„Wo ist die Bühne: außen oder innen?” Mit den gesprochenen Anfangszeilen von Bartóks Herzog Blaubarts Burg stellt der Barde das Publikum vor die Wahl: Entweder man vertraut seinen Augen für die kommende Opernstunde oder man geht viel tiefer, um die Handlung zu ergründen. Regisseur Romeo Castellucci lässt in seinem intensiven Psychodrama über zwei Seelen, die Erlösung suchen und keine finden, kaum eine Wahl. Die erste Hälfte einer Doppelvorstellung bei den Salzburger Festspielen, die mit seinem zweiten Stück, Carl Orffs Oratorienoper De temporum fine comoedia, verpuffte, ist hervorragend gelungen.

Aušrinė Stundytė (Judith)
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Blaubarts Burg ist von Symbolik überlagert, selbst in Versionen, die sich enger an die vom Komponisten vorgegebene ursprüngliche Regieanweisung halten. Jede der sieben Türen von Blaubarts Burg, die er auf Drängen von Judith, seiner neuen Braut, öffnet, enthüllt mehr von seinen schmutzigen Geheimnissen und bestätigt gleichzeitig ihren Verdacht. Blaubart hat Judiths Vorgängerinnen ermordet und plant dasselbe Schicksal für sie. Hinter jeder Tür verbergen sich andere Reichtümer - sein Vermögen, sein Reich, sein Garten voller prächtiger Blumen - und sie alle sind mit Blut befleckt. Während sie unwiderruflich ihrem Untergang entgegengeht, dient Judith auch als Vehikel, das in Blaubarts Inneres eindringt. Doch was sie dazu getrieben hat, Blaubarts Liebe zu suchen, selbst auf Kosten ihrer eigenen Zerstörung, bleibt ein Rätsel.

Mika Kares (Bluebeard) und Aušrinė Stundytė (Judith)
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Nicht so in Castelluccis Psychothriller. Der Vorhang hebt sich zu den Schreien eines Babys und den verzweifelten Bitten einer Frau. Sind das die Schreie einer Mutter, die gerade ihr eigenes Kind getötet hat? Der Verdacht wächst, als sie mit einem toten Säugling im Arm erscheint. Und so ist Judith nicht länger das Instrument, das Blaubarts Geheimnis lüftet. Sie hat ihre eigene Sünde begangen und versucht, sie zu sühnen, indem sie Licht in die dunkle Welt des Herzogs bringt. Und für eine Weile scheint es auch zu funktionieren. Jede Tür, die sich öffnet, bringt einen Sonnenstrahl in die düsteren Burgmauern... bis die siebte Tür Blaubarts ehemalige Ehefrauen enthüllt. Während Judith sich darauf vorbereitet, sich zu ihnen zu gesellen, erzählt Blaubart ihr, dass jede von ihnen Schönheit in seine Welt gebracht hat; die eine schuf den Sonnenaufgang, die andere den strahlend hellen Mittag und die dritte den friedlichen Sonnenuntergang. Nun hat Judith das Gleiche für die Nacht getan.

In Castelluccis Inszenierung gibt es keine Türen, zumindest keine sichtbaren. Judith nimmt sie wahr, und auch Blaubarts Antworten zeigen, dass sie für ihn real sind. Aber es spielt sich alles in ihren Köpfen ab. Die Bühne ist dunkel und kahl, plötzlich lodern Flammen auf und Wasser überflutet die Bühne, ein Symbol sowohl für den See, der von den „Tränen des Kummers” hinter der sechsten Tür gespeist wird, als auch für die Tränen, die das Paar auf seiner inneren Entdeckungsreise vergießt. Eine Reihe von Flammen bildet das Wort „ICH” und spiegelt die Suche der Hauptpersonen nach ihrer eigenen Identität wider. Es ist eine Reise, auf der Judith den Weg vorgibt. 

Aušrinė Stundytė (Judith) und Mika Kares (Bluebeard)
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Mit einem Bass, der eher liebkost als bedroht, war Mika Kares ein ungewöhnlich sanfter Blaubart, der die Dominanz an Aušrinė Stundytės ausdrucksstarke Stimme und Dramatik abtrat. An einem Punkt würgt Blaubart Judith, an einem anderen bedroht sie ihn mit einem Messer. Dennoch harmonieren sie in Stimme und Handlung. Was die Diktion betrifft, so war die ungarische Aussprache von Kares hervorragend, die von Stundytė weniger.

Teodor Currentzis und das Gustav Mahler Jugendorchester machten Bartóks Klangwelt alle Ehre. Das C-Dur-Tutti des Orchesters, wenn sich die fünfte Tür öffnete und Blaubarts Reich zum Vorschein kommt, war herzzerreißend. Das ist aber nur ein Beispiel für die Sorgfalt und Hingabe, mit der Currentzis eine Partitur voller Streichertremolos, kühner Blechbläserausbrüche, sanfter Holzbläser, flirrender Arpeggios und plötzlicher Höhepunkte umsetzt. Currentzis öffnete jede musikalische Tür mit Intensität und Präzision und untermauerte den stimmlichen Dialog mit Sensibilität und Elan.

Der Barde von Helena Rasker beendet den Prolog mit folgenden Worten: ‹Die Bühne liegt außen und innen. Lasst Blaubarts Vorstellung beginnen! Der Vorhang in Blaubarts Halle hat sich gehoben – bitte applaudieren Sie, wenn er fallen muss.” Ich tat es mit Begeisterung, für einen großartigen ersten Teil eines Abends, der wenig – und doch alles – der Fantasie überließ. 

De temporum fine comoedia
© Salzburger Festspiele | Monika Rittershaus

Nicht so sehr für Orffs Oratorienoper. Sie wurde zwar gut aufgeführt, schien aber nur dazu da zu sein, um den Abend auszufüllen. Die Geschichte zweier rivalisierender religiöser Dogmen endet mit dem Triumph der einen, die den reformierten Sündern Erlösung verspricht, über die andere, die ihnen mit den Schrecken der Hölle droht. Trommeln und Becken krachen, Chöre dröhnen auf und hinter der Bühne, und Sibyllen schreien den Sündern Warnungen vor ewigen Qualen entgegen, während sie Kinder zu Tode würgen. Alles endet mit Luzifers „Pater peccavi” (Vater, ich habe gesündigt), während er sein schwarzes Gewand gegen ein weißes austauscht. Ihm wird die Erlösung zuteil. Ebenso wie diejenigen im Publikum, denen der Weg dorthin zu lang, zu repetitiv und zu plakativ war. Vor allem nach der Subtilität von Castelluccis Bartók.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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