche für Haustiere und ist von Federn übersät. Bartolo hält beständig durch ein Teleskop Wache, von einem Ohrensessel auf einer hohen Plattform aus. Ein etwas verlotterter Figaro springt immer wieder aus seinem grell erleuchteten Friseurladen ins Bild, während Almaviva in leeren Kartons und Mülltonnen Zuflucht in der Nähe seiner Geliebten findet. Der Hörsaal als Veranstaltungsort bringt zwar unglückliche Einschränkungen mit sich (ein statisches Bühnenbild, schlechte Beleuchtung und kein richtiger Orchestergraben), doch die Produktion arbeitet geschickt um sie herum.

Andrew Haji (Almaviva) und Adriana Ferfecka (Rosina) © Salzburger Festspiele | Franz Neumayr
Andrew Haji (Almaviva) und Adriana Ferfecka (Rosina)
© Salzburger Festspiele | Franz Neumayr
Die Teilnehmer des Young Singers-Projektes füllen die fünf Rollen der Oper vollkommen. Adriana Ferfecka singt Rosina mit weichem Klang und großer dynamischer Bandbreite. Ihre Koloraturen sind klar und energetisch, und sie flitzt in ihren Federn umher und bewirft Bartolo wunderbar enthusiastisch mit Orangen. In der Rolle des Bartolo nutzt Ivan Thirion eine charaktervolle Stimme mit angenehmem Timbre. Seine absurd tattrige, eifersüchtige Figur passt zu der cartoonesken Intensität der Produktion. Andrew Hajis Almaviva ist gleichermaßen übertrieben, mit wiederholten dramatischen Liebeserklärungen an Rosina. Seine romantische Serenade mit warmem Tenor bot eine starke Eröffnung der Vorstellung. Basilio bewegt sich irgendwo zwischen einem Rechtsanwalt, einem Zauberer und einem Wilden, doch Gordon Bintner scheint sich gleichermaßen wohlzufühlen, ob er nun von Moos bedeckt ist oder Mozartkugel-Bomben aus seinem Zylinder zieht. Seine Stimme birgt eine Vielfalt an Texturen, die er einander für guten komischen Effekt gegenüberstellt.

Der Mittelpunkt der Show ist jedoch zweifelsohne Rafael Fingerlos als Figaro. Er füllt die Lücken, die durch die Kürzungen entstanden sind, indem er als unser Erzähler dient. Er kann bequem aus der Handlung heraustreten (und die anderen Sänger zum Standbild erstarren lassen) mit einem Schnipp seiner Schere. Das gibt ihm Zeit zu erklären, was vor sich geht, und seine Pläne auszubrüten. Er braucht dabei viel Unterstützung, und die Kinder im Publikum helfen gerne. Er schneidet ihre Haare, gibt High-Fives, fragt sie, wo andere Figuren sich verstecken, und erbittet Verkleidungsvorschläge für Almaviva. Er singt seine berühmte Arie gänzlich im Publikum, und wir werden angehalten, ein Echo für seine zunehmend lachhaften „Figaro!“-Rufe zu kreieren. Fingerlos zeigt durchweg Charisma, gute Laune und grenzenlose Energie. Sein Gesang ist hell und klangvoll, mit klarer deutscher Diktion und wohlplatzierten Betonungen – doch das ist noch das Geringste in dieser verrückten Show!

Duncan Ward © Salzburger Festspiele | Franz Neumayr
Duncan Ward
© Salzburger Festspiele | Franz Neumayr

Die zehn Musiker starke Orchester-Reduktion macht die Instrumentalisten sehr exponiert, doch sie gehen brillant damit um. Die Ouvertüre ist klar und energetisch, mit besonders beeindruckenden Soli von Frank Stadler an der ersten Violine und Jae Hyung Kim am Horn. Das gesamte Orchester verdient auch besonderes Lob für ihre nicht-instrumentalen Aktivitäten wie eine kurze Zeile Chorgesang und überzeugende Schreie, als eine Requisitenschlange ihren Weg in den Graben findet. Dirigent Duncan Ward hält die Musik zusammen, während er seine ganz eigene Show liefert. Er dirigiert ausdrucksvoll, mit dramatischen Ganzkörpergesten und amüsanter Mimik. Er hämmert zudem auf die Trommel, gibt den Kindern im Publikum den Einsatz für Soundeffekte und droht Figaro wütend, als dieser Teile seiner Perücke abschnippelt.

Die extremen Schnitte (von Uwe Sochaczewsky) und der zweckmäßige Dialog (Elena Tsavara), kombiniert mit der Vielzahl an Slapstick-Gags kann die Vorstellung gehetzt erscheinen lassen. Es ist ein eine 80-minütige Barbier von Sevilla 'Greatest Hits' Parade ohne Tiefgang. Die Inszenierung ist süß und clever genug, dass eine längere Vorstellung mit mehr Substanz das Interesse der jungen Zuschauer hätte halten können, vor allem, wenn eine Pause eingeplant würde. Doch was es zu sehen gibt ist ansprechend und entzückend, für einen jeden jungen Zuschauer, sei es jung in Jahren oder jung im Herzen.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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