Man konnte es nicht vermeiden. Wo immer man im idyllischen Baden-Baden auch hinsah, zierte Schillers Vers „Freude, schöner Götterfunken“ Poster und Banner für die jährlichen Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker. Als Teil ihres Festivalprogramms, das auch Wagners Tristan und Isolde beinhaltet, boten Simon Rattle und seine starken Berliner Beethovens Neunte in einem monumentalen Konzertereignis, das alles andere in den Schatten stellte. Wie kein Zweiter weiß Maestro Rattle, sein Publikum in sein musikalisches Universum einzuschließen.

Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus
Sir Simon Rattle
© Monika Rittershaus

Dabei vergaß man beinahe Mitsuko Uchidas Interpretation von Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 in Es-Dur. Ohne diese Programmänderung hätte Beethovens Neunte nicht in einem solchen Kontrast von olympischen Ausmaßen gestanden. In ihrer flüssigen, emphatischen Phrasierung beleuchtete sie jeden Ton. Zusammen mit Rattle, der die Intensität seines Orchesters mit dem Wink eines Fingers verstärken kann, bewegte sie sich mit subtilem Schwung und entließ das Publikum nie aus seiner Konzentration.

Im Allegro faszinierte Stefan Schweigert sofort mit seinem Fagott. Sowohl im Mozart als auch im Beethoven zeigte er sein erstklassiges Spiel und das schillernde Spektrum seines Instrumentes mit unvergesslicher Leuchtkraft. Dazu kontrastierten die Flötenpassagen im Andante wunderbar schrill. Im letzten Satz untermalte das Pizzicato Mitsuko Uchidas bezauberndes Spiel. Sie formte Mozarts Passagen mit präzisen Zäsuren und zog mit ihrer elegant fokussierten Führung in den Bann – ein Großteil des Publikums lauschte mit geneigtem Kopf und geschlossenen Augen. Am Ende des Konzertes empfand ich eine absolute innere Ruhe.

Diese entspannte Haltung erlaubte einen außerordentlich seltenen Beginn von Beethovens Neunter. Es war eine dieser ungemein bereichernden Erfahrungen, die einen daran erinnert, dass Musik die Mächtigste aller Waffen sein kann. Nachdem das Orchester im Allegro non troppo erwacht, liefen die Streicher wie ein kraftvoller Motor zu Höchstform auf. Bei brandenden Pauken trieb Rattle die Musik mit einladenden Gesten voran. Als die pulsierende Streichertextur sich verdichtete, röhrten besonders die Bässe und fesselten den Hörer in ihrer zusehends dichteren Gewebe. Im Molto vivace zeigte Rattle die Transparenz seines Orchesters in der Fuge, was einen schönen Kontrast zur vorher gezeigten musikalischen Muskelkraft bildete.

Bevor Rattle mit seiner gespannten Steigerung im Adagio molto fortfuhr, betraten die vier Solisten die Bühne – und nicht nur irgendwelche Solisten! Ein fest geerdeter Florian Boesch zeigte mit freudestrahlenden Augen einen hoffnungsvoll entschlossenen Ton. Sein tiefer Bass tröstete als der Prager Philharmonische Chor im letzten Presto-Satz feurig mit einstimmte. Genia Kühmeiers klare hohe Lage kontrastierte markant mit Sarah Connollys lieblichen Mezzo. Als Vertretung für Pavol Breslik schien Tenor Steve Davislim auf überzeugende Weise überwältigt, wischte sich zweimal während des Konzertes Tränen aus den Augen und sang mit solcher Hingabe als hinge sein Leben davon ab. Bisweilen übertönten ihn das Orchester und die Heftigkeit des Chores allerdings.

Als „Alle Menschen werden Brüder“ überschäumend durch das Auditorium schallte, wurde mir bewusst, wie privilegiert ich war, das zu erleben. Es dauerte fünf Minuten, doch letztlich zeigte das gesamte Publikum des Baden-Badener Festspielhauses seine Dankbarkeit mit stehenden Ovationen. Als ich den Saal verließ, zitterten meine Hände noch immer.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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