Bernsteins Candide ist vielleicht eine der bedeutendsten Operetten des 20. Jahrhunderts. Nicht nur deshalb, weil sie eine der wenigen Vertreter der amerikanischen Operette ist, sondern auch, weil sie zu einer Zeit geschrieben wurde, in der das Musical bereits dominierte. Die Musik ist jedoch in vielerlei Hinsicht der eines Musicals ähnlicher als der einer Oper der Zeit oder der europäischen Operetten-Tradition. Aber anstatt als Außenseiter zwischen den Stühlen zu sitzen und weder zur einen noch zur anderen Gattung zu gehören, ist Candide beides – Operette und Musical, und bietet die musikalische und stimmliche Raffinesse der Oper mit der Zugänglichkeit des Musicals. Basierend auf der gleichnamigen Novelle von Voltaire, erzählt Candide die Geschichte des jungen Titelhelden, dessen naiver Optimismus ihm durch eine Reihe bizarrer und unglücklicher Vorfälle ausgetrieben wird.

Mit ihrer Wahl, die konzertante Version von 1993 zu geben, hauchte die Staatsoper Berlin dieser phantastische Geschichte Leben ein. Das Bühnenbild ist bunt und irrwitzig und ergänzt sowohl die Musik als auch die Handlung perfekt. Es gibt eine schwimmende Badewanne, einen Bischof, geschmückt wie ein Weihnachtsbaum, und eine Schar Kinder, die von einer clownsähnlichen Gestalt unterrichtet werden. All dies wird vom grotesk gekleideten Chor streng überwacht. Mit diesem Sinn für Humor und Absurdität, der der ganzen Produktion unterliegt, macht das Zusehen wirklich Spaß. Der Erzähler (mit einem starken, aber nachvollziehbaren deutschen Akzent) und kurze, projizierte Eckszenen (auf Deutsch) leitet das Publikum durch die Handlung. Gelegentlich ist das geschriebene Wort ein wenig im Wege – es ist schwer, einen Absatz zu lesen und gleichzeitig der Ouvertüre zu folgen – doch zumeist war es gewitzt und erleuchtend.

Die ausgezeichnete Besetzung kletterte über Türrahmen, tauchten aus Badewannen auf und sprangen aus Kisten hervor. In der Titelrolle sah man den phantastischen amerikanischen Tenor Leonardo Capalbo. Er bietet das volle Programm: attraktiv, tolle Stimme, gute schauspielerische Fähigkeiten. Seiner vollen, runden Stimme zuzuhören ist eine wahre Freude, aber noch bemerkenswerter ist seine Atemkontrolle, die es ihm erlaubt, Phrasen zu formen wie es kein anderer kann. Seine Angebetete Kunigunde wurde von der wunderbaren Elin Rombo gesungen, und ihre Version von „Glitter and be Gay“ beinhaltete einige der leichtesten und verspieltesten Koloraturen, die ich je gehört habe.

So beeindruckend wie die Protagonisten waren die Charakterrollen, beispielsweise Graham F. Valentine, der einen urkomischen Pangloss spielte, halb gesprochen, halb gesungen, mit einer unnachahmlich lustigen, nasalen Stimme.Anja Silja war als Alte Dame war stimmlich etwas schwach, was aber nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass sie eine bekannte Sopranistin ist, die hier eine Altrolle singt. Zudem war ihr Englisch stark akzentbelastet und bisweilen schwer verständlich. Aus dramatischer Sicht aber überzeugte sie, und hier unterstrich ihr merkwürdiger Akzent ihren Charakter sogar, besonders in ihrer Arie „I am easily assimilated“.

Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung des britischen Dirigenten Wayne Marshall spielte mit aller rhythmischen Vitalität, die man für dieses Stück braucht. In Bernsteins Werken ist es nicht immer einfach, die richtige Balance zwischen Jazz, Klassik und Musical zu finden, aber Marshall und die Staatskapelle gingen souverän ihren Weg durch Bernsteins stilistischen Eklektizismus. Was ich tatsächlich ein wenig enttäuschend fand war der Chor, dessen Englisch nahezu unverständlich war, sein Zusammenspiel brüchig. Diese Musik lebt von ihrem Rhythmus, und in diesem Bereich ließ der Chor etwas zu wünschen übrig.

Nichtsdestotrotz war das einer der schönsten Opernbesuche seit langem, mit wunderbaren Einzel- und Ensembledarbietungen, großartigen, singenden Schauspielern und einer zum Schreien komischen Inszenierung, die perfekt zur aberwitzigen Handlung passte. Candide macht Spaß, vom ersten bis zum letzten Takt, und sie ist einfach ein Muss, für Opernliebhaber und Opernhasser gleichermaßen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

****1