Nach der Premiere an der English National Opera wird Terry Gilliams Produktion von Berlioz' Benvenuto Cellini nun an der Niederländischen Oper gespielt, diesmal im französischen Original. Die Inszenierung wurde in London von Presse und Publikum gleichermaßen enthusiastisch aufgenommen, und dem lauten Jubel des Publikums am Samstag Abend nach zu urteilen, wird sie in Amsterdam ganz genau so erfolgreich sein.

Es klingt nach einer Herkulesaufgabe, Benvenuto Cellini, dieses berüchtigt schwierige, mit Makeln behaftete Werk Berlioz', das vom Publikum seit seiner Uraufführung gemieden wird, in ein ansprechendes und äußerst unterhaltsames Abendprogramm zu verwandeln, das seiner jugendlichen, energetischen Musik gerecht wird. Genau das ist, was Terry Gilliam, Dirigent Sir Mark Elder, den Rotterdamer Philharmonikern und einem ausgezeichneten Team von Solisten gelungen ist, und es ist nichts weniger als ein Wunder.

Es wurde viel gesagt und geschrieben über die Makel von Berlioz' erster Oper. Verfasst für die Opéra-Comique wurde sie abgelehnt und überarbeitet, um den größeren Anforderungen der Opéra de Paris zu entsprechen. Dadurch erhielt sie einen hybriden Charakter, weder grand opéra noch opéra bouffe, mit dem sie nur schwer einer Kategorie zugeordnet werden kann. Das Libretto, lose basiert auf den Memoiren des namengebenden florentinischen Goldschmieds und Abenteurers des 16. Jahrhunderts, ist verwirrend: Es ist ein Rennen gegen die Zeit, in dem der vielgepriesene Goldschmied Cellini eine Bronzestatue gießt, die ihm wiederum die Begnadigung des Papstes Clemens VII für einen Mord bringen soll, den er begangen hat, als er seine Geliebte, die junge Teresa, zu entführen versuchte. Teresas Vater Giacomo Balducci, des Papstes Schatzmeister, ist gegen Cellini und bevorzugt dessen Rivalen Fieramosca, sowohl für den Auftrag des Papstes als auch die Hand seiner Tochter. Trotz der Intrigen der zwei Männer triumphiert Cellini, gießt sein Meisterwerk und bekommt das Mädchen.

All das ereignet sich während des römischen Karnevals, und es ist die Ensembleszene am Faschingsdienstag, in der Terry Gilliams Inszenierung am spektakulärsten ist: zu den Solisten und dem gesamte Chor der Niederländischen Oper stößt eine bunte Truppe von Akrobaten, Jongleuren und Tänzern in einem superb choreographierten Chaos, dessen unglaubliche Virtuosität perfekt zu Berlioz' Musik passt. Es gibt den ganzen Abend hindurch viele andere visuell strahlende Momente, von denen der sehr Monty-Pythoneske, große Auftritt des Papstes als „Sohn des Himmels“, eskortiert von einer Garde sehr affektierter römischer Centurios, war dabei mein absoluter Favorit. Doch nie untergräbt die üppige Regie die Musik, und Gilliam weiß genau wie und wann er es etwas ruhiger angehen lassen muss, sodass die Solisten allen Raum haben, um in ihren Arien zu glänzen.

Die Virtuosität auf der Bühne kam gleich mit der im Graben, wo Sir Mark Elder die Rotterdamer Philharmoniker meisterlich mit Chor und Solisten auf der Bühne abstimmte, sogar während der bombastischsten Ensembles. Es ist ziemlich unglaublich, dass aus der ganzen Oper einzig Ascanios Arie aus dem zweiten Akt auch nur ein bisschen Bekanntheit erhalten hat. Cellinis Romanze im ersten Akt, die den Helden als Liebhaber und Künstler porträtiert, ist herrlich, das Trio, in dem er mit Teresa ihre Flucht plant, während er von Fieramosca belauscht wird, ist grandios. Der Chor der Goldschmiede besitzt die Art Melodie, die einem tagelang im Kopf bleibt.

Die Besetzung ist generell ausgezeichnet, und in der Titelrolle gab John Osborn eine unvergessliche Darbietung. Seine französische Aussprache war beeindruckend makellos, er meisterte die teuflische Gesangslage der Rolle (geschrieben für Gilbert Duprez, den ersten Operntenor, der je das hohe C in Bruststimme sang) mit scheinbarer Leichtigkeit. Seine Stimme war kraftvoll und männlich und passte großartig zu Cellinis auffallender Figur, und war doch unendlich beweglich. Das virtuose „La gloire était ma seule idole“, gesungen mit herrlichen Pianissimi, war ein Moment der Glücksseligkeit. Mariangela Sicilia gab eine einnehmende und feurige Teresa, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Ihr Sopran ist rund und ansprechend, ihre Koloratur in der Cavatina des ersten Aktes war sauber und locker gesungen. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ihr Französisch unverständlich war – aber ich nehme an, dass es im Publikum nur wenige weitere gallische Zuhörer hab, denen das auffallen könnte. Ihr Landsmann Maurizio Muraro war herausragend in der Rolle des an einen Dr. Bartolo erinnernden Balducci. Laurent Naouri mit seinem markanten Bariton und tadelloser Diktion war unwiderstehlich in der komischen Schurkenrolle des Fieramosca. Michèle Losiers Interpretation von Ascanios Arie „Mais qu'ai-je donc?“ war ausdrücklich knabenhaft, und auch die übrigen Rollen waren wunderbar besetzt. Am besten gefielen mir davon Orlin Anastassov (Papst Clemens VII), Nicky Spence (Francesco) und Scott Conner (Bernardino).

Nur die Zukunft wird es zeigen, aber ich gehe davon aus, das Benvenuto Cellini durch Gilliams spektakuläre Inszenierung endlich den Platz im Standardrepertoire erhalten wird, den die Oper verdient.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.
 

****1